pedro de las terrenas Juridisches - Pedro de Las Terrenas
 

 

Zuerst muß ich mit Bedauern mitteilen, daß Bernd in meinen letzten Text
eingegriffen hat - er selbst spricht von kleinen Korrekturen - so daß dort
Rechtschreibfehler entstanden sind, für die ich nicht gerade stehen möchte. Ich habe
ihm gesagt, daß er das in Zukunft unterlassen soll. Im Wiederholungsfalle
nehme ich mir das Recht heraus, seiner Empfehlung zu entsprechen, nämlich
meine Pension zu verprassen und einfach nichts mehr zu schreiben. Ich selbst
halte mein Geschreibsel nicht für wichtig, doch so was macht man einfach nicht!

Und nun reden wir von der Gerechtigkeit. Wir in Europa sind stolz darauf, in
einem Rechtsstaat zu leben und bemerken gar nicht, wie dieser Begriff
pausenlos vergewaltigt wird. Recht ist im Grunde immer das, was die Mächtigen
darunter verstehen - mit Gerechtigkeit hat das alles nichts mehr zu tun. Das ist
mittlerweile auf der ganzen Welt so, doch hat unsere Bananenrepublik auch hier
noch mit einigen spezifischen Zuckerln aufzuwarten.

Vor wenigen Jahren noch wurden die Autofahrer ständig von herumstreunenden
Polizisten belästigt, welche mit ihren weißen Tropenhelmen die Autos stoppten
und zwar nicht, um den Führerschein zu überprüfen oder die Zulassung oder die
Steuerkarte, sondern um schlichte zehn Pesos zu kassieren und nach Erhalt
des Kleingeldes eine schöne Weiterfahrt zu wünschen. Solange diese Belästigung
im Rahmen blieb, konnte man ja damit leben, doch wenn das alle halbe Stunde
passierte - und das war speziell an den Wochenenden der Fall, wo der Durst ja
bekanntlich besonders groß ist - wurde die Angelegenheit schon sehr lästig.
In diesen Fällen schaute ich zunächst auf ihre Bewaffnung und, wenn von dort
nichts zu befürchten war, hob ich die rechte Hand zum Gruße, ließ ein
freundliches "Hola!" rüberschallen und fuhr einfach weiter. Kannten sie mich hingegen
schon und würden mir daher später mal unangenehm werden können, griff ich in
den Aschenbecher, holte dort eine zehn Peso Note hervor, zerknüllte sie mit
der rechten Hand und warf sie ganz einfach auf die Straße. Im Rückspiegel
konnte man dann beobachten, wie der Sheriff neben dem Schein Aufstellung nahm,
zunächst nach links und rechts schaute und dann folgte die erniedrigende
Bewegung: Er ging in die Hocke und hob den Fetzen von der Straße auf.

Einmal hatte ich ein paar Hamburger Freunde mit im Jeep, als ich den
Polizisten Geld gab. Sie erzählten mir hinterher, daß sie der felsenfesten
Überzeugung waren, jetzt würden sie mich einsperren. Ich habe ihnen erklärt, daß sie
mich einsperren würden, wenn ich ihnen kein Geld geben würde.

Erst dem vorletzten Präsidenten - Leonel Fernandez - ist es gelungen, diese
beschämenden Vorgänge zu beenden und die Straßen wieder frei zu machen, indem
er den niederen Rängen ganz einfach fünfzig Prozent mehr Lohn zahlte. Doch
wie bei den Huren auch, ist damit die korrupte Denkweise in den Schädeln noch
lange nicht bereinigt. Wo immer sie eine Möglichkeit sehen, Geld zu machen,
werden sie es auch tun.

Ich kann hier jeden einsperren lassen, wenn ich das will. Der Vorgang ist
ganz einfach: Ich werde beim Friedensrichter - dem Fiscal - vorstellig und
sage: "Dieser Mann hat öffentlich behauptet, meine Frau sei eine Hure! Das darf
der nicht machen! Der Mann gehört bestraft!" Obwohl jeder im Dorf weiß, daß
sie eine Hure ist und der gute Mann mit seiner Behauptung ja eigentlich Recht
hat, geht es ja gar nicht um die Schlampe, sondern um meine Reputation. Auf
Anhörung der Gegenseite wird grundsätzlich verzichtet, der Anzeigende hat
immer Recht. Dann stellt mir der Gesetzeshüter einen Haftbefehl aus und mit dem
und einer Flasche Bier gehe ich dann zur Polizeistation. Keine Stunde später
gibt der Kerl seinen Gürtel ab und wandert in den Knast und wenn ich ganz böse
bin, mache ich das an einem Freitag, dann nämlich sitzt der so lange ein,
bis am Montag früh die Nationalfahne wieder den Mast hinaufgezogen wird. Übers
Wochenende ruht Justitia sich nämlich aus!

