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Wenn ein soeben erst auf die Welt gekommenes Baby mit dem ersten Schrei sein Recht auf Leben einfordert, ist dieses menschliche Wesen dann gut oder böse?
Ist alles in seinen Genen bereits vorprogrammiert oder wird es von seiner
Umgebung geformt? Hat dieses Häufchen Mensch denn überhaupt noch eine
Chance, sich wirklich individuell zu entwickeln - später einmal Mensch zu sein? Diese ursprünglich rein philosophische Frage interessiert indes schon lange niemanden mehr. Sie wurde wie so vieles auf die ökonomische Ebene verlagert, dorthin also, wo die Kosten vom Nutzen abgezogen und die Differenz für neue Investitionen eingesetzt wird. Die Tatsachen sprechen eine deutliche Sprache, denn lange bevor in unse-ren Breiten ein Mensch zur Welt kommt, ist er bereits elektronisch erfaßt und gespeichert. Das kleine Wesen ist sich über sein Geschlecht noch uneins, da ist es schon Bestandteil statistischer Hochrechnungen, beginnend vom zu erwartenden Kirchenbeitrag über die von irgendwelchen Generälen geforderte Verpflichtung, sein Vaterland zu verteidigen bis hin zu den bekannten Millionenbetrügereien der Pensionsversicherungen. Alle diese Hyänen wissen schon zu diesem frühen Zeitpunkt, wie der kleine Wurm später einmal ihre Taschen füllen wird. Nachdem der Sinn seines zukünftigen Lebens also auf diese banale Weise manifestiert wurde, wird er nun daran gehen, seine ganze Kraft und Energie einzusetzen, um ein System am Leben zu erhalten, das im Grunde nichts anderes tut, als ihn nach Strich und Faden auszunehmen und wenn er dann am Ende seines Lebens in die Grube gestiegen sein wird, kann man seinem Nachruf entnehmen, daß sein ganzes Leben Arbeit gewesen sei und er daher einen Platz in der fußfreien Reihe da oben ja wohl sicherlich verdient
hätte. Ich weiß nicht, was meine Mutter sich dabei gedacht hat, als sie mich einst
in diese Welt setzte, doch bin ich mir ziemlich sicher, daß sie es nicht tat, damit ich hier die Buchhaltung für andere mache!
Statt dessen saß ich auf einer kleinen Bank vor einem wackeligen Holztisch und spielte Domino. Auf meinem vormittäglichen Rundgang durch Las Terrenas war ich hier am Strand neben dem Friedhof hängen geblieben. Gegen Vocito hatte ich natürlich keine Chance. Ich kannte ihn schon seit den frühesten Zeiten meines Hierseins und er ist auch heute noch einer meiner besten Freunde. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er durch abendliche Auftritte mit seinen Freunden in den Hotels. Hier singen und spielen sie für die Touristen. Damit nicht genug, verdingt er sich tagsüber auch noch als Handwerker im Punta Bonita Resort, denn Don Louis vergrößert die Anlage ständig und sorgt so für weitere Arbeitsplätze. Selbstverständlich ist es auch hier wichtig, ein möglichst regelmäßiges Einkommen zu haben, doch geht eben nicht die eine Hälfte für die Steuer und die andere für das Zahlen von Erlagscheinen drauf. Manuel, ein Fischer aus La Ceiba, beispielsweise verkauft seit jeher seine in Aluminium gegarten Fische an der Playa Cultura nicht nur an sonnenhungrige Touristen, sondern auch an seine eigenen Landsleute. Das Geld, das er damit verdient, trägt er aber nicht etwa zur Bank, sondern gibt es in der gleichen Nacht wieder für Rum und Mädchen aus und wenn Sie ihn fragen sollten, wie es ihm geht, wird er antworten: „Muy bien, Gracias!“ - „Sehr gut, Danke!“ Er dächte nicht im Traum daran, die Prämien für eine Ablebens- oder Erlebens- oder eine sonstige Versicherung zu bezahlen, in eine ungewisse Zukunft zu investieren. Er lebt jetzt! Ich gebe gerne zu, daß das Gesundheitswesen hier für die ganz armen Menschen ziemlich im Argen liegt, doch ist es im Grunde nicht immer noch besser, den Arzt selbst zu bezahlen als zusätzlich noch eine aufgeblähte Krankenversicherung, deren tausende Beamte in großklotzigen Glaspa-ästen sich gegenseitig mit Papier zudecken, während ihre Beitragszahler ins Ausland reisen müssen, um sich hier mit den paar Kröten, die ihnen noch geblieben sind, ihre dritten Zähne anfertigen zu lassen?
Doch kommen wir wieder zu dem kleinen Tisch am Strand neben dem Friedhof zurück. Es war ein Spieltisch, denn in den vier Ecken der Platte waren runde Löcher geschnitten, wohinein die lustigen Plastikbecher mit dem Rum deponiert werden konnten. So war das kostbare Naß gegen unbeabsichtigtes Verschütten gesichert.
Obwohl ich pausenlos verlor, hatte die Begegnung doch auch etwas Gutes, denn Vocito erzählte mir ausführlich von Sabana de la Mar, jenem aben-teuerlichen Fischerdorf auf der anderen Seite der Bucht, wo es so gut wie keine Touristen gäbe und daher der Rum noch billig und die Mädchen willig wären! Seine Schilderungen waren so überzeugend, daß wir schließlich unser Spiel beendeten und die Flasche leerten. Ein Concho brachte mich nach Hause. Hier duschte ich, wechselte die Kleidung, griff mir eine Handvoll Pesos aus dem Koffer und machte mich auf den Weg.
