Pedro fährt Motorrad
pedro de las terrenas

Pedro fährt Motorrad - von Pedro de Las Terrenas

 

 

Am Anfang aller Dinge gab es den Urknall. Alles, was danach passierte, und auch heute noch passiert, sind nur mehr dessen logische Folgen. Wir haben darauf keinen Einfluß. Die Araber meinen, es sei alles im großen Buch verzeichnet. Es gibt keine bessere Ausrede für einen arbeitsscheuen Mann als seine Religion. Allah habe es so gewollt, pflegen sie zu sagen, wenn sie in irgendeiner Form gefordert werden. Ich verwende indessen ein zeitgemäßeres, weil umweltbewußtes Argument für das süße Nichtstun, wenn ich sage: Arbeiten heißt verändern - Verändern heißt zerstören! Daher habe ich im Zenit meiner Jahre auch beschlossen, mich der Genealogie, der
Ahnenforschung, zu widmen. Hier wird Altes in Erinnerung gerufen und bewahrt. Doch selbst für dieses edle Tun müssen Bäume gefällt werden, um das Papier herzustellen, mit welchem ich meinen Drucker fülle.

Wie erinnerlich, hatte ich gestern ein Moorbad genommen. Als eine dieser Oben genannten logischen Folgen machte ich mich daher mit der schmutzigen Garderobe auf den Weg zur Wäscherei des Hotels. Manta - ich meine nicht den Rochen - sondern meine Putzfrau, die täglich mein Appartement säuberte, hatte mir den Weg dorthin beschrieben. Sie lag gegenüber der Planta, wie man hier die dieselbetriebenen Stromerzeuger nennt und die auf Leinen gehängte Wäsche begrüßte mich schon von weitem.

Die Wäscherei bestand aus einem Wasch - und einem Bügelraum. Im ersteren saßen zwei Frauen auf dem betonierten Boden. Zwischen ihren angezogenen Knien befanden sich große schwarze Plastikwannen und darin die zu reinigende Schmutzwäsche. Ihre Bekleidung war von dem vielen Wasser, das hier verwendet wurde, vollkommen durchnäßt. Meine Ankunft schien sich positiv auf ihre Arbeitsmoral auszuwirken, denn sobald sie mich bemerkt hatten, schrubbten sie wie im Akkord drauflos, so daß ich sofort ein schlechtes Gewissen bekam. Nach der üblichen Begrüßung, welche die Frage nach ihrem Befinden beinhaltete, bot ich daher zuerst einmal Zigaretten an. Dankend nahmen die beiden die Gelegenheit wahr, eine Pause einzuschalten und musterten mich. „Donde vive Usted?“ - „Wo wohnen Sie?“ wollte eine von ihnen wissen. „Apartemento cientotres!“ - „Appartement hundertdrei!“ erwiderte ich. Dann bemerkten sie den Grund meines Besuches und schlugen sich auf ihre Schenkel vor Lachen. „Que paso?“ - „Was ist passiert?“ fragte mich die dunklere von ihnen. Ihre Hautfarbe war wie Ebenholz. „Las Noches Caribes!“ - „Karibische Nächte!“ erwiderte ich und erntete einen weiteren Heiterkeitsausbruch. Es folgten zwei Worte, die ich in diesem Land noch viele Male hören sollte. „No problemo!“ meinte die Gute nämlich und vertröstete mich auf morgen. Alles sei relativ, meinte hingegen der geniale Einstein schon wesentlich früher und wie recht er hatte, erfährt man spätestens, wenn man dieses Land besucht. „Hasta mañana!“ - „Bis morgen!“ ist sicherlich gut, doch oft nicht ehrlich gemeint, denn es können locker zwei Wochen vergehen, bevor das Versprechen eingelöst wird und selbst das wesentlich kurzfristigere „Momentito!“ - „Kleines Momentchen!“ kann sich auch schon mal über drei Tage erstrecken.

