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Einige Japaner meinen, dass ihr heiliger Berg sich jedem Betrachter anders darböte, weil es unendlich viele verschiedene Standorte gäbe. Der Fujiyama, so sind sie überzeugt, sei ein Spiegel dessen, was der Betrachter zu sehen wünsche.
Las Terrenas ist sicher kein heiliger Ort, doch viele Gesichter hat es auch. Dem Normaltouristen, der die meiste Zeit zwischen seinem klimatisierten Appartement, dem Pool und der Hotelbar pendelt, mag es durchaus als romantisches Fischerdörfchen erscheinen. Der Realität näher sind Sie jedoch, wenn Sie sich Las Terrenas wie das letzte Rattennest auf der Welt vorstellen. So ähnlich muss es in Klondike vor Anpfiff der Zivilisation zugegangen sein. Alles, was die Götter verboten haben, treiben sie hier.
Wenn Sie über die Berge von Sanchez, der alten Hafenstadt an der Bucht von Samaná herüber kommen, so entdecken Sie das erste Schild. Es ist eine Art Reklametafel und nicht besonders groß. Hier steht: „Bienvenidos a Las Terrenas!“ - „Willkommen in Las Terrenas!“ Darunter folgt der Absender: „La Iglesia de Dios de la Profecia.“ - „Die Kirche der prophezeienden Götter.“ Der bemerkenswerteste Satz kommt zum Schluss: „Aquí se oran por Ti!“ - „Hier beten sie für dich!“
Zweihundert Meter danach, auf der rechten Seite befindet sich die einzige Tankstelle des Ortes, die „Bomba“ - die Pumpe - wie sie genannt wird. Am Ende des großen Zufahrtsplatzes steht eine wesentlich größere Tafel. Auf ihr ist in kindlicher Weise ein Frauenportrait dargestellt. Es ist jedoch keine Werbetafel für Kosmetika oder dergleichen, sondern ein Hinweisschild. Hier steht nämlich: „El Sida no se ver en la Cara - Protegete!“ Das heißt auf deutsch: „Aids sieht man nicht im Gesicht - Schütze dich!“ Ich schluckte. Verträumtes Fischerdorf? Ja, vielleicht früher einmal, doch jetzt sind auch hier bereits die Folgen unserer Unkultur sichtbar geworden. Mit dem Tourismus kommt nicht nur Geld ins Land! Das Schild steht heute nicht mehr hier, es wurde mittlerweile entfernt und durch eine Wahlparole der Revolutionspartei ersetzt. Es hatte ja auch nur wenig Sinn, denn die Touristen verstehen in der Regel kein Spanisch und die meisten dieser Mädchen können sowieso nicht lesen. Jahre später habe ich in Sosua, einer üblen Touristenhochburg oben vor Puerto Plata, wo sich alle Freiberuflerinnen der Insel zusammenfinden, eine Rundfrage gemacht. Acht von zehn Mädchen hatten von Aids noch nie etwas gehört und nur eine von hundert fragte nach einem Präservativ!
Doch kommen wir wieder nach Las Terrenas zurück. Das erste Geschäft befindet sich auf der linken Straßenseite. Bezeichnenderweise handelt es sich um den Laden des Sargtischlers! Es folgen eine Unmenge verschiedenster Kneipen, die zu beschreiben in nüchternem Zustand nicht möglich sind. Unterbrochen wird diese Harmonie lediglich durch abenteuerliche Verkaufsbuden, die im wesentlichen das Gleiche anbieten, nämlich verschiedene Sorten Rum und eine Sorte Bier. Es gibt aber auch sonst alles, was man so zum Leben braucht, man muss nur Augen haben, zu sehen! So gibt es ein schmutzstarrendes, in den Lehmboden gegrabenes Loch, welches oben notdürftig mit Wellblech abgedeckt ist, das sich bei genauerer Betrachtung als Obst- und Gemüsehandlung entpuppt. Wenn man den einzigen Fleischerladen endlich entdeckt hat, wechselt man besser auf die andere Straßenseite, mit einer Metzgerei in unserem Sinne hat es nämlich nichts gemein. Außerdem gibt es da noch Schönheitssalons für die Damen und einen Friseur für den Herrn. Ebenfalls ausschließlich für Herren ist auch ein rundes hölzernes Gebäude gedacht, welches immer an Sonntagen gegen drei Uhr nachmittags seine Pforten öffnet. Es ist die Arena für den Hahnenkampf, der in vielen Ländern bereits verboten ist. Sie ist Kampfstätte und Kasino zugleich. Als Tourist können Sie ohne weiteres den Kämpfen beiwohnen und auch Wetten abschließen, doch empfiehlt es sich, die bemitleidenswerten Kreaturen keiner, wie auch immer
gearteten Wertung zu unterziehen. Für den Dominikaner ist sein Kampfhahn wichtiger als alles andere auf der Welt. Wenn Sie ihm die Frau ausspannen, zuckt er möglicherweise nicht mal mit den Achseln, doch wehe Ihnen, sie machen sich über seinen Hahn lustig! Manchmal denke ich, was für uns die Katze ist für sie der Hahn. Wir füttern unsere Lieblinge mittlerweile schon mit Rindfleisch aus artgerechter Tierhaltung und betrachten uns ja auch nicht als pervers!
Irgendwann, nach zwei Kilometern etwa, erblickt man die Fax- und Telephonstation. Sie ist eingezäunt, Tag und Nacht bewacht, verfügt über einen eigenen Stromgenerator, der von einem Dieselaggregat angetrieben wird, einem hohen Mast mit vier oder fünf Satellitenschüsseln und einem klimatisierten Benützerraum mit zehn Telefonen und dem Faxgerät. Die Gesellschaft, ein kanadisches Unternehmen, hat solche Stationen in fast jeder Stadt des Landes installiert. Sie arbeitet natürlich privat, daher funktioniert das Ganze auch. Erstaunlicherweise sind Ferngespräche nach
Europa nur etwa halb so teuer wie umgekehrt. Den logischen Abschluss der „Calle Principal“ - der Hauptstraße - bildet der Friedhof, ein ungepflegtes, eigentlich würdeloses Gemäuer. Das Eingangstor ist mit Hinweistafeln auf Hotels, Restaurants und Bars übersät. Etwas habe ich jetzt allerdings ausgelassen, das auf gar keinen Fall fehlen darf, nämlich die „Discoteca.“ Ich habe später auf meinen Reisen durch das
Landesinnere winzige Dörfer entdeckt, oft nur fünf oder sechs Hütten, es gab keine Kirche und keine Schule, doch mit Sicherheit immer eine Diskothek. Sie ist der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes. Ursprünglich war auch sie nur für Männer gedacht. Aus dem Verständnis des Machos gilt jede Frau, die eine Diskothek aufsucht, als Freiwild. Durch den Tourismus allerdings wurde auch dieser schöne Brauch zerstört, so dass wir Männer selbst hier nicht mehr unter uns sein können. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb,
beschloss ich, heute Abend diesen Ort aufzusuchen. Jetzt am Tage lag er trostlos und verlassen.
