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Es gibt eine Unzahl von Gegebenheiten, mit denen wir uns abgefunden haben,
ohne jemals auch nur für einen Moment darüber nachzudenken, warum das so ist.
Als ein kleines Beispiel von vielen möchte ich auf die Tatsache verweisen,
daß unsere Erdkugel nicht überall gleich ausschaut. Es wäre ja auch eine
grauenhafte Vorstellung, wenn wir immer die gleichen Pflanzen und Tiere um uns
hätten, ständig in dieselben dummen Gesichter unserer Nachbarn sehen müßten.
Der Tourismus beispielsweise hätte sich nie entwickeln können und wir wären
gezwungen, uns täglich mit Cartoon Network" zuzudröhnen, um nicht in
Lethargie zu verfallen.
Doch Gott sei Dank hat die Schöpfung uns diese Monotonie erspart. Es gibt
ein wahres Füllhorn verschiedenster Lebensformen, die sich eben nur an gewissen
Stellen unseres Planeten entwickelt haben, an jenen Orten nämlich, wo sie -
wie der Wissenschaftler sagt - endemisch sind und dann gibt es darüber hinaus
noch ein paar mystische Punkte auf der Welt, wo eine merkwürdige und
unerklärliche Häufung sehr seltener Arten gleichzeitig beobachtet werden kann.
Ein solcher Ort ist Las Terrenas. Wie ein Magnet zieht er die skurrilsten
Typen an. Sollten Sie jemals einen Film drehen wollen, sei es nun ein Western
oder auch nur blanker Horror - hier finden Sie die passenden Visagen dazu. Für
die meisten ist es jedoch lediglich eine Zeitfrage, bis sie uns wieder
verlassen, zumeist dann um viele Dollars ärmer, doch andererseits zum Ausgleich
gewissermaßen auch um einige Lebenserfahrungen reicher.
Es war an einem Montagabend. Mercedes hatte wieder einmal mit Reis und
Bohnen gedroht. Ich saß daher mit den Kollegen am Stammtisch in Heidis Arche Noah
und war gerade damit beschäftigt, eine Currywurst mit Pommes Frites vom
Teller in den Magen zu befördern, als plötzlich der Herr gegenüber zunächst mit
einem kleinen Löffel mehrmals gegen sein fast geleertes Glas klopfte und danach
feierlich sagte: Hiermit eröffne ich die konstituierende Sitzung des
Ersten Deutschen Kulturvereins Heinrich Heine, Las Terrenas - e.V."
Es folgte eine atemlose Stille. Die Gespräche endeten abrupt und selbst
Ingolf, der Meister der Fernbedienung, fand auf Anhieb den Knopf für die
Unterbrechung des Fernsehtones. Wir Altgringos sahen uns an, so als müßten wir uns
erst vergewissern, richtig gehört zu haben. Wir haben schon Fassadenkletterer
hier gehabt, Taschendiebe, Zuhälter, Zauberkünstler, elitäre
Photographen, Bodybuilder, Goldsucher, Großbetrüger, Gebrauchtwagenhändler, Meister des Piercing und der Tätowierung gar, Herren mit pomadisiertem Haar,
wohlriechend und in Seide gekleidet, Millionäre oder doch zumindest ihre
Söhne, Banker und Verleger und was sonst noch alles - doch hier die Kultur
einzuführen, das war noch nie da - das war in der Tat etwas Neues!
Die Reaktionen waren denn auch entsprechend unterschiedlich. Hellmut legte
beide Unterarme auf den Tisch und setzte ein breites Grinsen auf, Jens
lächelte verschmitzt, Ulf schaute wie immer ungläubig in die Gegend, Berti - seiner
Profession nach immerhin ein Lehrer - hob erstaunt die Augenbrauen, Hermann
bat um die Rechnung und ich stellte sofort vom Bier auf Cuba Libre um.