Mein wunderbarer Waschsalon, wie ich ihn ab jetzt nennen sollte, beherbergte aber noch eine Überraschung und diese erschien just in dem Moment, als ich ihn verlassen wollte. Sie nannte sich „Wendy“ gesprochen „Uendi“ und war ein Engel. Ihr bezauberndes Lächeln ließ meinen Puls auf das lebensnotwendige Mindestmaß herabsinken. Sie blickte mich an mit einer Mischung aus Melancholie und süßer Unschuld. Ich schluckte. Wenn ich in diese Augen eintauche, so befürchtete ich, werde ich wohl nie wieder auftauchen. Das mit dem ersten Blick ist jedenfalls kein leeres Gerede. Sie war zu schüchtern, um etwas zu sagen. Sie lächelte nur. Als ich zurückging, beschloß ich, in Zukunft mehr auf mein Äußeres zu achten und mich fortan nur mehr mit tadellos gewaschenen Textilien zu bedecken.

Schon seit geraumer Zeit war mir ein dicklicher, freundlicher Dominikaner aufgefallen, der ständig in der Nähe der Cantina Mexicana herumstrich, nie etwas bestellte, sondern immer nur dumm grinste. Sein Job bestand darin, zwei Motorräder zu vermieten, die ihm nicht gehörten. Seine Aquisitionsbemühungen waren dementsprechend unzureichend. Wenn er etwas zu essen und zu trinken bekam, war er schon zufrieden. Die Mentalität eines Dominikaners unterscheidet sich von unserer geradezu diametral. Diese Menschen leben jetzt und zwar kompromißlos und direkt. Was morgen sein wird, interessiert sie heute nicht. Wir würden sagen, sie leben in den Tag hinein und von der Hand in den Mund. Das können sie sich auch leisten, denn es wächst ständig alles nach und sie brauchen wirklich nur die Hand auszustrecken. Wir hingegen sind mit der Tatsache konfrontiert, daß es bei uns einen richtigen Winter gibt. Wahrscheinlich haben wir aus diesem Grund vor sehr langer Zeit die Verhaltensweisen von Eichhörnchen angenommen: Wir müssen rechtzeitig sammeln, um den Winter zu überleben. In weiterer Folge dieses Verhaltens fühlen wir uns auch aufgerufen, ständig etwas tun zu müssen und zwar auch dann, wenn es gar nichts zu tun gibt. Ein deutscher Tourist, der anläßlich eines Tagesausfluges von Sosua zu meiner stillen Bucht gekarrt wurde, entstieg - die Kamera auf seinem Wohlstandsbauch vor sich hertragend - dem Kleinbus mit der Bemerkung: „Warum hat denn hier niemand aufgeräumt?“ Lange Zeit habe ich versucht, abzuwägen, welche Lebensform vorzuziehen sei. Als Waage-Geborener bin ich zu dem Schluß gekommen, daß beides seine Gültigkeit hat und die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Wir zu Hause planen unser Leben und lassen uns gegen alles Erdenkliche versichern. Diese Menschen hier leben inzwischen. Ich kenne junge Männer von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, die sich bereits jetzt ausrechnen, mit wieviel Mark, Schilling oder Franken sie einmal in Pension gehen werden, wenn sie siebzig Jahre alt geworden sind. Welche Sicherheit haben sie denn wirklich? Heute abend noch die Intensivstation und morgen mittag bereits den Zettel um den großen Zeh? Welche Versicherung kann das verhindern? Manche sterben aber auch im Bett. Sie hatten Gelegenheit, alles zu ordnen und sich zu verabschieden. Sie gehen dahin wie sie gelebt hatten: ordentlich und wie es sich gehört! Sind sie wirklich sicher, daß sie in der letzten Stunde ihres Lebens nicht erkennen müssen, im Grunde eigentlich gar nicht gelebt zu haben? Was haben sie aus diesem Geschenk gemacht? Immer nur den Erwartungen anderer entsprochen? Brav gebetet und gearbeitet? Brav die Steuern bezahlt? - Ich gratuliere!