Ich dirigierte mein Moto Concho rechts an dem Friedhof vorbei über eine Straße, die tatsächlich nur aus Schlaglöchern bestand und lud den Fahrer zu einer Flasche Bier ein. Er bevorzugte natürlich eine dominikanische „Cafeteria“, wie die Schnapsbuden hier genannt werden. Tatsächlich habe ich im Verlaufe der Jahre keine einzige Cafeteria gefunden, wo man Kaffee hätte trinken können, immer aber gab es Rum und eiskaltes Bier. Wir blieben vor einer winzigen Bretterhütte stehen, auf der ein Witzbold
„Restauración“ gemalt hatte. Die Stube wurde von einem gewaltigen Weibe fast zur Gänze ausgefüllt, was nicht weiter tragisch war, denn die Gäste saßen ohnehin draußen auf zwei Baumstämmen. Die Urmutter näherte sich uns mit einem wohlwollenden Lächeln. Sie stemmte, wie alle Mütter ab einer gewissen Oberweite, ihre Arme in die Hüften und warf ihren Kopf kurz nach hinten. „Dos Cervezas, por favor!“ Damit waren die zwei Bier bestellt. Juan, so nannte sich mein Chauffeur, hatte ungefähr die gleiche Hautfarbe wie ich und ebenfalls lange Haare. Selbstverständlich sei er Dominikaner, beantwortete er meine Frage, seine Vorfahren allerdings kämen aus Andalusien, seien also Spanier gewesen. Das würde seine helle Hautfarbe
erklären.
Tatsächlich betreiben die Dominikaner so etwas wie eine kulturelle Kindesweglegung. Niemand möchte von schwarzen Sklaven abstammen. Je heller ein Dominikaner ist, desto angesehener ist er und hat auch beruflich mehr Chancen als ein dunkler. Aus diesem Grund möchten sie sich auch von den Haitianern deutlich unterscheiden, die zwar auf der gleichen Insel leben, aber schwarz geblieben sind, da sich, im Gegensatz zu den Spaniern, die Franzosen nicht mit ihren untergebenen Sklaven vermischt haben. Vom stolzen „Black is beautiful“ wie auf Jamaika oder Trinidad ist hier noch keine Rede. Somit haben viele Dominikaner ein fast schon traumatisches Identitätsproblem.
Das „Presidente“ Bier ist sehr bekömmlich, wird ausschließlich eiskalt serviert und auch so getrunken. Es blieb nicht bei der einen Flasche. Juan war ein sympathischer Junge, das kleine Motorrad hatte er, wie die meisten Moto Concho Fahrer, nur gemietet. Alles, was er über die hundert Pesos täglich einnahm, war sein Verdienst. Sprit und anfallende Reparaturen gingen allerdings zu seinen Lasten. Sein größter Wunsch war natürlich eine eigene Maschine, doch die kostet über dreißigtausend Pesos. Bei einem
Durchschnittseinkommen von maximal hundert Pesos am Tag, mit denen er außerdem seinen Lebensunterhalt abdecken muss, bekommt er daher eher Enkelkinder als seine geliebte Maschine. Mittlerweile hatten einige Mädchen an unserem Tisch Platz genommen. Sie wären in unseren Breiten als waffenscheinpflichtig eingestuft worden. Enge Miniröcke und offen getragenes langes Haar, die glänzende dunkelbraune Haut
mit den vielen Ketten, Ringen und großen Ohrgehängen, die verführerischen Blicke, die immer ein wenig zu lange dauern - das alles konnte einem schon den Atem nehmen. Ungeniert begannen sie mit dem einzigen Gringo, also mit mir, auf das heftigste zu flirten. Nun bilde ich mir ja wirklich nicht ein, mit Belmondo oder Robert Redfort verwechselt werden zu können, auch achte ich streng darauf, dass mir die Dollars nicht bündelweise aus den Taschen heraushängen. Darüber hinaus hätte ich mindestens mit zwei Mädchen gleichzeitig anbandeln müssen, alleine schon, um den Altersunterschied wett zu machen. Ich entschied mich allerdings für einen stressfreien Abend, doch bedankte ich mich mit einer erweiterten Runde Bier. So alt und hässlich kann ich ja wohl nicht werden, dass es mir keinen Spaß mehr machen würde, dermaßen umschwärmt zu werden! Die Mutter zauberte weitere Flaschen aus ihrer
Kühlkiste hervor und drehte gleichzeitig das Kassettengerät auf. Es gibt beim Radio nur zwei Zustände, nämlich an oder aus und wenn ein dominikanisches Radio an ist, dann hört man die Musik nicht nur, man spürt sie auch. Am Lautstärkeknopf wird grundsätzlich nicht gedreht, der ist vermutlich ab Werk auf Maximum eingestellt. Die jungen Mädchen begannen sofort zu tanzen, in dem sie ihre Beckenpartien aufreizend kreisförmig bewegten. Sie drängten mich, es ihnen gleich zu tun. Jetzt war ich gefordert. Zur grenzen-losen Überraschung aller zog ich jedoch die dicke Drohne hinter ihrem Holzgehäuse hervor und begann, mit der Mutter Merengue zu tanzen. Juan schlug vor Lachen mit beiden Händen auf den Tisch. Nun bildeten die Mädchen einen Kreis um uns ungleiches Paar. Es musste ja wirklich ein einmaliger Anblick gewesen sein: Der bärtige hagere Gringo mit dem Stirnband hüpft mit einem Bärenweib nach dieser abartigen Affenmusik im Kreis herum. Es hat mir tierischen Spaß gemacht damals und ich habe später noch viele Male mit meiner Urmutter am Rande dieser Straße getanzt. Doch da hatte ich schon meinen Sonderpreis ausgehandelt.
Juan brachte mich an jenem Abend zum Hotel zurück. Spaßeshalber legten wir uns vorher jedoch noch wie zwei Wildschweine in eines dieser riesigen Schlammlöcher. Unverletzt, doch in der Farbe dem Erdboden gleich, betrat ich meine Terrasse und entledigte mich des größten Teiles der Garderobe. Es folgte eine heiße Dusche und dann begab ich mich, ganz in Weiß gekleidet, zum Abendessen. Nach einer riesigen Portion „Camarones,“ das sind Garnelen, die etwas größer sind als unsere Shrimps, schlenderte ich zu der kleinen Bar hinüber, die in Sichtweite meines Appartementos lag und wo ich auf Juan warten wollte. Sie gehörte zur Hotelanlage und war an ein junges
dominikanisches Paar verpachtet. Sie erinnerte mich an meine Zeit in Mexiko und so nannte ich sie „Cantina Mexicana.“ Hier treffen sich Touristen und Dominikaner gleichermaßen, denn die Möglichkeit, auf einen Drink eingeladen zu werden, war hier größer als anderswo. Geöffnet war sie, wie die meisten der übrigen Etablissements auch, bis der letzte Gast gegangen oder in der dazugehörigen Hängematte eingeschlafen war. Die zwanzig Meter Distanz zu meiner Terrasse empfand ich als überaus beruhigend und angenehm. Nach dem guten Essen wechselte ich vom Bier auf Rum und bestellte daher einen „Cuba Libre“. Dessen Zubereitung ist denkbar einfach: Man fülle ein Glas mit Eis, gieße es anschließend zu etwa zwei Drittel mit Rum voll und runde den verbliebenen Rest, also etwa zwei Finger hoch, mit Coca Cola ab.