Zunächst ging es mit einem Pick Up über die Berge nach Sanchez. Das Fahrzeug war noch nicht zum Stillstand gekommen, da wurde ich schon herunter gezerrt und in einen altersschwachen Minibus verfrachtet, der sich sofort darauf nach Samaná in Bewegung setzte. Diese Bedarfstaxis findet man überall im Land. Sie können mit den „Publicos“ in die entlegensten Nester reisen, vorausgesetzt natürlich, Sie haben genügend Zeit. Für weitere Reisen empfiehlt sich jedoch eine Fahrt mit einer der großen Überlandbusse, welche fixe Abfahrts- und Ankunfts-zeiten haben und die größeren Städte mit einander verbinden. Hier gibt es Aircondition, Video und WC an Bord. In diesen rollenden fünf Sterne Hotels sitzt man wie im Flugzeug und ebenso wie dort wird das Gepäck unterhalb des Passagierraumes verstaut. Mit Rücksicht auf die Sicherheit der Fahrgäste sind Stehplätze hier nicht vorgesehen. Im Gegensatz dazu ließ unser Minibus allerdings jeden Hauch von Luxus vermissen. Ursprünglich für acht Fahrgäste konstruiert, waren mit dem Fahrer nun insgesamt neunzehn Personen unterwegs und das Fehlen der Klimaanlage wurde durch die offene Schiebetüre an der rechten Seite mehr als ausgeglichen. Niemand möge behaupten, dieses Land zu kennen, ohne zumindest einmal an einer solchen Fahrt teilgenommen zu haben. Es ist wie ein Blick in das wahre Leben. Ich saß mit der linken Gesäßhälfte auf einem wackeligen Notsitz direkt hinter dem Eingang und hatte den rechten Fuß durch die offene Türe ins Freie gestreckt. Unter mir rollte eine leere Rumflasche pausenlos hin und her und während zur linken eine gewaltige weibliche Brust mir fast den Atem nahm, war mein Blick geradeaus auf den bedauernswerten teilrasierten Hahn gerichtet, welcher direkt vor mir an einer Schnur von der Schulter meines Vordermannes baumelte. Dazu gab es die übliche laute Musik. Ich habe schon Lautsprecherboxen gesehen, welche sich hinter der letzten Sitzreihe befanden und tatsächlich die gesamte Breite des Fahrgastraumes einnahmen.Es gibt in diesen Minibussen sogar so etwas wie eine Sitzordnung. Die Gringos sind Gäste und kommen zuerst an die Reihe. Sie sitzen daher auf der hintersten Bank. Attraktive Damen hingegen werden zumeist neben den Fahrer plaziert, um dessen Aufmerksamkeit möglichst von der Straße wegzulenken. Selbst wenn der Kleinbus bereits zum Bersten voll ist, wird jeder, der noch mitreisen möchte, gerne dazu eingeladen und so kommt es durchaus vor, dass Kurzstreckenpassagiere gänzlich im Freien hängen, nur ihre Hände und Füße befinden sich noch herrinnen. Wenn ein solches Gefährt sich auf den Straßen einer europäischen Großstadt bewegen würde, bekäme der Fahrer vermutlich lebenslange Haft! Trotz total abgefahrener Reifen bestand für die Fahrgäste jedoch keine un-mittelbare Gefahr, denn die Fahrgeschwindigkeit hielt sich in Grenzen. Wirklich eilig hat es hier niemand. Der Weg ist das Ziel! Empfehlenswert ist auf jeden Fall die Mitnahme von Kleingeld, denn auch hier hängt die Höhe des Fahrpreises im Wesentlichen von der Sympathie des
Fahrgastes ab. Selbstverständlich zahle ich mittlerweile nur mehr den Standardtarif und sollte es dennoch vorkommen, daß ein Schlitzohr meint, den Gringozuschlag einfordern zu können, dann kriegt er den Marsch geblasen oder - wie Lothar sich immer auszudrücken beliebte - das Wort zum Sonntag verlesen. Erstaunlicherweise kann ich in diesen seltenen Fällen mit der Solidarität der übrigen Fahrgäste rechnen, denn sie alle haben sich auch schon irgendwann einmal über derartige Versuche der Abzockerei ärgern müssen.
Endlich in Samaná angekommen, verließ ich das Público an der Mole und suchte die kleine Kneipe auf, in der ich damals mit den Leuten von der Marine Domino gespielt hatte. Das Mädchen mit den breiten Hüften war Gott sei Dank nicht da und so
bestellte ich erleichtert ein großes Bier und erkundigte mich nach der Fähre. Ein freundlicher Knabe erklärte mir, daß diese erst in drei Stunden erwartet würde und so beschloß ich, mich in das darüberliegene Restaurant zu begeben, um von dort aufs Meer zu schauen und mit Maria zu plaudern. Es war Ende Januar und um diese Zeit ist überall Hochsaison. Hier oben warteten Touristen aus aller Herren Länder auf die nächste Fähre, um damit zur Cayo Levantado zu gelangen, denn die Insel aus der Bacardi - Werbung muß man ja unbedingt gesehen haben. Die Wenigsten wissen jedoch, daß so gut wie jedes Land hier in Mittelamerika seine eigene Bacardi - Insel hat und es wundert daher auch nicht, daß in der República Dominicana gleich noch ein weiteres Eiland als Bacardi - Insel verkauft wird. Es liegt im Südosten und heißt Isla Saona. Sie ist Teil eines Naturschutzreservates und man erzählte mir, daß die dort lebenden Menschen allesamt eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung hätten. Der erste Spanier, so berichtet eine Legende, der damals dieses Kleinod betrat, errichtete hier zwei Holzgerüste nebeneinander: ein Kreuz und einen Galgen!