Aber es gibt natürlich auch das andere Extrem. Ein Dominikaner, ebenfalls um fünfundzwanzig Jahre alt, hatte sich eine furchtbare Verletzung zugezogen. Sein Unterarm war in Höhe des Ellbogens gebrochen. Es war ein offener Bruch, die Wunde war eitrig und hatte alle Farben zwischen grün und violett angenommen. Da er sich eine Spitalsbehandlung nicht leisten konnte, bettelte er vor den Hotels die Touristen an. Die grausliche Verletzung brachte denn auch ungewöhnlich hohe Beträge ein. Der
Schwerverletzte dachte aber gar nicht daran, sich behandeln zu lassen. Ein deutscher Tourist bemerkte das, fing den armen Teufel ein und brachte ihn in die nächstgrößere Stadt, wo er ihn auf seine Kosten operieren ließ. Der Dominikaner jedoch hätte seinen Gönner am liebsten umgebracht, hatte dieser ihm doch die Möglichkeit genommen, sich die tägliche Ration Rum und die Mädchen zu geben. Ihm selbst war es nämlich gleichgültig, ob er nächste Woche noch lebte. Es sind diese Dinge, die mich erkennen lassen, daß ich wohl nie ein hundert prozentiger Dominikaner sein werde.

Der dümmlich dicke Motorradvermieter machte - wie gesagt - keinen Versuch, mich zum Motorradfahren zu überreden und so ging ich auf ihn zu und erkundigte mich nach dem Preis. Dreihundert Pesos pro Tag war die Ausgangsbasis für die Verhandlungen. Nach zwanzig Minuten hatte ich ihn bei hundertfünfzig, doch ich wollte wissen, wieweit ich noch gehen konnte. Also sagte ich ihm, daß der halbe Tag in einer Stunde bereits erreicht sei und für den verbleibenden Rest wäre ich bereit, volle hundert Pesos zu bezahlen. Außerdem, so machte ich ihm klar, würde er heute ohnehin kein Geschäft mehr machen, dieser Tag sei gelaufen. Er hatte dem nichts entgegenzusetzen und so bestieg ich um elf Uhr vormittags die Maschine zum Drittelpreis. Nach zweihundert Metern hatte er mich mit dem zweiten Motorrad eingeholt und winkte ab. Er hatte vergessen, mir zu erklären, wie die Schaltung betätigt wird. Ich war also bisher nur im ersten Gang gefahren. „Si - Si!“ sagte ich und nickte verstehend. Ich wollte gar nicht schneller fahren, daher interessierten mich seine Anweisungen eigentlich gar nicht und so tuckerte ich weiter.