Gekrönt wird das Ganze mit der Scheibe einer Limone, welche eingeschnitten auf den Rand des Glases gesteckt wird. Getrunken wird es normalerweise mit einem Strohhalm, was in der Wirkung einer intravenösen Verabreichungsform gleichzusetzen ist. Gott sei Dank erschien nach kurzer Zeit mein Juan mit seiner Maschine. Er hatte sich ebenfalls umgezogen und auch das Motorrad gründlich gewaschen. Ich stellte ihm einen Tageslohn in Aussicht und lud ihn außerdem in die Disco ein. So hatte ich wenigstens jemanden an meiner Seite, der sich auskennt und mich auch sicher wieder zurückbringen würde.
Vergessen Sie alles, was Sie sich bisher unter einer Diskothek vorgestellt haben! „Nuevo Mundo“ - „Neue Welt“ - so nannte sie sich und das war sie auch. Auf dem Vorplatz herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Zwanzig oder mehr Moto Conchos ließen ihre Maschinen laufen. Sie mussten einen Höllenlärm verursachen, doch erstaunlicherweise war davon nichts zu hören, denn die Musik aus der Disco übertönte alles. Der Vorplatz wurde von einer Mauer begrenzt, in welcher sich der Eingang befand. Neben diesem Loch stand breitbeinig ein Riesenkerl mit fast kahl
geschorenem Schädel. Mir fiel auf, dass dieser bedauernswerte Mensch keinen
Hals hatte: sein Kinn ging nahtlos in die Schultern über. Nachdem er mich auf Waffen abgeklopft hatte, ging es zunächst durch eine Art Vorgarten und anschließend einige Stufen hinauf in das Heiligtum. Der Schuppen bestand, genau genommen, lediglich aus einem großen Dach, welches auf einige Säulen aufgelegt war und so die Besucher vor Regen schützte. Zwischen diesen Säulen hatte man eine halbhohe Mauer errichtet, vermutlich, um zu verhindern, dass im Falle des Falles das Regenwasser die Tanzfläche überschwemmen konnte. Das hintere Ende war normal bis unters Dach gemauert. Hier waren die Toiletten und die robuste lange Theke untergebracht. Um
dorthin zu gelangen, musste man an der etwas tiefer gelegenen quadratischen Tanzfläche vorbei turnen. Links und rechts erblickte ich zwei Lautsprechertürme, die das Volumen von Ein-Zimmer-Appartements hatten. Wenn er direkt davor saß, konnte der interessierte Raucher zusehen, wie seine Zigarette in ungewohnt kurzer Zeit zu Asche verglimmte. Auch zum Trocknen nasser Wäschestücke müssten diese Boxen sich hervorragend eignen. Zum Glück fanden wir in angemessener Entfernung einen kleinen wackligen Tisch mit dazu passenden Holzstühlen.
Der Laden war gut besucht und so dauerte es eine Weile, bis die Serviererin erschien. Es gab zwar tiefgekühltes Bier in großen Flaschen, doch die mussten getrunken werden, bevor sie warm wurden und das dauert nicht lange. Es bestand auch die Möglichkeit, Cuba Libre zu bestellen, doch ist so ein Plastikbecher schnell geleert und die Dürreperiode bis zur Nachlieferung frustrierend. Da grundsätzlich die Bezahlung bei Lieferung zu erfolgen hat, wird nach einiger Zeit das Kleingeld knapp und sofern Sie dann mit größeren Scheinen bezahlen, prüft die Serviererin Ihr Erinnerungsvermögen, indem sie einfach nicht mehr erscheint. Sollten Sie jedoch auf Ihr Wechselgeld
bestehen und auch tatsächlich erhalten, empfiehlt es sich, es sofort nachzuzählen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden Sie nämlich selbst jetzt noch über die Theke gezogen, denn die Preisgestaltung ist sehr differenziert. So gibt es zunächst einmal den Grundpreis, das ist jener Betrag, den auch Dominikaner bezahlen müssen. Für Ausländer, noch dazu für jene, die der spanischen Sprache nicht mächtig sind, gibt es den sogenannten Gringozuschlag, welcher auf den Grundpreis aufgeschlagen wird.
Sind Sie Tourist, fallen Sie bereits in die nächste Kategorie: Ihr Betrag erhöht sich um den Touristenzuschlag. Sollten Sie hingegen Ihr Haupthaar mit kleinen Perlen verziert haben, müssen Sie darüber hinaus noch mit dem Idiotenzuschlag rechnen. Lassen Sie es mich an Hand eines kleinen Beispiels erklären: Eine Fahrt mit dem Moto Concho vom Strand ins Dorf kostet normal fünf Pesos, mit Gringozuschlag sind es schon zehn, Touristen zahlen zwanzig und Idioten fünfzig. Diese Preise verstehen sich pro Person
und verdoppeln sich nach Einbruch der Dunkelheit.
Nach diesem kleinen Ausflug in das freie Unternehmertum kehren wir wieder in die Disco zurück. Um all diesen Querelen vorzubeugen, bestellten wir ein „Servicio.“ Dieses Gedeck ist typisch dominikanisch. Es besteht aus einer Flasche Rum und zwei Flaschen Coca Cola. Dazu gehören die scheußlichen Plastikbecher sowie ein Hundenapf mit Eis. Dieses Getränk hat den Vorteil, dass Sie nicht ständig die Serviererin bemühen müssen und außerdem können Sie das Mischungsverhältnis nach Ihrem Geschmack selbst bestimmen. Die Gefahr eines Betruges ist auch relativ gering, Sie müssen nur darauf achten, dass die Flaschen erst an Ihrem Tisch geöffnet werden. In unperiodischen Abständen wird das geschmolzene Eis Ihres Hundenapfes über den Boden entsorgt und kostenlos frisches Eis nachgeliefert.