Ich ergatterte noch einen Platz an der Theke und sah mich um. Einige hundert Meter entfernt bemerkte ich eine Luxusyacht, auf welcher sich hinten ein Hubschrauber befand. Damit kommt man natürlich bequemer an Land zum Shopping oder Sight Seeing und nur ausgesprochen mißtrauische Menschen kämen auf die Idee, daß damit auch der Transport von Drogen sicherer zu bewerkstelligen sei. Ich stellte mir vor, wie der Besitzer salopp die Beine auf die schwarze Marmorplatte des kostbaren Mahagonitisches legt und am Telephon seinem Broker an der Wall Street seine Wünsche und Anregungen durchgibt. Möglicherweise kann er so in zwanzig Minuten mehr verdienen als ein Dominikaner im Laufe von zweihundert Jahren.
Obwohl Maria an diesem Tag gar nicht anwesend war, verging die Zeit wie im Fluge und plötzlich klopfte mir jemand von hinten auf die Schulter. Es war der nette Knabe von vorhin. „Dort ist Deine Fähre, Amigo!“ meinte er und zeigte mit ausgestrecktem Arm hinüber zur Anlegestelle. Ich dankte artig, gab ihm einen Fünfer und stieg auf die Straße hinunter. Hier auf der Mole hatte sich inzwischen eine dichte Menschentraube versammelt. Laut schnatternd wartete die Meute, bis der letzte Passagier das Boot verlassen hatte. Vor dem schmalen Holzsteg, der auf das Schiff führte, stand der
Bootsmann und verkaufte die Karten. Der Kahn selbst machte den Eindruck, doch schon um einiges älter als die Republik zu sein. Er bestand ursprünglich zur Gänze aus Holz, doch wurden die vielen morschen Stellen des Rumpfes vermutlich seit Generationen außen zusätzlich mit Blech beschlagen, so daß im Laufe der Zeit ein rostiges Flickwerk entstanden war, das auch durch die vielfachen Lackanstriche nicht
zu vertuschen war und dessen Anblick mich irgendwie an die Wiener Schule des Phantastischen Realismus´ erinnerte. Das kleine Holzschild über dem Eingang zur Kajüte begrenzte die Anzahl der Mitreisenden auf sechzig Personen. Kleinere Motorräder durften gegen Aufpreis mitgenommen werden, für größere Fahrzeuge hingegen gibt es bis heute keine Überfahrtsmöglichkeit. Die müssen rund vierhundert Kilometer über die halbe Insel fahren, um die Bucht zu umrunden und über Hato Mayor nach Sabana de la Mar zu gelangen. Der Preis für die einstündige Überfuhr betrug zwanzig oder dreißig Pesos. Es gab nur diesen einen Seelenverkäufer und der überquerte die Bucht zweimal täglich: einmal vormittags und einmal nachmittags.
Während die übrigen Passagiere sich unter Deck begaben, nahm ich hier
draußen auf einer der Holzbänke Platz, welche auf beiden Seiten der Steuermannskajüte einen herrlichen Ausblick über das Meer versprachen. Ich reiste mit wenig Gepäck, lediglich eine kleine braune Ledertasche mit ein paar Socken sowie den üblichen Dusch- und Erfrischungsutensilien hatte ich mitgenommen. Die Überfahrt verlief nach Plan. Wir umfuhren eine der kleinen Inseln und nahmen dann Kurs auf die gegenüberliegende Seite. Die See war ruhig, der Himmel zeigte wie immer sein herrliches Blau und die leichte Brise hier oben empfand ich als wohltuend und angenehm. Mit etwas Glück, so dachte ich, bekämen wir vielleicht sogar einen Wal zu Gesicht, denn um diese Jahreszeit halten sie sich immer hier in der Bucht von Samaná auf, um ihre Jungen zu gebären und sich danach erneut zu paaren. Obwohl wir nicht auf offener See waren, schaukelte der altersschwache Kahn ganz ordentlich. Es spritzte jedesmal bis aufs Deck, wenn der Bug in die nächste Welle eintauchte. Gleichmäßig tuckerte der Diesel dahin. Ich atmete´tief durch. Ein wildes Gefühl von Freiheit durchströmte mich. Für einen Moment lang dachte ich an die armen Kollegen längst vergangener Zeiten, wie sie in den Großraumbüros hockten, die nächsten Rationalisierungsprojekte besprachen, immer bemüht, mit der Meinung des Chefs konform zu gehen und dabei trotz ihres geheuchelten Engagements verstohlen auf die Uhr schauten, wann denn endlich Feierabend sei. Für dieses Leben war ich nicht mehr tauglich. Lieber würde ich hier verhungern als dort zu arbeiten. Wie sagte doch ein alter Seeräuber? Lieber in der Hölle herrschen als im Himmel dienen!