Das letzte Mal, als ich auf zwei Rädern unterwegs war, ist so unendlich lange hergewesen, daß ich mich nicht mehr daran erinnern konnte. Auf jeden Fall mußte es ein Fahrrad gewesen sein, also vor meinem achtzehnten Lebensjahr, denn damals machte ich meinen Führerschein. Auf einem Moped oder gar einem Motorrad bin ich vorher noch nie gesessen. Diesen Führerschein hatte ich mangels Bedarfs nie gemacht und hier fragt niemand danach. Es ging erstaunlicherweise recht gut im Anfang, dann kam der fürchterliche Weg mit den Schlammlöchern. Offenbar war ich der einzige Trottel, der jetzt durch diesen Dreck fahren wollte, denn ich sah keinen anderen Verkehrsteilnehmer weit und breit. Ich fuhr in meinem gewohnten ersten Gang ganz langsam durch den Schlamm. Er reichte fast bis zu den Achsen. Steine oder andere Unebenheiten am Grund der Löcher waren unmöglich zu erkennen, hier entschied nur das Glück. Irgendwie schaffte ich es, durchzukommen. Ich kam mir vor wie Moses nach Durchquerung der Wüste, es war ein ähnliches Wunder. Der weitere Weg war zwar nicht asphaltiert, doch sonst in tadellosem Zustand. Erleichtert
schaltete ich in den zweiten Gang und jetzt passierte es! Es machte „Pingg!“ und die Maschine schoß davon. Mit beiden Händen hielt ich mich krampfhaft am Lenker fest, um nicht herunterzufallen. Dadurch gab ich automatisch mehr Gas und die Maschine bäumte sich auf. Meine unbewusste Gegenreaktion bestand nun darin, meinen Hintern aus dem Sattel zu heben und mich dagegen zu stemmen. Also ging es ungefähr zwanzig Meter mit brüllendem Motor auf dem Hinterrad dahin und anschließend rechts durch den Stacheldraht hindurch mit vollem Gas zwischen die Palmen. Ich lag unter der Maschine und spürte, daß ich verletzt war. Im ersten Moment wollte ich gar nicht wissen, was ich mir zugezogen hatte. Ich schaltete die Zündung aus und sah nach, ob irgendwo Sprit auslief. Befreien konnte ich mich nicht, dazu war das Motorrad zu schwer und außerdem begann mein rechter Arm im Bereich der Schulter fürchterlich zu schmerzen. Mein Urlaub ist vorbei, dachte ich, als in diesem Moment die schwere Maschine von zwei kräftigen Männern hochgehoben und an eine Palme angelehnt wurde. Es war nicht einmal eine Minute vergangen seit meinem Sturz. Wo kamen diese Männer her? In weitem Umkreis war kein Haus zu entdecken. Vorsichtig halfen sie mir auf die Beine. Das Hemd war in Höhe meiner letzten Rippen vom Stacheldraht zerfetzt worden und färbte sich blutig. Der rechte Arm hing leblos herab. Mitten aus dem Schlüsselbein wuchs eine Beule heran, welche sich im ersten Stadium ihres Wachstums für eine hellrosa Farbe entschieden hatte. Unangenehm, doch Du wirst es überleben, war meine erste Diagnose und beruhigte mich langsam. Das Teufelsgerät von einem Motorrad war ebenfalls zu Schaden gekommen. Neben einigen Schrammen auf dem Tank bemerkte ich, daß die Gabel und auch der Lenker verbogen waren. Merkwürdigerweise empfand ich so etwas wie Schadenfreude. Auf dem Weg hielt ein Lastwagen an und nahm mich mit. Vorher bedankte ich mich noch aufrichtig bei meinen Helfern. Die Annahme von Geld verweigerten sie.

Zwei Stunden später saß ich in dem Schaukelstuhl auf meiner Terrasse. Für mein leibliches Wohl sorgte eine Flasche „Añejo“, ein Rum also, der schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hatte. Die Beule hatte nun die Größe eines Straußeneies erreicht und begonnen, alle übrigen Farben des Regenbogens auszuprobieren. Ich war mir nicht sicher, ob vielleicht doch ein Bruch vorlag. Mein Malheur hatte sich blitzartig in der Anlage herumgesprochen und es erschienen pausenlos mitfühlende und besorgte Menschen. Sie alle wollten genau wissen, wie denn das passiert sei und wünschten mir gute Besserung. Der Flüssigkeitsspiegel meiner Flasche näherte sich zentimeterweise dem Boden, als ich eine Frau bemerkte. Sie war eine Einheimische von sehr dunkler Hautfarbe. Ihr Haar begann sich an den Rändern schon leicht grau zu färben. Ich schätzte sie so um die fünfzig und hatte sie vorher noch nie gesehen. Woher sie kam, wußte ich nicht, sie war einfach da und schaute mich an. Sie hatte sicher schon viel gesehen und erlebt, ihre Augen verrieten das. Einen Moment lang dachte ich, daß sie auch sehr böse schauen könnte, sie hatte etwas von einer Hexe an sich. Unverwandt sah sie mich an. Dann fragte sie ansatzlos, ob sie mich massieren solle. Wohlgemerkt: „solle“, nicht „könne“ oder „dürfe“, nein „solle“! Menschenkenntnis hatte sie, das stand fest und Selbstsicherheit auch.