Kaum hatten wir unsere Becher gefüllt, spürte ich eine zarte Hand auf meinem linken Oberschenkel. Prompt verschluckte ich mich zunächst einmal und nachdem ich die Tränen aus meinen Augen gewischt hatte, erblickte ich neben mir ein weibliches Wesen von jener Art, wie die Märchenerzähler seit hundert Jahren oder mehr ihre wundersamen Feen beschrieben haben. Ihre Blicke gingen nicht nur unter die Haut, sondern stießen durch bis ins Mark. Sehr vermögend dürfte sie allerdings nicht gewesen sein, denn offensichtlich hatte sie das Kleidchen ihrer kleinen Schwester
übergestreift, welches jeden Moment aus allen Nähten zu platzen drohte. Als wäre es damit noch nicht genug, ließ sie überdies ihre linke Schulter leicht nach vorne abfallen, so dass mein Blick von oben auf ihre übervollen Brüste samt der erigierten Knospen fiel. Diese Brustwarzen erinnerten mich an die Kippschalter jener Nachttischlampen, welche in der Zeit nach dem Kriege das Schlafzimmer meiner Eltern schmückten. Das war zwar schon lange her, doch seither hatte ich so etwas nie wieder gesehen.
Ich erkundigte mich artig nach dem Namen dieser Göttin, ließ einen zusätzlichen Becher kommen und spendierte ihr einen Drink. Auf weitere Abenteuer wollte ich mich jedoch nicht einlassen und so verabschiedete sich das Mädchen mit einem flüchtigen Kuss auf meine linke Wange. Ich blickte zu Juan hinüber. Der schmunzelte und meinte: „Puta.“ Natürlich war mir klar, dass die Kleine sich prostituiert, doch niemals bin ich diesen Mädchen mit Verachtung begegnet. Im Verlaufe des Abends lernte ich so einige von ihnen kennen, es kostete mich jedes Mal einen lächerlichen Becher Cuba Libre.
Dann kam endlich der Moment, wo ich zum ersten Mal die Tanzfläche betrat und mit einer hingebungsvollen Partnerin vor den kritischen Blicken des Publikums Merengue tanzte. Ich hatte zwar mit meiner Urmutter heute Nachmittag kräftig geübt, doch werden wir uns niemals so bewegen können wie diese Menschen. Merengue tanzen ist wie eine Gratwanderung zwischen kühler Zurückhaltung und dem Ausbruch sexueller Zügellosigkeit. Alles oberhalb der Gürtellinie bleibt ruhig, die Beine werden ebenfalls nicht geworfen, sondern sie folgen unbeirrt dem Rhythmus der „Tambora“, der tiefen Trommel mit dem typischen nachlaufenden dritten Takt. Die Beckenpartien hingegen bewegen sich in fast obszöner Weise, so dass der Eindruck entsteht, man kopuliere auf der Tanzfläche. Der daraus resultierende Spannungszustand befällt nicht nur
die Tanzenden sondern auch die Zuschauer. Viele Monate später hatte ich in Santo Domingo in einer Sylvesternacht mit zwei Mädchen gleichzeitig auf der Straße bis fünf Uhr früh Merengue getanzt. Damals kam mir der Gedanke, dass es ein Fruchtbarkeitstanz sein muss.
Über die Musik in diesem Teil der Welt gäbe es noch viel zu sagen, ich werde später noch ausführlicher darauf eingehen. Für heute war es genug und wir traten die Heimreise an.
Es war knapp vor Mitternacht und die „Cantina Mexicana“ hatte noch geöffnet. Zu meinem Bett war es ja nicht weit. Also beschloss ich, noch auf einen Drink vorbeizuschauen. Auf einem der kleinen runden und mit einem Tuch bespannten Hocker saß, mit dem Rücken an die Außenwand angelehnt, ein betagter Mann mit fast schwarzer Hautfarbe. In seiner Rechten hielt er ein Glas, welches zu einem guten Drittel mit purem bernsteinfarbenem Rum
angefüllt war. Ein „Trago“, wie Dominikaner dieses Getränk nennen, wird nicht mit Eis verdünnt oder gar mit anderen Erfrischungen vermischt. Das bleibt den Touristen oder den Jüngeren überlassen. In der Tat gibt es Rumsorten, die einem edlen alten Cognac in Nichts nachstehen. Wenn Sie bei einer Sorte bleiben, werden Sie niemals Kopfschmerzen bekommen, ganz egal, wie viel Sie getrunken haben.
Der Mann hinter der Theke fuchtelte mit einem Geldschein vor dem Gesicht des Alten herum. Dieser nahm den Fetzen an, hielt diesen ungefähr einen Zentimeter vor sein rechtes Auge und meinte: „Nuevo!“ Es handelte sich, wie sich herausstellte, um eine neue fünfhundert Pesos Note, die anlässlich des fünfhundertsten Jahrestags der Entdeckung der Insel durch Kolumbus herausgegeben wurde. Ich setzte meine Brille auf, hielt den Schein unter die Glühbirne und las etwas von fünfhundert Jahren Kolonisation und Christentum.
In Santo Domingo hatten sie aus diesem Anlass zwei riesengroße Elendsviertel
platt gewalzt, um eine hässliche und überdimensionale Betonkathedrale zu errichten. Der „Faro Colon“ hatte viele Millionen Dollar gekostet. Jede Nacht strahlen Laserkanonen mit fünfundvierzigtausend Watt elektrischer Energie ein gigantisches Kreuz in den Himmel. Um dieses Schauspiel auch sicherzustellen, werden bei Bedarf ganze Stadtteile Santo Domingos vom Netz getrennt. Kein Wunder also, dass der Papst, der zur Einweihung angereist war, von einer wütenden Menge mit faulen Eiern und Tomaten begrüßt wurde. Eingedenk des dominikanischen Wunsches, die spanischen Konquistadoren als ihre Erlöser zu betrachten, denen sie ihre Zivilisation zu verdanken hätten, schwoll mir, der jetzt bereits genügend Cuba Libre inhaliert hatte, der Kamm. Noch europäisch im Schädel griff ich den Alten neben mir an: „Fünfhundert Jahre Evangelisation! Im Namen des Kreuzes wurden elf Millionen Indianer geschlachtet!!! Ist das für euch vielleicht ein Grund zum Feiern???“
Der alte Mann - er hatte wirklich nur mehr einen Zahn - ergriff sein Glas und leerte es in einem Zug. Danach wischte er sich mit dem Rücken der rechten Hand über den Mund, drehte sich langsam zu mir und sagte, seine Hand auf meine Schulter legend: „Sieh mal, Pedro! Wir Dominikaner, wir feiern gerne - der Grund ist uns egal!“
Da stand ich nun mit meiner überlegenen humanistischen Ausbildung und musste
w.o. geben. Dieser Alte hatte sicher noch nie eine Schule von innen gesehen, doch auf seine Art war er weise. Das einzige, was wir von unserer Schulbildung hier gebrauchen können, das sind die vier Grundrechnungsarten. Alles andere lernen wir neu. |
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Freunde und Helfer <
Every Day Life in Las Terrenas
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Every Day Life in Las Terrenas - von Pedro de Las Terrenas |
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Einige Japaner meinen, dass ihr heiliger Berg sich jedem Betrachter anders darböte, weil es unendlich viele verschiedene Standorte gäbe. Der Fujiyama, so sind sie überzeugt, sei ein Spiegel dessen, was der Betrachter zu sehen wünsche.