Langsam wurden die Konturen unseres Ziels deutlicher. Man konnte bereits die ersten verwinkelten Hütten mit ihren Wellblechdächern erkennen. An verschiedenen Stellen stieg Rauch empor. Im Gegensatz zu Samaná fehlten hier die Berge im Hintergrund. Die Ausläufer der „Cordilleras Orientales“ beginnen erst viele Kilometer hinter dem Ort. Zur Rechten erstreckte sich der riesige Nationalpark Los Haitises mit seinen vielen Tainohöhlen und Vogelinseln. Wir waren noch etwa vierhundert Meter von der Anlegestelle entfernt, als das Wasser unter uns urplötzlich die Farbe wechselte. Die Grenze war ganz deutlich zu sehen: Links noch tiefblau und rechts schmutzig braun. Der Kapitän hatte den Motor ausgeschaltet und ließ nun den Anker hinab. Vom Steg hatte sich unterdessen eine Vielzahl winziger Boote auf den Weg gemacht. Sie wurden von jungen Männern herangeschoben, um die Passagiere zu
übernehmen. Das Wasser ging ihnen bis zur Schulter. Es herrschte derzeit offenbar Ebbe und unser Seelenverkäufer konnte daher mangels Wassertiefe den Anlegesteg nicht erreichen. Die Umsteigerei erforderte doch einiges Geschick und war trotz vieler hilfreicher Arme speziell für die beleibteren Damen nicht ganz einfach. Doch ging alles gut und nach Bezahlung von weiteren zehn Pesos hatten wir nun endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Die hölzerne Mole war gut und gerne zweihundert Meter lang, das Wasser darunter jedoch unglaublich schmutzig. Alle Abfälle des Ortes werden ungehindert ins Meer entlassen und darin tummeln sich noch die nackten
Kinder! Der Steg führte direkt auf den quadratischen Hauptplatz. Wie in den
allermeisten Städten des Landes war auch hier ein kleiner Park mit steinernen Bänken angelegt worden, auf denen die Bewohner sich niederlassen und so im Schatten miteinander plaudern oder Domino spielen können. Als kulturelle Zentren der Gemeinden sind sie selbstverständlich auch Kulissen für politische Veranstaltungen und sonstiger Festivitäten wie der Karneval im Februar, dem Tag der Staatsgründung, dem Tag der Restauration und nicht zu vergessen der „Patronale“, das Fest der Ortsgründung, welches nicht wie bei uns alle hundert Jahre einmal, sondern jedes Jahr gefeiert wird und eine ganze Woche dauert.
Auf dem Weg dorthin hatte ich natürlich keine Ruhe. Pausenlos wurde ich mit Angeboten aller Art konfrontiert, die Palette reichte von billigen Übernachtungsmöglichkeiten über kostbare Souvenirs bis zu verschwiegenen
Etablissements, alles in allem ein wahres El Dorado also für den gestreßten
Herrn aus Europa!
Nun war ich Gott sei Dank ja schon etwas länger im Lande, um Ver-lockungen dieser Art noch zu erliegen und so umrundete ich zunächst ein-mal den hiesigen Hauptplatz. Was ich sah war die Westernkulisse schlecht-hin: Zwei Diskotheken, jeweils eine links und rechts der Anlegestelle, mehrere „Saloons“, eine schiefe Holzbude mit der Aufschrift „Banco“ und ein ebenfalls ganz aus Holz zusammengezimmertes Hotel mit dem sinnigen Namen „Marlborough.“ Dieses Gebäude mußte noch ein Relikt aus den
Pionierzeiten sein - da war ich ganz sicher. Es war zwei Stockwerke hoch, beherbergte eine Vielzahl winziger Kammern mit umlaufenden Balkons, an deren Geländer sich eine Handvoll kräftig gebauter Damen lehnten und war - wie man deutlich erkennen konnte - seit vielen Jahren weder gestrichennoch sonstwie renoviert worden. In einige der Räumlichkeiten konnte man sogar von der Straße aus Einblick nehmen, allerdings nicht durch die Fenster oder Türen, sondern durch die Spalten, welche durch das Fehlen einiger Bretter entstanden waren. Da ich den nächsten Tag noch erle-ben wollte, verzichtete ich darauf, mich hier ins Gästebuch einzutragen und winkte einConcho herbei. Ich landete zwei Kilometer weiter bei der „Casa Suiza“, dem einzigen brauchbaren Hotel des Ortes. Es hatte zwei Besitzer: Ein Schweizer, der es vermutlich einst bezahlt hatte und ein Dominikaner, der es jetzt führte. Dieser begrüßte mich überschwenglich, zeigte mir dann die Anlage und machte mir zum Schluß einen Sonderpreis von dreihundert Pesos für zwei Nächte. Ich war der einzige Gast und bezog eine Suite mit Bad und Veranda im ersten Stock des hinteren Teiles. Schlagartig schien das Hotel nun zu erwachen: Ein Gärtner begann die schätzungsweise dreitausend Quadratmeter Rasen zu schneiden und damit
nicht genug, wurde für den einzigen Gast auch noch der Swimmingpool gefüllt. Selbstverständlich könne ich hier auch essen, erklärte mir der Chef und als ich nach der Karte fragte, schob er mich ganz einfach in die Küche und sagte: „Such Dir was aus!“
Beim gemeinsamen Abendessen lernten wir uns dann etwas näher kennen. Seit vielen Jahren führe er das Hotel alleine, von seinem Partner habe er schon ewig nichts mehr gehört. Er wisse nicht einmal, ob der noch am Leben sei, doch käme er auch ohne ihn ganz gut über die Runden. Ein regensicheres Dach über dem Kopf, fließendes Wasser und eine eigene Planta für die Stromversorgung hätten schließlich nur die wenigsten in diesem Teil der Welt. Allerdings gehe ein Großteil der spärlichen Einnahmen für die Erhaltung des Objekts drauf.