Nun bin ich in meinem ganzen Leben noch nie massiert worden. Selbst hatte ich zwar schon einige Male massiert, vorzugsweise Damen natürlich, doch ich selbst? Nein. Ich dachte an meine Schulter, und da kam mir der Gedanke, dieses Angebot anzunehmen. Jetzt würde sich ja zeigen, ob mein Schlüsselbein tatsächlich gebrochen war oder nicht. Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, erklärte ich der Alten, welche Körperteile zu massieren seien und welche nicht! Dann ging sie mir voran, die Wendelstiege hinauf. Ich folgte im Abstand von zwei Metern. Als ich oben ankam, blieb mir das Herz stehen: Die Alte zog sich doch wahrhaftig aus! Ich wollte gerade wieder hinuntersteigen, da bemerkte ich meinen Irrtum: Meine VooDoo - Priesterin zog sich nur um. Sie tauschte ihre Straßenkleidung lediglich gegen ihr Arbeitsgewand. Erleichtert atmete ich aus und legte mich, züchtig mit der Badehose bekleidet, aufs Bett. Die Frau hatte ätherische Öle mitgebracht und machte ihre Sache wirklich hervorragend. Es war eine echte Wohltat und im Bereich meiner Verletzungen ließ sie ganz besondere Vorsicht walten. Im Laufe der Prozedur drehte ich mich zweimal um meine Längsachse, dann gab sie mir einen Klaps auf den Hintern, den sie zu diesem Zwecke kurz entblößt hatte und dann war sie fertig.

Ich stieg wie der Phönix aus der Asche und sah sie an. In diesem Moment jedoch ließ sie sich aufs Bett nieder, spreizte ihre Beine, zwinkerte mich an und meinte, jetzt könne ich mit ihr machen, was ich wolle! Soviel Rum gibt's ja auf der ganzen Insel nicht, daß ich diesem Angebot nähertreten würde, schoß mir durch den Kopf. Andererseits wollte ich meine Samariterin aber auch nicht kränken und so ließ ich mir etwas einfallen, das ich in einem Standardwerk über angewandte Psychologie gelesen hatte. Ich erklärte sie einfach zur „Madre dolorosa“, zur Mutter der Schmerzen und - wie jeder verstehen wird - mit der Mutter kann man das ja wohl nicht machen! Ihre Augen blitzten kurz auf. Ich hatte den Eindruck, daß sie mich durchschaute, denn sie ließ sich übergangslos etwas Neues einfallen. Ob ich ihr nicht den Fuß massieren könne, sie sei heute morgen umgeknickt, fragte sie mich. Das ist ja wohl etwas ganz anderes, dachte ich und begann sofort, ihr Fußgelenk zu massieren. Der Knöchel war tatsächlich geschwollen, sie hatte also nicht gelogen. Nach einer Weile wurde mir plötzlich kalt in der Brust und meine Nackenhaare begannen sich zu sträuben. Ja was machte ich denn hier? Ich massierte ihren Fuß und benutzte dazu die Hand meines rechten Armes, der vor einer halben Stunde noch wie leblos an mir heruntergehangen war! Ich sah sie an und da war es wieder, das Funkeln in ihren Augen. Sie wußte genau, was in mir vorging. Sie stand auf und umarmte mich. Dann gab ich ihr eine handvoll Geld. Ich erinnere mich genau, daß wir beide nicht wußten, wieviel es war. Bevor sie ging, drehte sie sich noch einmal zu mir um und sagte: „Du hast eine gute Seele, ich sehe es an Deinen Augen!“ Wie gesagt, ich wußte nicht, woher sie kam und bin ihr auch nie wieder begegnet.