Ist auf diese Art jedoch kein Geld zu machen und im Dorf leben nur mehr
wahre Christenmenschen, die sich einfach nichts zu Schulden kommen lassen,
müssen die Bullen eben zu anderen Mitteln greifen, wenn sie nicht verhungern
wollen.

Dann erinnern sie sich plötzlich, daß es ja ein Gesetz gibt, welches jedem
Motorradfahrer vorschreibt, einen Helm mit sich zu führen. Also werden alle
helmlosen Motorradfahrer eingesperrt und nach Bezahlung einer willfährig
festgelegten Summe wieder auf freien Fuß gesetzt. Fahren jetzt alle mit Helme
durchs Dorf und die Bullen wollen noch mehr Geld, werden alle Conchos dahingehend
überprüft, ob sie auch versichert sind. Das ist in den wenigsten Fällen so
und daher werden alle Maschinen konfisziert, auf Lkws verladen und nach Samana
gebracht. Hier können sie dann später gegen Bezahlung einer schmerzenden
Summe wieder ausgelöst werden.

Letzte Woche haben sie mir in Sosua meinen Führerschein - besser gesagt: einen meiner vielen Führerscheine - abgenommen, weil ich nicht angeschnallt war. Der dicke Hermann, das ist der heimliche Bürgermeister dort, hat ihn mir dann eine Woche später wieder beschafft. Der Spaß kostete dreihundert Pesos - das ist immerhin soviel wie eine Liebesnacht!

Zu Weihnachten ist die Not besonders groß. In dieser Zeit häufen sich die
Einbrüche. Nicht weit weg von meiner Hütte wurde bei einer Französin
eingebrochen. Als die Polizei auftauchte, waren die Täter natürlich längst über alle
Berge. Lediglich fünf Buben im Alter zwischen sieben und zehn Jahren spielten
in der Nähe. Also machten unsere Freunde es sich leicht, sammelten die Kinder
auf und sperrten sie ganz einfach weg. Den besorgten Eltern wurde mitgeteilt,
daß es zweihundert Pesos kosten würde, wenn sie Wert darauf legen sollten,
daß ihr Nachwuchs zu Hause schläft. Das waren also schon mal tausend Pesos
Weihnachtsgeld und weil es so schön ging, versuchten sie es am nächsten Tag
wieder, obwohl inzwischen die Französin vorstellig geworden war und mit Nachdruck
versichert hatte, daß es ja nicht die Kinder gewesen seien, die bei ihr
eingebrochen hätten, sondern andere, die größer waren.

Also machte ich mich mit Papolo auf den Weg zum Friedensrichter, welcher
daraufhin den Colonel anrief und dann fuhren wir mit ihm in seinem Auto zur
Bullenstation. Der Polizeioberst begrüßte mich sehr kameradschaftlich - wir
hatten uns einst beim Polen kennengelernt, als ich nachts mit einer dunklen
Schönheit im Pool saß und einen Cuba Libre zu mir nahm - und mußte sich vom
Fiscal sagen lassen, daß die Zeiten sich geändert hätten und man nicht vor den
Augen der Touristen und der hier lebenden Ausländer grundlos irgendwelche Kinder
einsperren könne.

Der Colonel holte mit der linken aus und schlug mit der Faust gegen eine
Holztüre. Daraufhin wieselte der Teniente herein, salutierte und fragte, was
denn los sei. "Bring mir den Affen!" wurde er aufgefordert und keine Minute
später erschien Rambo. Der wurde jetzt gewaschen, gebügelt und schnellgetrocknet
und damit war die ganze Sache ausgeschwitzt. Seitdem ist mein Ansehen bei
einigen Mitbürgern wieder um einiges gestiegen.