Der gute Mann hatte einen ungewöhnlichen Vornamen, einen ebensolchen
Zunamen und legte im übrigen Wert auf die Feststellung, einen Doktortitel zu
besitzen. Er gab sich weitgereist und welterfahren, artikulierte sich in
komplizierten Satzstrukturen, was zur Folge hatte, daß jedes zweite Wort ein
langgezogenes „äh" war und überraschte uns alle mit seinem tiefen Wissen um die
Zusammenhänge des Weltgeschehens und zwar in Gegenwart, Vergangenheit und
Zukunft!
Nach deutschem Vereinsrecht brauche ich dazu mindestens äh sieben
Unterschriften und nur wenn wir alle äh Normen erfüllen, können wir in der
Heimat eingetragen, anerkannt und was das Wichtigste ist, auch äh um Förderung
ansuchen."
Auf die naheliegende Idee, uns zu fragen, kam er gar nicht. Er setzte
voraus, daß alle mitmachen würden und die Aussicht auf irgendwelche Fördermittel
bestätigte ihn denn auch in dieser Meinung. Mit der gleichen
Selbstverständlichkeit ernannte er sich daraufhin zum Vereinsvorsitzenden, kurz V.V.
genannt, bestellte Stephan, unseren beliebten Graphiker und Chefdesigner
zum Vize, Berti zum Schriftführer und Ingolf zum Vereinskassierer, was
dieser naturgemäß mit seinem typischen hinterhältigen, sächsischen Grinsen
und sichtlicher Genugtuung quittierte. Dann bat er um Anregungen für die
Statuten.
Nun war die Hölle los, denn jeder hatte eine andere Vorstellung um die
Aufgaben des Vereins. Alle schnatterten durcheinander bis Helle mit seiner
kohlenschaufelähnlichen Faust auf den Tisch haute und meinte: Ich bin dafür,
daß der Verein den ruinösen Preisverfall bei den konkurrenzierenden
Tauchschulen unterbindet - sonst trete ich sofort wieder aus!" Doch gab es auch
eine Menge anderer Aspekte: Sollen wir die Österreicher und die Schweizer
einbeziehen und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Sollen wir jeden aufnehmen, nur weil er deutsch spricht? Was machen wir zum Beispiel mit dem fiesen
Pensionisten, der jedes Jahr herüberkommt, um sich hier an die Kinder heranzumachen?
Wollen wir den auch und wer entscheidet das überhaupt?
Der Verein war noch keine Stunde alt, da wurden wir schon mit Dingen
konfrontiert, die uns bislang vollkommen egal waren. Allein die Aussicht, den
mafiösen Italienern und den aufgeblasenen Franzosen endlich ein deutsches
Gegengewicht zu verpassen war in der Tat eine reizvolle Sache, der auch ich zunächst
einiges abgewinnen konnte.
Für den jungen Verein gab es in weiterer Folge ungeahnte Perspektiven:
Selbstverständlich würden wir uns den Rückhalt der deutschen Botschaft versichern,
danach mit den Honoratioren des Dorfes in Kontakt treten, um unsere Wünsche
und Anregungen an entsprechender Stelle zu plazieren. Niemand könnte fortan
mehr eingesperrt werden, ohne daß der Verein nicht sofort den Herrn
Polizeipräsidenten oder gar den Staatspräsidenten persönlich um Intervention bitten
würde. Unsere Gesundheit lag uns plötzlich ebenfalls sehr am Herzen und so
besprachen wir, einen ent-sprechend kostengünstigen Versicherungsvertrag in
Erwägung zu ziehen und zu allem Überfluß beschlossen wir darüber hinaus noch die
Bildung eines Fonds für Notfälle allgemeiner Art.
Die größten Visionen allerdings hatte unser V.V. selbst. Es stellte sich
nämlich heraus, daß er einen Spitzenjob in Brüssel anstrebte und zwar genau an
jene Stelle natürlich, welche die ungeheuren Geldmengen, die von den reichen
Bürgern Europas hier angeschleppt und gelagert wurden, an sogenannte
förderungswürdige Projekte verteilte.
Den behinderten Menschen sollten die gleichen Rechte eingeräumt
werden wie uns allen! Auch sie haben zum Beispiel das Recht auf sexuelle
Erfüllung! Ich schlage daher vor, hier in Las Terrenas eine entsprechende
Therapiestation einzurichten." Mit Vorschlägen wie diesem glaubte er allen Ernstes, in
Brüssel offene Türen einzutreten!