Am nächsten Tag unternahm ich einen ausgedehnten Spaziergang durch das Dorf. Dabei wurde ich bestaunt wie ein Außerirdischer. Hier kommen tatsächlich nur ganz wenige Gringos vorbei. Ich traf einen Mann mittleren Alters, der mit einem Kurzbeil daran ging, ein Boot aus einem riesigen Baumstamm zu schlagen. Es war die Arbeit eines Sklaven. Jeder Hieb mußte sitzen. Sein muskulöser Körper glänzte in der Nachmittagssonne. Ende nächster Woche würde es zum ersten Mal zu Wasser gelassen, erklärte er mir, vorher jedoch müsse es noch mit Pech und anderen Essenzen behandelt werden. Dann würde es ein Leben lang halten. Es sind Begegnungen wie diese, welche mich immer nachdenklich stimmen. In welcher Welt leben wir eigentlich? Andere schicken Satelliten ins All, erforschen fremde Galaxien, führen Laseroperationen durch, surfen im Internet und der hier schnitzt noch seinen Einbaum mit der bloßen Hand. Und das alles zur gleichen Zeit! An diesem Abend besuchte ich eine der beiden Diskotheken. Dort war nicht viel los. Ich zahlte drei Bier im vorhinein und bat den Wirt, solange nachzuliefern, bis der Etat verbraucht war. Diese Vorgangsweise empfiehlt sich insbesondere dann, wenn Sie Wert darauf legen, die gastliche Stätte jederzeit kurzfristig verlassen zu können. Zehn Minuten später erschien die erste Dorfschönheit. Sie hatte runde zweiundzwanzig Jahre hinter sich gebracht, schulterlanges gekräuseltes kastanienbraunes Haar und war in Begleitung von zwei jungen Burschen. Es war wirklich nicht schwer zu erraten, auf wen das Trio es abgesehen hatte und nach einigen schmachtvollen Blicken näherte sie sich endlich, lächelte gekünstelt und forderte mich zum Tanz auf. Da die Sache so herrlich durchsichtig war, spielte ich ausnahmsweise mit und schlüpfte also in die Rolle des typischen ahnungslosen Touristen. Ich wurde an ihren Tisch gebeten, worauf die beiden Caballeros sofort den Wirt herbeiriefen und ihre Bestellungen aufgaben. Für einen kurzen Augenblick sah der Wirt mich fragend an, dann war ihm klar, daß ich für
diese Bestellungen nicht aufkommen würde. Er grinste mich vielsagend an
und brachte dann das Bestellte. Nach einer guten Stunde stand ich dann auf, stellte mich an die Straße und winkte - für andere kaum sichtbar - mit der rechten Hand ein Concho herbei, welches vor dem Restaurant nebenan gewartet hatte. Währenddessen ging es in der Disco hektisch zu, denn die Chica eilte zu mir und fragte aufgeregt: „Que paso?“ (Was ist los?) - „Nada!“ (Nichts!) entgegnete ich ruhig, nahm sie bei den Hüften und wuchtete sie mit einer einzigen Bewegung auf das Motorrad, welches inzwischen bereit stand. „Vamonos!“ (Gehen wir!) sagte
ich trocken, setzte mich dahinter und dann waren wir zwei schon unterwegs.
Im Anfang versuchte sie noch zu protestieren, doch nach wenigen Metern bereits mußte sie laut lachen. Die Sache schien ihr plötzlich zu gefallen, denn auch hier gilt schließlich die alte Wirtshausregel: Wer bestellt -
zahlt!
Der Hotelbesitzer war hocherfreut und spendierte sogar einen Drink, denn
immerhin hatte sich die Gästeanzahl ja inzwischen verdoppelt. Es wurde eine
ausgesprochen lustige Nacht. In den Pausen malten wir uns beide aus, wie die Knaben mit dem Discobesitzer um die Zeche rauften. Nach dem Frühstück kam die Zeit des Abschieds, ein letzter flüchtiger Kuß von dem Mädchen auf die Wange und eine Musikkassette mit Merengues vom Hotelbesitzer. Ich mußte unbedingt die Vormittagsfähre erreichen, wenn ich heute noch nach Las Terrenas kommen wollte.