Las Terrenas ist sicher kein heiliger Ort, doch viele Gesichter hat es auch. Dem Normaltouristen, der die meiste Zeit zwischen seinem klimatisierten Appartement, dem Pool und der Hotelbar pendelt, mag es durchaus als romantisches Fischerdörfchen erscheinen. Der Realität näher sind Sie jedoch, wenn Sie sich Las Terrenas wie das letzte Rattennest auf der Welt vorstellen. So ähnlich muss es in Klondike vor Anpfiff der Zivilisation zugegangen sein. Alles, was die Götter verboten haben, treiben sie hier.
Wenn Sie über die Berge von Sanchez, der alten Hafenstadt an der Bucht von Samaná herüber kommen, so entdecken Sie das erste Schild. Es ist eine Art Reklametafel und nicht besonders groß. Hier steht: „Bienvenidos a Las Terrenas!“ - „Willkommen in Las Terrenas!“ Darunter folgt der Absender: „La Iglesia de Dios de la Profecia.“ - „Die Kirche der prophezeienden Götter.“ Der bemerkenswerteste Satz kommt zum Schluss: „Aquí se oran por Ti!“ - „Hier beten sie für dich!“
Zweihundert Meter danach, auf der rechten Seite befindet sich die einzige Tankstelle des Ortes, die „Bomba“ - die Pumpe - wie sie genannt wird. Am Ende des großen Zufahrtsplatzes steht eine wesentlich größere Tafel. Auf ihr ist in kindlicher Weise ein Frauenportrait dargestellt. Es ist jedoch keine Werbetafel für Kosmetika oder dergleichen, sondern ein Hinweisschild. Hier steht nämlich: „El Sida no se ver en la Cara - Protegete!“ Das heißt auf deutsch: „Aids sieht man nicht im Gesicht - Schütze dich!“ Ich schluckte. Verträumtes Fischerdorf? Ja, vielleicht früher einmal, doch jetzt sind auch hier bereits die Folgen unserer Unkultur sichtbar geworden. Mit dem Tourismus kommt nicht nur Geld ins Land! Das Schild steht heute nicht mehr hier, es wurde mittlerweile entfernt und durch eine Wahlparole der Revolutionspartei ersetzt. Es hatte ja auch nur wenig Sinn, denn die Touristen verstehen in der Regel kein Spanisch und die meisten dieser Mädchen können sowieso nicht lesen. Jahre später habe ich in Sosua, einer üblen Touristenhochburg oben vor Puerto Plata, wo sich alle Freiberuflerinnen der Insel zusammenfinden, eine Rundfrage gemacht. Acht von zehn Mädchen hatten von Aids noch nie etwas gehört und nur eine von hundert fragte nach einem Präservativ!
Doch kommen wir wieder nach Las Terrenas zurück. Das erste Geschäft befindet sich auf der linken Straßenseite. Bezeichnenderweise handelt es sich um den Laden des Sargtischlers! Es folgen eine Unmenge verschiedenster Kneipen, die zu beschreiben in nüchternem Zustand nicht möglich sind. Unterbrochen wird diese Harmonie lediglich durch abenteuerliche Verkaufsbuden, die im wesentlichen das Gleiche anbieten, nämlich verschiedene Sorten Rum und eine Sorte Bier. Es gibt aber auch sonst alles, was man so zum Leben braucht, man muss nur Augen haben, zu sehen! So gibt es ein schmutzstarrendes, in den Lehmboden gegrabenes Loch, welches oben notdürftig mit Wellblech abgedeckt ist, das sich bei genauerer Betrachtung als Obst- und Gemüsehandlung entpuppt. Wenn man den einzigen Fleischerladen endlich entdeckt hat, wechselt man besser auf die andere Straßenseite, mit einer Metzgerei in unserem Sinne hat es nämlich nichts gemein. Außerdem gibt es da noch Schönheitssalons für die Damen und einen Friseur für den Herrn. Ebenfalls ausschließlich für Herren ist auch ein rundes hölzernes Gebäude gedacht, welches immer an Sonntagen gegen drei Uhr nachmittags seine Pforten öffnet. Es ist die Arena für den Hahnenkampf, der in vielen Ländern bereits verboten ist. Sie ist Kampfstätte und Kasino zugleich. Als Tourist können Sie ohne weiteres den Kämpfen beiwohnen und auch Wetten abschließen, doch empfiehlt es sich, die bemitleidenswerten Kreaturen keiner, wie auch immer
gearteten Wertung zu unterziehen. Für den Dominikaner ist sein Kampfhahn wichtiger als alles andere auf der Welt. Wenn Sie ihm die Frau ausspannen, zuckt er möglicherweise nicht mal mit den Achseln, doch wehe Ihnen, sie machen sich über seinen Hahn lustig! Manchmal denke ich, was für uns die Katze ist für sie der Hahn. Wir füttern unsere Lieblinge mittlerweile schon mit Rindfleisch aus artgerechter Tierhaltung und betrachten uns ja auch nicht als pervers!
Irgendwann, nach zwei Kilometern etwa, erblickt man die Fax- und Telephonstation. Sie ist eingezäunt, Tag und Nacht bewacht, verfügt über einen eigenen Stromgenerator, der von einem Dieselaggregat angetrieben wird, einem hohen Mast mit vier oder fünf Satellitenschüsseln und einem klimatisierten Benützerraum mit zehn Telefonen und dem Faxgerät. Die Gesellschaft, ein kanadisches Unternehmen, hat solche Stationen in fast jeder Stadt des Landes installiert. Sie arbeitet natürlich privat, daher funktioniert das Ganze auch. Erstaunlicherweise sind Ferngespräche nach
Europa nur etwa halb so teuer wie umgekehrt. Den logischen Abschluss der „Calle Principal“ - der Hauptstraße - bildet der Friedhof, ein ungepflegtes, eigentlich würdeloses Gemäuer. Das Eingangstor ist mit Hinweistafeln auf Hotels, Restaurants und Bars übersät. Etwas habe ich jetzt allerdings ausgelassen, das auf gar keinen Fall fehlen darf, nämlich die „Discoteca.“ Ich habe später auf meinen Reisen durch das
Landesinnere winzige Dörfer entdeckt, oft nur fünf oder sechs Hütten, es gab keine Kirche und keine Schule, doch mit Sicherheit immer eine Diskothek. Sie ist der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes. Ursprünglich war auch sie nur für Männer gedacht. Aus dem Verständnis des Machos gilt jede Frau, die eine Diskothek aufsucht, als Freiwild. Durch den Tourismus allerdings wurde auch dieser schöne Brauch zerstört, so dass wir Männer selbst hier nicht mehr unter uns sein können. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb,
beschloss ich, heute Abend diesen Ort aufzusuchen. Jetzt am Tage lag er trostlos und verlassen.