Das Abendessen im Restaurant des Hotels war wieder vorzüglich. Ich hatte mich für Rindfleisch mit Curry und Reis entschieden und außerdem den Vorzug, heute wieder von Alalicía bedient zu werden. Sie war ein hübsches junges Mädchen, das ständig beste Laune versprühte und ich dachte, ob es wohl möglich sei, bereits mit einem Lachen zur Welt zu kommen. Wenn ja, dann traf es sicher auf sie zu. Sie war eine von den drei Serviererinnen, die von auswärts kamen und deshalb im Hotel übernachteten. Sie hatten, wie ich später in Erfahrung brachte, ihre Zimmer oberhalb der Wäscherei. Mir gefiel ganz besonders die Art, wie sie mich bediente. Nachdem ich mir einen Tisch ausgesucht und Platz genommen hatte, erschien sie zu-nächst, um mich zu begrüßen. „Buenas Noches, Don Pedro!“, lächelte sie mich kokett an und beugte sich leicht vor. Nachdem sie auch sicher war, daß ich dorthin schaute wohin ich schauen sollte, entzündete sie eine Kerze auf dem Tisch und stülpte ein gewölbtes Glas darüber. Sie nannten mich Don Pedro, was mir einerseits schmeichelte, da es sich um eine Ehrerbietung handelt, die ausschließlich erfahrenen Männern zuteil wird, andererseits jedoch auch leicht Überheblichkeit des Bedachten auslösen kann. Als sie das zweite Mal zu mir kam, lachte sie wieder schelmisch, trat dicht hinter mich, beugte sich abermals vor und bedachte meinen Eßplatz mit einer Serviette. Danach wedelte sie mit ihrem süßen Popo wieder davon. Beim dritten Mal schließlich hatte sie immerhin schon die Speisekarte mitgebracht. Sie wollte sich gerade wieder entfernen, da nahm ich ihre Hand, sah tief in ihre rehbraunen Augen und bat sie inbrünstig, beim nächsten Durchgang doch eine Flasche Bier mitzubringen. Es folgten - in jeweils einzelnen Auftritten dieser Art: die Gabel, das Messer, der erste Teller, der zweite Teller, dann ein Dessertlöffel, ein Aschenbecher, der Essig- und Öl- Ständer und zum Abschluß die Zahnstocher. Angesichts dieser abendfüllenden Tätigkeiten hatte sie natürlich auf mein Bier ganz vergessen. Als ich kurz darauf dann doch noch meinen ersten Schluck machen konnte, durfte ich endlich meinen Essenswunsch äußern. Auf die Idee, diesen ganzen Bedienungsprozeß in irgendeiner Weise rationeller zu gestalten, wäre sie in zweihundert Jahren nicht gekommen. Zur vorgerückten Stunde erschien sie dann mit dem Essen. Der Reis war in Form eines kleinen Kegels angerichtet worden, dessen Spitze eine Kirsche zierte. Gerade als sie das Tablett von ihrer Schulter auf Tischhöhe bringen wollte, machte sich diese Kirsche selbständig, rollte von dem Reisberg hinunter, tupfte einmal kurz auf den Tisch und verschwand anschließend irgendwo darunter. Dieser Vorfall blieb auch Alalícia nicht verborgen. Sie stellte mir zuerst das übrige Essen hin, dann bückte sie sich äußerst provokant, kam mit dem kleinen Ausreißer wieder in die Höhe und stopfte ihn vor meinen erstaunten Blicken wieder auf seinen Platz zurück. Daß der gestreßte Gast hier seine Ruhe findet, ist unter diesen Umständen leicht einsehbar.