Wenn Sie Wert auf Pünktlichkeit legen sollten, sind Sie hier falsch. Die Fähre war weit und breit nicht zu sehen. Ich saß in einer kleinen Holzhütte direkt neben dem Steg. Es handelte sich, so vermittelte zumindest eine Aufschrift über der Türe, um ein Restaurant. Im Raum nebenan hörte man das Scheppern von Blechtöpfen. Dort war eine Frau damit beschäftigt, mir eine Suppe zuzubereiten. Ein Knabe von vielleicht sechs Jahren fragte, ob er mir die Stiefel putzen könne. Ich vertröstete ihn auf das Ende meiner Mahlzeit, also nahm er draußen Platz und wartete. Die Fischsuppe war ausgezeichnet. Der Kessel faßte allerdings gut und gerne fünf Liter, womit ich natürlich absolut überfordert war. Ich bat daher die Frau um weitere zwei Teller und lud die beiden Knaben zum Essen ein, denn inzwischen hatte mein Schuhputzer draußen Besuch bekommen. Nach dem Essen bedankten sich die beiden. Dann stellte ich die Stiefel auf sein kleines Holzkästchen und die Arbeit begann. Sie hatten es auch wirklich wieder nötig nach dem gestrigen Rundgang durch den Ort, denn Asphalt gibt es hier wahrscheinlich bis heute nicht. Als er fertig war, gab ich ihm
die landes-weit üblichen fünf Pesos und, weil er so lange gewartet hatte und
es außerdem wieder einmal Sonntag war, noch einen Peso hinten drauf. Doch dieser eine Peso zeigte Wirkung, denn des Schuhputzers Freund fragte mich sofort, ob ich ihm nicht zehn Pesos schenken würde. Das könne ich natürlich, erklärte ich, doch würde ich damit seinen Freund beleidigen, der immerhin für die Hälfte gearbeitet hätte, und um diese Freundschaft nicht zu zerstören, bekäme er nichts von mir. Während er betreten seinen Blick auf den Boden richtete, strahlte sein Freund mich an. Die Dinge sind im Grunde doch so einfach. Ich fühlte mich gut, denn nun hatten sie beide wieder etwas dazugelernt. Manchmal haben sogar die Gringos ganz brauchbare Argumente!
Die Rückfahrt war nichts für schwache Nerven. Es stürmte gehörig und die Palmen am Strand bogen sich gewaltig. Am Horizont, dort hinten also, wo das Wasser den Himmel zu berühren schien, sah man eine weiße Gischt. Der alte Fischer aus Las Terrenas hatte mir einmal erzählt, daß es dann etwa sieben Kilometer weiter draußen auf dem Atlantik Wellen von zwölf bis sechzehn Metern gäbe und er es daher vorzöge, an diesen Tagen zu Hause zu bleiben. Glücklicherweise war diesmal der Wasserstand höher, so daß man direkt vom Steg auf die Fähre gelangen konnte. Trotz der Bedenken des Kapitäns nahm ich wieder auf meiner Bank Platz. Wenn der Kahn untergehen sollte, dann würde ich wenigstens oben sein! Diesmal spritzte es nicht nur herauf, diesmal wurde ich fast weggeschwemmt. Mit beiden Händen klammerte ich mich an die Holzbank fest. Mein Stirnband hatte ich enger gebunden. Ich wurde klatschnaß bis auf die Haut. In der Mitte der Bucht steigerte sich der Wind erst so richtig zum Sturm. Erst als wir uns wieder Samaná näherten, beruhigte sich das Wetter ein wenig und als ich von Bord ging, war meine Wäsche am Leib wieder trocken. An der Mole angekommen, gönnte ich mir zunächst einen „Trago“, das ist, wie der aufmerksame Leser weiß, ein Gläschen mit unverdünntem Rum und wartete dann an der Straße auf ein Público.
Es dauerte auch nicht lange, da saß ich wieder in einer der üblichen, total überfüllten Rostschüsseln und war auf dem Weg nach Sanchez. Diesmal allerdings verließ ich das Gefährt kurz vor der Endstation und schaute noch bei Cäcilia rein, die hier an der Kreuzung ihre Parada hat und sich jedes mal freut, mich zu sehen. Nach ausgiebigem Palaver galt es nun, den Rest des Weges hinter sich zu bringen und so stoppte ich kurz darauf ein Pick Up, dessen Kabine und Ladefläche schon voll belegt waren, doch für einen schmalen Cowboy wie mich findet sich immer noch ein Plätzchen. Also
saß ich kurz darauf hinten rechts auf dem Eck und hielt mich mit beiden Händen an der Ladebordwand fest. Neben meinem linken Fuß hatte ich außen die kleine Ledertasche deponiert, zwischen den Beinen befand sich ein Plastikeimer mit Fischen und rechts unter mir hatte sich eine junge Frau mit ihrem Baby niedergelassen. Zwei Wochen sei die Kleine alt, beantwortete die Mutter meine diesbezügliche Frage und gab dann dem Schreihals die Brust. Uns gegenüber saß ebenfalls eine Frau mit einem Kleinkind und als dieses den Stillvorgang bemerkte, fing es natürlich ebenfalls wie am Spieß zu schreien an. Mit einem Seufzer holte nun auch diese Frau ihre Brust heraus und mich überkamen bereits echt väterliche Gefühle über so viel Geschmatze und Zufriedenheit. Ich sah zum Himmelhinauf. Nein! Dachte ich noch, als ich die drohenden Wolken da oben bemerkte, doch es nützte nichts. Als es dann zu prasseln begann, wurde eine blaue Plastikplane ausgerollt und über die Köpfe der Mitreisenden gehalten. Stellen Sie sich bitte vor, Sie sitzen hinten rechts auf dem Pick Up, vor und neben sich stillende Mütter, einen Eimer mit toten Fischen zwischen
den Beinen, mit der linken an der Bordwand Halt suchend und mit der rechten die flatternde Plane hochhaltend. Das muß einem doch wohl die lächerlichen zehn Pesos wert sein, dachte ich gerade, als ich auch schon von der Zugabe überrascht wurde: In einer jähen Linkskurve rissen einige Leute ihre Arme hoch, so daß eine schiefe Ebene entstand und alles Wasser auf der Plane voll auf mich niederging. „Santisimo!“ (Heiligster!) entfuhr es mir und dann brach die Meute auch schon in unbändiges Gelächter aus. Zum zweiten Mal hintereinander war ich bis auf die Knochen naß, doch erstaunlicherweise bekommt man keine Erkältung davon, obwohl einem der Fahrtwind ganz ordentlich durch die Kleidung fegt. Als wir in Las Terrenas ankamen, war ich schon wieder fast trocken. Die junge Frau vertraute mir ihr schlafendes Baby an und machte sich mit dem Eimer Fische auf den Weg. Erst an der Straßenkreuzung schlug sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn, kam dann zurück und nahm das kleine Bündel lächelnd wieder an sich. Schade, dachte ich für einen Moment, denn die Kleine hätte ich sofort adoptiert.