Ich dirigierte mein Moto Concho rechts an dem Friedhof vorbei über eine Straße, die tatsächlich nur aus Schlaglöchern bestand und lud den Fahrer zu einer Flasche Bier ein. Er bevorzugte natürlich eine dominikanische „Cafeteria“, wie die Schnapsbuden hier genannt werden. Tatsächlich habe ich im Verlaufe der Jahre keine einzige Cafeteria gefunden, wo man Kaffee hätte trinken können, immer aber gab es Rum und eiskaltes Bier. Wir blieben vor einer winzigen Bretterhütte stehen, auf der ein Witzbold
„Restauración“ gemalt hatte. Die Stube wurde von einem gewaltigen Weibe fast zur Gänze ausgefüllt, was nicht weiter tragisch war, denn die Gäste saßen ohnehin draußen auf zwei Baumstämmen. Die Urmutter näherte sich uns mit einem wohlwollenden Lächeln. Sie stemmte, wie alle Mütter ab einer gewissen Oberweite, ihre Arme in die Hüften und warf ihren Kopf kurz nach hinten. „Dos Cervezas, por favor!“ Damit waren die zwei Bier bestellt. Juan, so nannte sich mein Chauffeur, hatte ungefähr die gleiche Hautfarbe wie ich und ebenfalls lange Haare. Selbstverständlich sei er Dominikaner, beantwortete er meine Frage, seine Vorfahren allerdings kämen aus Andalusien, seien also Spanier gewesen. Das würde seine helle Hautfarbe
erklären.
Tatsächlich betreiben die Dominikaner so etwas wie eine kulturelle Kindesweglegung. Niemand möchte von schwarzen Sklaven abstammen. Je heller ein Dominikaner ist, desto angesehener ist er und hat auch beruflich mehr Chancen als ein dunkler. Aus diesem Grund möchten sie sich auch von den Haitianern deutlich unterscheiden, die zwar auf der gleichen Insel leben, aber schwarz geblieben sind, da sich, im Gegensatz zu den Spaniern, die Franzosen nicht mit ihren untergebenen Sklaven vermischt haben. Vom stolzen „Black is beautiful“ wie auf Jamaika oder Trinidad ist hier noch keine Rede. Somit haben viele Dominikaner ein fast schon traumatisches Identitätsproblem.
Das „Presidente“ Bier ist sehr bekömmlich, wird ausschließlich eiskalt serviert und auch so getrunken. Es blieb nicht bei der einen Flasche. Juan war ein sympathischer Junge, das kleine Motorrad hatte er, wie die meisten Moto Concho Fahrer, nur gemietet. Alles, was er über die hundert Pesos täglich einnahm, war sein Verdienst. Sprit und anfallende Reparaturen gingen allerdings zu seinen Lasten. Sein größter Wunsch war natürlich eine eigene Maschine, doch die kostet über dreißigtausend Pesos. Bei einem
Durchschnittseinkommen von maximal hundert Pesos am Tag, mit denen er außerdem seinen Lebensunterhalt abdecken muss, bekommt er daher eher Enkelkinder als seine geliebte Maschine. Mittlerweile hatten einige Mädchen an unserem Tisch Platz genommen. Sie wären in unseren Breiten als waffenscheinpflichtig eingestuft worden. Enge Miniröcke und offen getragenes langes Haar, die glänzende dunkelbraune Haut
mit den vielen Ketten, Ringen und großen Ohrgehängen, die verführerischen Blicke, die immer ein wenig zu lange dauern - das alles konnte einem schon den Atem nehmen. Ungeniert begannen sie mit dem einzigen Gringo, also mit mir, auf das heftigste zu flirten. Nun bilde ich mir ja wirklich nicht ein, mit Belmondo oder Robert Redfort verwechselt werden zu können, auch achte ich streng darauf, dass mir die Dollars nicht bündelweise aus den Taschen heraushängen. Darüber hinaus hätte ich mindestens mit zwei Mädchen gleichzeitig anbandeln müssen, alleine schon, um den Altersunterschied wett zu machen. Ich entschied mich allerdings für einen stressfreien Abend, doch bedankte ich mich mit einer erweiterten Runde Bier. So alt und hässlich kann ich ja wohl nicht werden, dass es mir keinen Spaß mehr machen würde, dermaßen umschwärmt zu werden! Die Mutter zauberte weitere Flaschen aus ihrer
Kühlkiste hervor und drehte gleichzeitig das Kassettengerät auf. Es gibt beim Radio nur zwei Zustände, nämlich an oder aus und wenn ein dominikanisches Radio an ist, dann hört man die Musik nicht nur, man spürt sie auch. Am Lautstärkeknopf wird grundsätzlich nicht gedreht, der ist vermutlich ab Werk auf Maximum eingestellt. Die jungen Mädchen begannen sofort zu tanzen, in dem sie ihre Beckenpartien aufreizend kreisförmig bewegten. Sie drängten mich, es ihnen gleich zu tun. Jetzt war ich gefordert. Zur grenzen-losen Überraschung aller zog ich jedoch die dicke Drohne hinter ihrem Holzgehäuse hervor und begann, mit der Mutter Merengue zu tanzen. Juan schlug vor Lachen mit beiden Händen auf den Tisch. Nun bildeten die Mädchen einen Kreis um uns ungleiches Paar. Es musste ja wirklich ein einmaliger Anblick gewesen sein: Der bärtige hagere Gringo mit dem Stirnband hüpft mit einem Bärenweib nach dieser abartigen Affenmusik im Kreis herum. Es hat mir tierischen Spaß gemacht damals und ich habe später noch viele Male mit meiner Urmutter am Rande dieser Straße getanzt. Doch da hatte ich schon meinen Sonderpreis ausgehandelt.