Nach dem Essen ließ ich mir noch ein Bier kommen. Kurz darauf erschien ein Mann um die dreißig. Er war Europäer und blickte sich um. Dann kam er zu mir, fragte, ob er Platz nehmen dürfe, und als ich bejahte, setzte er sich auf den Stuhl, welcher mir gegenüberstand. Dieses Verhalten war ungewöhnlich, denn bei uns in Mitteleuropa setzt sich jeder an einen anderen Tisch. Beobachten Sie doch bitte einmal, wie sich
beispielsweise der Waggon eines Zuges füllt: Jeder Zusteigende sucht zunächst nach einem freien Abteil und erst dann, wenn alles besetzt ist, gesellt er sich zu einem Mitreisenden. Im Idealfall liest dieser gerade ein Buch, das ihn Gott sei Dank davor bewahrt, mit diesem Menschen in Konversation treten zu müssen. Er bestätigte meine Vermutung, nicht Tourist zu sein und stellte sich als Koch des Hotels vor. Fünf Jahre lebe er schon auf dieser Insel und habe es noch nicht ein einziges Mal bedauert, alles abgebrochen zu haben. „Sehen Sie“, meinte er, „ich habe zu Hause in Holland alles gehabt. Eine Eigentumswohnung mit allem Komfort, eine teure Stereoanlage und in der Garage ein Kabriolett. Außerdem einen gut bezahlten Job in einem Luxusrestaurant sowie die üblichen Freunde und Freundinnen. Mein Leben bestand aus zwei Schichten: Entweder ich arbeitete von neun bis fünf und schaute am Abend fern oder ich arbeitete von fünf bis Mitternacht und gab mir das Vormittagsprogramm. Den eigentlichen Anlaß habe ich längst vergessen, doch irgendwann wurde mir klar, daß ich neben meinem Leben lebte.“ An diesem Punkt unterbrach ich ihn und beschloß, ihn auf einen Drink einzuladen. Die Mädchen wollten schon schließen, um noch ein Moto Concho für die Disco zu bekommen, und auch meinem Gesprächspartner war die Cantina Mexicana angenehmer, denn dieses Restaurant hier sei sein Arbeitsplatz auch dann, wenn die Küche bereits geschlossen sei, meinte er. Dort angekommen bat ich ihn, mit seinem Erlebnisbericht fortzufahren. „Was erwarten wir denn eigentlich von unserem Leben? Zumindest doch, daß es lebenswert ist, oder?“ fragte er mich. „Sie haben vielleicht andere Bedürfnisse wie ich,“ meinte er, „meine jedoch sind denkbar einfach: Ich brauche ein Dach über dem Kopf, damit ich nicht naß werde, wenn es regnet. Ich brauche mindestens einmal am Tag ein gutes und reichhaltiges Essen und ein Mädchen, das mich liebt. Das ist alles, obwohl, ein paar Freunde sind natürlich auch nicht schlecht. Aber das ist es auch schon.“ Er lehnte sich zurück, nahm einen guten Schluck Rum zu sich und sah mich an. „Aber das hast Du doch alles gehabt!“ entgegnete ich. Ich spielte den Verständnislosen. In Wahrheit wußte ich genau, was er mir mitteilen wollte. Daß ich ihn duzte, bemerkte er gar nicht. „Das schon,“ fuhr er fort „doch unter welchen Bedingungen? Die kleinen Selbstverständlichkeiten sind bei uns nicht selbstverständlich. Das benötigte Dach über dem Kopf kostet nämlich Geld! Die tägliche Mahlzeit kostet auch Geld! Also mußt Du irgendwo arbeiten, um Geld zu machen. Dein Arbeitsplatz ist natürlich irgendwo anders, also brauchst Du ein Fahrzeug, welches Dich dorthin und zurückbringt. Dieses Fahrzeug kostet wieder Geld!