Uwe Krämer Kölle
Als diese Dinge passierten, wohnte ich noch in dem Appartementhaus an der Straße zwischen La Ceiba und der Playa Bonita. Zwei Türen weiter hatte sich damals ein Landsmann namens Uwe niedergelassen. Er war auch schon weit gereist und hatte die Absicht, ein ganzes Jahr hier in Las Terrenas zu verbringen.
Bei unserem ersten Zusammentreffen stellte er sich folgendermaßen vor: „Also ich bin der Uwe! Ich weiß, es gibt viele Uwes, daher bin ich der Uwe Krämer - Krämer mit Ä wohlgemerkt - und da es auch viele Krämers gibt, die aber nicht alle aus Kölle kommen, bin ich eben der Uwe Krämer Köln!“ So hatte er es gewünscht und dabei blieb es dann auch. Die Vormittage verbrachte er grundsätzlich im Bett. Er reagierte äußerst heftig, wenn er vor zwei Uhr Mittags angesprochen wurde. Andererseits war
er allabendlich der letzte, der die Disco verließ. Nach seinem Abgang wurde sie stets mit Brettern vernagelt. Er hatte ein gebrauchtes Motorrad gekauft und konnte daher auf die Moto Conchos verzichten. Doch ausnahmslos jeder legt sich irgendwann einmal mit seiner Maschine so richtig auf die Straße oder in den Dreck und das blieb auch Uwe Krämer Köln nicht erspart. Es war schon weit nach Mitternacht, als eines schönen Tages an meine Türe geklopft wurde und Uwe herein trat. Mit zerissenem Hemd und blutbefleckten Beinkleidern entschuldigte er sich für die ungewöhnliche Stunde und wollte wissen, ob er meiner Meinung nach einen Arzt aufsuchen müsse oder nicht. Wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, sich im Spiegel zu betrachten, hätte er sich diese Frage ersparen können. Mit seinen vielen Verletzungen im Gesicht und den hand-tellergroßen Schürfwunden an beiden Armen erinnerte er mich irgendwie an den Glöckner von Notre Dame: Vornüber gebeugt, mit wirrem Haar und ungläubigem Blick stand er da, ein Bild des Grauens und der Verzweiflung. Ich öffnete meine Rumflasche, tat einen kräftigen Schluck und reichte sie ihm anschließend hinüber. In seiner Heimatstadt wäre er sicherlich mit Blaulicht in die Notaufnahme gebracht worden, hier jedoch sind Unfälle dieser Art nichts außergewöhnliches. „Siehst eigentlich ganz gut aus,“ gab ich mich locker „doch würde ich mir für alle Fälle ein wenig Tetanus spritzen lassen, damit ist nicht zu spaßen.“ In der Disco hatte er einen Schweizer kennengelernt und wollte diesen anschließend nach Hause bringen. Kurz vor dem Ziel sei der Trottel jedoch plötzlich von der Maschine gesprungen und Uwe hatte daraufhin die Notlandung vorgenommen. Doch nicht genug damit, hatte sein Mitfahrer ihn überdies auch noch einfach liegen gelassen und war die restlichen Meter zu Fuß weiter gegangen. Da ich nun ohnehin schon wieder munter war, zog ich mich an und dann fuhren wir mit dem Jeep zum Medico. Es blieb natürlich nicht bei der
Tetanusauffrischung, Uwe wurde an einigen Stellen genäht und seine Schürfwunden mit einer jodartigen Tinktur bestrichen. Nach Bezahlung einer Handvoll Dollars ging der Doktor wieder zu Bett. Für ihn war das Routine.Wir jedoch begaben uns trotz der frühen Stunde wieder in die Disco, um auf Uwes baldige Genesung anzustoßen.
Pedro Supermacho
Es waren schlimme Zeiten damals und speziell wir Junggesellen hatten es nicht leicht. Ein Lieblingslokal von Uwe war die Casa Azul (die blaue Hütte) am Strand gegenüber der Polizeistation. Es war zwar etwas teurer hier als in den einheimischen Restaurants, doch hatte sie andererseits einen gewissen unnachahmlichen Flair.