Er schien speziell in diese nur allzu menschliche Richtung seine Fühler
auszustrecken, denn während der montäglichen Vereinssitzungen stoppte in
unregelmäßigen Intervallen ein Concho vor der Arche und hupte. Unser V.V.
entschuldigte sich dann kurz, kramte auf dem Weg dorthin eine Banknote
unterschiedlicher Größe aus seiner rechten Hosentasche und streckte sie verschmitzt
lächelnd der dunklen Schönheit zu, welche hinten auf der Maschine saß.
Ja, Haiti", so meinte er, hat schon eine ganz andere Kultur!"
Man spräche französisch und die Frauen dort würden sich nicht so schamlos den
Touristen nähern wie die Dominikanerinnen hier. Im übrigen hätte er die
Absicht, seine Angebetete nach Deutschland mitzunehmen.
Irgendwer stellte ihm dann die Frage, was die Bedauernswerte denn dort
machen solle, wenn er den ganzen Tag im Büro säße, um für Brüssel die Kastanien
aus dem Feuer zu holen.
Nun, da haben wir spezielle Beschäftigungsprogramme wie Töpferkurse,
Ikebana und dergleichen." Er war sich seiner Sache absolut sicher. Als wir
hingegen unsere Zweifel anmeldeten, schaute er uns nur überlegen an und meinte:
Ich mache 15.700,- DM nach Steuern und daher habe ich recht - ist das
jetzt klar?!"
Er war uns auch in vielen anderen Dingen überlegen. Es stellte sich nämlich
heraus, daß Bertis Protokolle weder seinen Vorstellungen noch den deutschen
Vereinsstatuten entsprachen und der war - wie schon erwähnt - Lehrer von
Beruf.
Irgendwann einmal nahm Hermann mich zur Seite und sagte: "Weißt Du, Pedro,
irgendwie erinnert mich das Ganze an Österreich, das ich auch deswegen
verlassen habe, da mir diese ständige Vereinsmeierei auf die Nerven ging." Ich
konnte ihn gut verstehen und einmal, als ich wieder genügend Cuba Libre
konsumiert hatte, unterbrach ich die hochtrabenden Pläne unseres Vorsitzenden wie
folgt: Ich bin zwei Nächte im Knast gesessen, hier in Las Terrenas! Von
Euch hat mich keiner besucht! Es waren Dominikaner, die mir zu essen
brachten und merke Dir eines: Solange die Schadenfreude größer ist als die
Bereitschaft zu helfen, wird es Dir nie gelingen, aus diesen Wildschweinen hier
Tauben zu machen. Da kannst Du so viele Vereine gründen wie Du willst!"
Dennoch gehörte ich zu den wenigen Auserwählten, denen er seine
handsignierte Visitenkarte überreichte - als er dann nach Europa flog, um seinen
schwierigen Job anzutreten. Seine haitianische Braut ließ er nachkommen. Doch
schien sie weder Freude an der Töpferei noch an Ikebana zu empfinden, denn nach
wenigen Wochen sahen wir sie wieder auf dem Concho vorbeifahren. Sie winkte
uns freundlich zu. Das Concho würde irgendwo Halt machen, wo ein anderer
älterer Herr lächelnd auf sie zukäme, um ihr irgendeinen Geldschein
entgegenzustrecken.
Bleibt noch nachzutragen, daß es eine letzte Sitzung des Kulturvereins gab,
bei dem einstimmig festgestellt wurde, daß wir Heinrich Heine dort lassen
sollten, wo er hingehört. Mit Kultur hatten wir auch nichts am Hut und so
beschlossen wir, wieder wie früher ganz einfach über jene Kollegen herzufallen, die
gerade nicht anwesend sind!
So ist es bis heute geblieben und ich denke, das ist auch gut so, denn so
können wir bleiben wie wir sind - ein ungeordneter Haufen spinnender Affen zwar
aber glücklich!
Pedro |