Juan brachte mich an jenem Abend zum Hotel zurück. Spaßeshalber legten wir uns vorher jedoch noch wie zwei Wildschweine in eines dieser riesigen Schlammlöcher. Unverletzt, doch in der Farbe dem Erdboden gleich, betrat ich meine Terrasse und entledigte mich des größten Teiles der Garderobe. Es folgte eine heiße Dusche und dann begab ich mich, ganz in Weiß gekleidet, zum Abendessen. Nach einer riesigen Portion „Camarones,“ das sind Garnelen, die etwas größer sind als unsere Shrimps, schlenderte ich zu der kleinen Bar hinüber, die in Sichtweite meines Appartementos lag und wo ich auf Juan warten wollte. Sie gehörte zur Hotelanlage und war an ein junges
dominikanisches Paar verpachtet. Sie erinnerte mich an meine Zeit in Mexiko und so nannte ich sie „Cantina Mexicana.“ Hier treffen sich Touristen und Dominikaner gleichermaßen, denn die Möglichkeit, auf einen Drink eingeladen zu werden, war hier größer als anderswo. Geöffnet war sie, wie die meisten der übrigen Etablissements auch, bis der letzte Gast gegangen oder in der dazugehörigen Hängematte eingeschlafen war. Die zwanzig Meter Distanz zu meiner Terrasse empfand ich als überaus beruhigend und angenehm. Nach dem guten Essen wechselte ich vom Bier auf Rum und bestellte daher einen „Cuba Libre“. Dessen Zubereitung ist denkbar einfach: Man fülle ein Glas mit Eis, gieße es anschließend zu etwa zwei Drittel mit Rum voll und runde den verbliebenen Rest, also etwa zwei Finger hoch, mit Coca Cola ab.
Gekrönt wird das Ganze mit der Scheibe einer Limone, welche eingeschnitten auf den Rand des Glases gesteckt wird. Getrunken wird es normalerweise mit einem Strohhalm, was in der Wirkung einer intravenösen Verabreichungsform gleichzusetzen ist. Gott sei Dank erschien nach kurzer Zeit mein Juan mit seiner Maschine. Er hatte sich ebenfalls umgezogen und auch das Motorrad gründlich gewaschen. Ich stellte ihm einen Tageslohn in Aussicht und lud ihn außerdem in die Disco ein. So hatte ich wenigstens jemanden an meiner Seite, der sich auskennt und mich auch sicher wieder zurückbringen würde.
Vergessen Sie alles, was Sie sich bisher unter einer Diskothek vorgestellt haben! „Nuevo Mundo“ - „Neue Welt“ - so nannte sie sich und das war sie auch. Auf dem Vorplatz herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Zwanzig oder mehr Moto Conchos ließen ihre Maschinen laufen. Sie mussten einen Höllenlärm verursachen, doch erstaunlicherweise war davon nichts zu hören, denn die Musik aus der Disco übertönte alles. Der Vorplatz wurde von einer Mauer begrenzt, in welcher sich der Eingang befand. Neben diesem Loch stand breitbeinig ein Riesenkerl mit fast kahl
geschorenem Schädel. Mir fiel auf, dass dieser bedauernswerte Mensch keinen
Hals hatte: sein Kinn ging nahtlos in die Schultern über. Nachdem er mich auf Waffen abgeklopft hatte, ging es zunächst durch eine Art Vorgarten und anschließend einige Stufen hinauf in das Heiligtum. Der Schuppen bestand, genau genommen, lediglich aus einem großen Dach, welches auf einige Säulen aufgelegt war und so die Besucher vor Regen schützte. Zwischen diesen Säulen hatte man eine halbhohe Mauer errichtet, vermutlich, um zu verhindern, dass im Falle des Falles das Regenwasser die Tanzfläche überschwemmen konnte. Das hintere Ende war normal bis unters Dach gemauert. Hier waren die Toiletten und die robuste lange Theke untergebracht. Um
dorthin zu gelangen, musste man an der etwas tiefer gelegenen quadratischen Tanzfläche vorbei turnen. Links und rechts erblickte ich zwei Lautsprechertürme, die das Volumen von Ein-Zimmer-Appartements hatten. Wenn er direkt davor saß, konnte der interessierte Raucher zusehen, wie seine Zigarette in ungewohnt kurzer Zeit zu Asche verglimmte. Auch zum Trocknen nasser Wäschestücke müssten diese Boxen sich hervorragend eignen. Zum Glück fanden wir in angemessener Entfernung einen kleinen wackligen Tisch mit dazu passenden Holzstühlen.
Der Laden war gut besucht und so dauerte es eine Weile, bis die Serviererin erschien. Es gab zwar tiefgekühltes Bier in großen Flaschen, doch die mussten getrunken werden, bevor sie warm wurden und das dauert nicht lange. Es bestand auch die Möglichkeit, Cuba Libre zu bestellen, doch ist so ein Plastikbecher schnell geleert und die Dürreperiode bis zur Nachlieferung frustrierend. Da grundsätzlich die Bezahlung bei Lieferung zu erfolgen hat, wird nach einiger Zeit das Kleingeld knapp und sofern Sie dann mit größeren Scheinen bezahlen, prüft die Serviererin Ihr Erinnerungsvermögen, indem sie einfach nicht mehr erscheint. Sollten Sie jedoch auf Ihr Wechselgeld
bestehen und auch tatsächlich erhalten, empfiehlt es sich, es sofort nachzuzählen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden Sie nämlich selbst jetzt noch über die Theke gezogen, denn die Preisgestaltung ist sehr differenziert. So gibt es zunächst einmal den Grundpreis, das ist jener Betrag, den auch Dominikaner bezahlen müssen. Für Ausländer, noch dazu für jene, die der spanischen Sprache nicht mächtig sind, gibt es den sogenannten Gringozuschlag, welcher auf den Grundpreis aufgeschlagen wird.
Sind Sie Tourist, fallen Sie bereits in die nächste Kategorie: Ihr Betrag erhöht sich um den Touristenzuschlag. Sollten Sie hingegen Ihr Haupthaar mit kleinen Perlen verziert haben, müssen Sie darüber hinaus noch mit dem Idiotenzuschlag rechnen. Lassen Sie es mich an Hand eines kleinen Beispiels erklären: Eine Fahrt mit dem Moto Concho vom Strand ins Dorf kostet normal fünf Pesos, mit Gringozuschlag sind es schon zehn, Touristen zahlen zwanzig und Idioten fünfzig. Diese Preise verstehen sich pro Person
und verdoppeln sich nach Einbruch der Dunkelheit.
Nach diesem kleinen Ausflug in das freie Unternehmertum kehren wir wieder in die Disco zurück. Um all diesen Querelen vorzubeugen, bestellten wir ein „Servicio.“ Dieses Gedeck ist typisch dominikanisch. Es besteht aus einer Flasche Rum und zwei Flaschen Coca Cola. Dazu gehören die scheußlichen Plastikbecher sowie ein Hundenapf mit Eis. Dieses Getränk hat den Vorteil, dass Sie nicht ständig die Serviererin bemühen müssen und außerdem können Sie das Mischungsverhältnis nach Ihrem Geschmack selbst bestimmen. Die Gefahr eines Betruges ist auch relativ gering, Sie müssen nur darauf achten, dass die Flaschen erst an Ihrem Tisch geöffnet werden. In unperiodischen Abständen wird das geschmolzene Eis Ihres Hundenapfes über den Boden entsorgt und kostenlos frisches Eis nachgeliefert.