Es war um die Weihnachtszeit, als ich ihn eines Abends dort sitzen sah und mich zu ihm gesellte. Wir hatten jeder eine Flasche Presidente in der Handund unterhielten uns gerade ausführlich über die Unterschiede zwischen den Weiblichkeiten diesseits und jenseits des großen Wassers, als zwei junge Frauen vor unserem Tisch stehen blieben. Die ältere erkundigte sich: „Sprechen Sie Deutsch?“ Uwe nickte mit dem Kopf und machte eine einladende Handbewegung. Unser Tisch war einer von der Sorte, die man sonst in den gastlichen Höfen österreichischer Weinbauern finden kann. Die Holzbänke auf den Längsseiten waren der Einfachheit halber gleich fix angeschraubt und boten Platz für entweder zwölf dicke Bayern oder - wie in diesem Falle - sechzehn normale Dominikaner. Ich beschreibe das deswegen so ausführlich, weil trotz des riesigen Platzangebotes die gleiche Dame nun tatsächlich fragte, ob noch
zwei Plätze frei seien. Uwe, von jeher der galantere von uns beiden, bestätigte das lächelnd und wiederholte dabei die einladende Handbewegung. Aus Gründen der Moral mußten wir nun unsere interessante Unterhaltung beenden und darüber war ich gar nicht erfreut. Damit nicht genug, begann jetzt auch noch das übliche Frage und Antwort Spiel: „Sie sind doch keine Touristen, oder? Seit wann sind Sie denn schon hier? Was machen Sie denn den ganzen Tag? Wovon leben Sie denn überhaupt?“ In dieser Tonart ging es dahin und während Uwe artig antwortete, hatte ich meine Sitzposition ein wenig verändert. Ich saß nun mit dem Rücken zum Tisch und schaute aufs Meer. Das Palaver interessierte mich eigentlich nicht, nur einmal mußte ich ein wenig lächeln, denn die Fragerin ließ in einem Nebensatz ihre Berufung erkennen: Sie sei nämlich Sozialpädagogin! Na! Dachte ich noch, wenn das kein Grund zum Saufen ist, als sie sich nun direkt an mich wendete und das ausgerechnet mit der Frage: „Sagen Sie, wie ist denn hier eigentlich die Stellung der Frau?“ Während ich noch dabei war, mein Bier wie eine Springbrunnenfigur von mir zu geben, stellte Uwe Krämer Köln abrupt die Flasche auf den Tisch, wuch-tete sich mit erstaunlichem Elan von der Bank hoch und verabschiedete sich
hastig mit den Worten: „Ich schaue später gerne noch einmal auf einen Sprung vorbei!“ Dann war er verschwunden. Meine Stimmung hatte sich dadurch nicht gebessert, also antwortete ich sinngemäß, daß es der Stellungen so viele gäbe und diese auch wohl von den Phantasien des jeweiligen Mannes abhinge.
Obwohl diese Antwort doch ganz eindeutig war, konnte sie wie so viele akademisch Verbildeten mir nicht folgen, denn ungerührt setzte sie ihre Befragung fort: „Sagen Sie mal - wie ist es denn hier mit den Beziehungen?“ - Nun legte ich meine Stirn in Falten, als müsse ich erst darüber nachdenken und erklärte sodann mit dem Brustton der Über-zeugung: „Die gibt’s hier nicht!“ „Ja aber!“ ließ sie nicht locker: „Sie sind doch ein Mann und schon so lange hier: Haben Sie denn die ganze Zeit über noch keine Frauenbekanntschaften gemacht?“
Sie wollte mich provozieren, das war klar. Sie wollte mich an den Pranger stellen, mich vielleicht gar als hemmungslosen Triebtäter und Frauenverächter darstellen, wie sie es ja gerne tun - dort, wo sie herkommen. Also nahm ich diese Rolle an und wurde so zum Supermacho! „Ach - Sie meinen Weibergeschichten! Ja natürlich! Die erste war ziemlich versaut und hat mich auch beklaut! Die habe ich nach Hause geschickt!“ Atemlose Stille. „Die zweite war gebildet, kam aus vornehmer Familie,
hatte Universitätsabschluß, doch im Grunde war sie genau so versaut - die habe ich auch nach Hause geschickt!“ Ich nahm einen ordentlichen Schluck. „Doch man soll die Hoffnung ja nie aufgeben, vielleicht findet sich doch noch ein halbwegs anständiges Mädchen!“ Das war denn nun entschieden zu viel! Mit sich überschlagender Stimme ging sie nun frontal auf mich los. „Wer bist Du denn, daß Du Dir anmaßt, ein Anrecht auf ein junges anständiges Mädchen zu haben - In Deinem Alter!“ Jetzt war sie dort, wo ich sie haben wollte. Mit beiden Armen abwehrend und kindlich erstauntem Gesichtsausdruck beantwortete ich zunächst ihre Frage und stellte mich vor. „Ich? - Ich bin der Pedro.“ Doch jetzt kam erst der Hammer: „Und damit wir uns richtig verstehen, Fräulein - ich rede doch nicht von den gottgefälligen kleinen Jungfrauen! Um Himmels willen! Nein! Ich rede von diesen knackigen Bräuten, die genau wissen, wo es lang geht und von denen ich behaupte, wenn sie frisch gewaschen sind - sind die wie neu!“ Damit war ich endlich wieder allein. Daß sie mir kein Bier spendierten,
nahm ich ihnen nicht übel. Sie wollten einen Macho kennenlernen - sie hatten einen getroffen! Was gibt es denn Schöneres als Touristen verschaukeln?
Hin und wieder denke ich an die Zeit mit Uwe zurück. Letztes Jahr ist er noch einmal erschienen. Er wollte sogar ein Grundstück am Strand kaufen, doch waren inzwischen die Preise ins Unerschwingliche gestiegen. Eigenartig - früher war es immer schöner! Las Terrenas - ohne Strom und ohne Wasser! Ist diese Verklärung vielleicht eine Alterserscheinung oder liegt es einfach daran, daß wir die negativen Erlebnisse verdrängen und uns nur der erfreulichen Dinge erinnern? Ich denke schon, denn wenn das nämlich nicht so wäre, hätten wir mit zunehmendem Alter ja gar nichts mehr zum Lachen - welch eine grauenhafte Vorstellung!
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