Außerdem ist es versicherungspflichtig. Das kostet weiteres Geld! Das Benzin bekommst Du auch nicht geschenkt. Es läuft auch nicht ewig, und ich muß Dir wohl nicht sagen, was eine Mechanikerstunde kostet.“ Er hatte das Du-Wort angenommen und kam langsam in Fahrt: „Ich bin Koch, aber glaubst Du, ich würde mich zu Hause nach der Arbeit an den Herd stellen und vielleicht anderthalb Stunden damit verbringen, mir etwas zu Essen zu machen? Dazu habe ich keine Zeit. Also ernähre ich mich von Fertiggerichten, die in zehn Minuten auf dem Tisch sind und unisono nach Plastik schmecken. Selbst die kosten Geld! Begreifst Du endlich? Um meine - im Grunde bescheidenen - Wünsche zu erfüllen, gerate ich in einen Strudel hinein, der nichts weiter produziert wie Abhängigkeiten, die in Summe viel Geld kosten und mich zwingen, Dinge zu tun, die mir sonst nicht im Traum einfielen. Für die Erfüllung meiner
kleinen Bedürfnisse ist mir dieser Aufwand einfach viel zu groß.“ Er machte eine Pause und bestellte noch zwei Cuba Libre. Er war der erste,der mich auf einen Drink einlud und es blieb auch diesmal wieder nicht bei dem einen.„Ich habe alles verkauft, was zu verkaufen war. Den Rest habe ich verschenkt. Mit vierzig Kilo Freigepäck kam ich damals in Santo Domingo an. Die Abfertigung fand damals noch in Wellblechbaracken statt und dauerte viele Stunden, da jeder Reisepaß kopiert wurde. Natürlich fiel in halbstündigen Abständen der Strom aus, was zur Folge hatte, daß sich nach etwa drei Stunden eine riesige Menschenmenge angesammelt hatte. Irgendwann erschienen die Feuerwehrleute und besprühte die Menge mit Wasser. Trotzdem kam es zu vereinzelten Zusammenbrüchen, da begreiflicherweise nicht alle tropentauglich waren. Es war ein Joint, der mich damals aufrecht hielt.“ Er grinste und nahm den nächsten Schluck. „Übrigens - hast Du was mit?“ kam er zur Sache. „Ich?“ erwiderte ich, überrascht von der Wendung des Gesprächs „Ich habe wirklich viel Mist gebaut in meinem Leben und wirklich nichts ausgelassen, aber Rauschgift habe ich nie genommen, nicht einmal in Afrika oder im Drogenzentrum in Kolumbien.“
„Dann bist Du willkommen in diesem Land, Pedro. Hier kannst Du machen, was
Du willst. Wirklich, Du hast hier Freiheiten, von denen Du zu Hause nur träumen kannst. Doch laß Dich niemals mit Drogen erwischen! Dann sitzt Du nämlich unweigerlich ein und ein dominikanisches Gefängnis - das überlebst Du nicht!“
Wir konnten damals beide noch nicht wissen, daß ich es sehr wohl überleben sollte, doch das ist eine andere Geschichte. Eine Woche später hatten wir einen neuen Koch. Ich machte mir um den Holländer keine Sorgen. Köche zählen schließlich zu den Spitzenverdienern. Dieser Abend war nicht der letzte, an dem ich nicht mehr genau wußte, wie ich ins Bett gefunden hatte. Es kam in der Folge noch öfters vor, daß ich
andere befragen mußte, um herauszufinden, was ich in der letzten Nacht
getrieben hatte.

   
Inhaltsverzeichis Armut
  Noelito
  Nachruf an Karsten Krämer
  die dominikanische Leichtigkeit des Seins
  Every Day Life in Las Terrenas
  Pedro fährt Motorrad & der himmlische Waschsalon
  Über Touristen im Allgemeinen
  In Sabana del Mar
  Was macht der Pole mit der Kohle
  Freunde und Helfer
  Wie man es zu etwas bringt
  Gedanken zum 11. September
  Brüsseler Spitzen
  Mein Kampf
  Juridisches