Kaum hatten wir unsere Becher gefüllt, spürte ich eine zarte Hand auf meinem linken Oberschenkel. Prompt verschluckte ich mich zunächst einmal und nachdem ich die Tränen aus meinen Augen gewischt hatte, erblickte ich neben mir ein weibliches Wesen von jener Art, wie die Märchenerzähler seit hundert Jahren oder mehr ihre wundersamen Feen beschrieben haben. Ihre Blicke gingen nicht nur unter die Haut, sondern stießen durch bis ins Mark. Sehr vermögend dürfte sie allerdings nicht gewesen sein, denn offensichtlich hatte sie das Kleidchen ihrer kleinen Schwester
übergestreift, welches jeden Moment aus allen Nähten zu platzen drohte. Als wäre es damit noch nicht genug, ließ sie überdies ihre linke Schulter leicht nach vorne abfallen, so dass mein Blick von oben auf ihre übervollen Brüste samt der erigierten Knospen fiel. Diese Brustwarzen erinnerten mich an die Kippschalter jener Nachttischlampen, welche in der Zeit nach dem Kriege das Schlafzimmer meiner Eltern schmückten. Das war zwar schon lange her, doch seither hatte ich so etwas nie wieder gesehen.
Ich erkundigte mich artig nach dem Namen dieser Göttin, ließ einen zusätzlichen Becher kommen und spendierte ihr einen Drink. Auf weitere Abenteuer wollte ich mich jedoch nicht einlassen und so verabschiedete sich das Mädchen mit einem flüchtigen Kuss auf meine linke Wange. Ich blickte zu Juan hinüber. Der schmunzelte und meinte: „Puta.“ Natürlich war mir klar, dass die Kleine sich prostituiert, doch niemals bin ich diesen Mädchen mit Verachtung begegnet. Im Verlaufe des Abends lernte ich so einige von ihnen kennen, es kostete mich jedes Mal einen lächerlichen Becher Cuba Libre.
Dann kam endlich der Moment, wo ich zum ersten Mal die Tanzfläche betrat und mit einer hingebungsvollen Partnerin vor den kritischen Blicken des Publikums Merengue tanzte. Ich hatte zwar mit meiner Urmutter heute Nachmittag kräftig geübt, doch werden wir uns niemals so bewegen können wie diese Menschen. Merengue tanzen ist wie eine Gratwanderung zwischen kühler Zurückhaltung und dem Ausbruch sexueller Zügellosigkeit. Alles oberhalb der Gürtellinie bleibt ruhig, die Beine werden ebenfalls nicht geworfen, sondern sie folgen unbeirrt dem Rhythmus der „Tambora“, der tiefen Trommel mit dem typischen nachlaufenden dritten Takt. Die Beckenpartien hingegen bewegen sich in fast obszöner Weise, so dass der Eindruck entsteht, man kopuliere auf der Tanzfläche. Der daraus resultierende Spannungszustand befällt nicht nur
die Tanzenden sondern auch die Zuschauer. Viele Monate später hatte ich in Santo Domingo in einer Sylvesternacht mit zwei Mädchen gleichzeitig auf der Straße bis fünf Uhr früh Merengue getanzt. Damals kam mir der Gedanke, dass es ein Fruchtbarkeitstanz sein muss.
Über die Musik in diesem Teil der Welt gäbe es noch viel zu sagen, ich werde später noch ausführlicher darauf eingehen. Für heute war es genug und wir traten die Heimreise an.
Es war knapp vor Mitternacht und die „Cantina Mexicana“ hatte noch geöffnet. Zu meinem Bett war es ja nicht weit. Also beschloss ich, noch auf einen Drink vorbeizuschauen. Auf einem der kleinen runden und mit einem Tuch bespannten Hocker saß, mit dem Rücken an die Außenwand angelehnt, ein betagter Mann mit fast schwarzer Hautfarbe. In seiner Rechten hielt er ein Glas, welches zu einem guten Drittel mit purem bernsteinfarbenem Rum
angefüllt war. Ein „Trago“, wie Dominikaner dieses Getränk nennen, wird nicht mit Eis verdünnt oder gar mit anderen Erfrischungen vermischt. Das bleibt den Touristen oder den Jüngeren überlassen. In der Tat gibt es Rumsorten, die einem edlen alten Cognac in Nichts nachstehen. Wenn Sie bei einer Sorte bleiben, werden Sie niemals Kopfschmerzen bekommen, ganz egal, wie viel Sie getrunken haben.
Der Mann hinter der Theke fuchtelte mit einem Geldschein vor dem Gesicht des Alten herum. Dieser nahm den Fetzen an, hielt diesen ungefähr einen Zentimeter vor sein rechtes Auge und meinte: „Nuevo!“ Es handelte sich, wie sich herausstellte, um eine neue fünfhundert Pesos Note, die anlässlich des fünfhundertsten Jahrestags der Entdeckung der Insel durch Kolumbus herausgegeben wurde. Ich setzte meine Brille auf, hielt den Schein unter die Glühbirne und las etwas von fünfhundert Jahren Kolonisation und Christentum.
In Santo Domingo hatten sie aus diesem Anlass zwei riesengroße Elendsviertel
platt gewalzt, um eine hässliche und überdimensionale Betonkathedrale zu errichten. Der „Faro Colon“ hatte viele Millionen Dollar gekostet. Jede Nacht strahlen Laserkanonen mit fünfundvierzigtausend Watt elektrischer Energie ein gigantisches Kreuz in den Himmel. Um dieses Schauspiel auch sicherzustellen, werden bei Bedarf ganze Stadtteile Santo Domingos vom Netz getrennt. Kein Wunder also, dass der Papst, der zur Einweihung angereist war, von einer wütenden Menge mit faulen Eiern und Tomaten begrüßt wurde. Eingedenk des dominikanischen Wunsches, die spanischen Konquistadoren als ihre Erlöser zu betrachten, denen sie ihre Zivilisation zu verdanken hätten, schwoll mir, der jetzt bereits genügend Cuba Libre inhaliert hatte, der Kamm. Noch europäisch im Schädel griff ich den Alten neben mir an: „Fünfhundert Jahre Evangelisation! Im Namen des Kreuzes wurden elf Millionen Indianer geschlachtet!!! Ist das für euch vielleicht ein Grund zum Feiern???“
Der alte Mann - er hatte wirklich nur mehr einen Zahn - ergriff sein Glas und leerte es in einem Zug. Danach wischte er sich mit dem Rücken der rechten Hand über den Mund, drehte sich langsam zu mir und sagte, seine Hand auf meine Schulter legend: „Sieh mal, Pedro! Wir Dominikaner, wir feiern gerne - der Grund ist uns egal!“
Da stand ich nun mit meiner überlegenen humanistischen Ausbildung und musste
w.o. geben. Dieser Alte hatte sicher noch nie eine Schule von innen gesehen, doch auf seine Art war er weise. Das einzige, was wir von unserer Schulbildung hier gebrauchen können, das sind die vier Grundrechnungsarten. Alles andere lernen wir neu. |
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