Don Luis, der alte Fuchs vom Punta Bonita Hotel, legte indessen noch ein
Schauferl nach: Er ließ nämlich zu Silvester zwei Polizisten festnehmen,
entwaffnen und einsperren. Sie hatten sich auf Kosten des Hauses vollgesoffen und
anschließend vor den entsetzten Touristen mit ihren Schießknüppeln das neue
Jahr begrüßt. Lächelnd zeigte mir Don Luis das Entschuldigungsschreiben vom
obersten Polizeiboß aus Santo Domingo. "Da sind sie an den Falschen geraten!"
schmunzelte er. "Die haben das neue Jahr im Knast feiern dürfen!"

Verlassen wir jetzt die Exekutive und widmen uns der Legislative! Die
unterste Stufe im Falle einer Meinungsverschiedenheit ist das Juzgado de Paz - das
Friedensgericht. Das entspricht unserer außergerichtlichen Einigung. Der
Friedensrichter versucht also mit den Streitenden eine für alle annehmbare Lösung
zu finden.

Ist das nicht möglich, wird der Staatsanwalt in der Provinzhauptstadt - in
unserem Falle Samana - mit der Sache befaßt. Auch der versucht zunächst noch
eine Schlichtung ohne Prozeß, doch dann wird verhandelt. Es herrscht zwar
keine Anwaltspflicht, doch werden in dieser Phase bereits Anwälte hinzugezogen.
Diese haben in der Regel unverschämte Honorarforderungen und liefern dafür
lediglich eine große Show. Wenn sich zwei Gringos streiten, umarmen sich die
gegnerischen Anwälte und weinen vor Freude, denn jetzt wird solange
herumgestritten und dagegen berufen bis die Gringos kein Hemd mehr am Leibe tragen.
Wenn man hier heiratet oder sich scheiden läßt, braucht der Dominikaner
keinen Anwalt, beim Kauf eines gebrauchten Mopeds aber schon. Bei allen wirklich
wichtigen Dingen sind sie dabei. Als ich damals meine erste
Grundstücksparzelle kaufte, zahlte ich einem Millionärsanwalt aus Santiago volle
neununddreißigtausend Pesos für den Titel und die Deslinde ( Grundbucheintragung und
Landvermessung.) Der Titel kam nach drei Monaten, die Deslinde nie! Als dann alles
daneben ging und ich meine Hypothek wollte, erklärte mir der gleiche (!)
Anwalt, daß er die Hypothek nicht auszahlen könne, denn es sei etwas nicht in
Ordnung mit dem Titel - den er mir einst beschafft hatte!

Ich bin seit über zehn Jahren auf dieser Insel und habe bis heute keinen
Anwalt getroffen, der im edelsten Sinne seriös gewesen wäre. Hier herrscht das
Faustrecht und wenn ich Probleme habe, das heißt, wenn jemand Probleme mit mir
bekommt, dann drohe ich nicht mit einem Anwalt, sondern mit Luis, meinem
Killer aus der Hauptstadt! Den habe ich vor Jahren aus dem Gefängnis
freigekauft. Seitdem habe ich einen Wunsch frei!

Es gibt in diesem Land auch keine Rechtssicherheit. Vor zwei Jahren sind
Araber erschienen und haben gemeint: "Die Halbinsel Samana erklären wir zum
Paradies auf Erden. Hier möchten wir investieren." Leonel, der damalige
Präsident, hatte daraufhin geantwortet: "Wenn jemand mit viel Geld ins Land kommt,
dann ist er selbstverständlich herzlich willkommen." Unlängst kamen nun die
Araber mit einer ersten Tranche von 365 Millionen Dollars. Da stellte sich der
neue Präsident hin und verblüffte die staunenden Investoren mit der Meldung:
"Die Verträge mit meinem Vorgänger erkläre ich für ungültig!" Also zogen die
Araber wieder ab mit ihrem vielen Geld! Mit gleichem Recht könnte er alle
Residenten auffordern, sich neue Aufenthaltsberechtigungen zu besorgen, denn diese
wurden ja damals von einem korrupten Regime erteilt und hätten daher keine
Gültigkeit mehr.

Das gleiche könnte mit Grundeigentum passieren oder mit Bankkonten und wenn
der erste Mann im Staat so etwas tut - wie schaut dann wohl der Rest der
Legislative aus?!

Alfred, unser Pole, erschien einst in der bekannten Neckermann - Uniform,
das heißt in kurzer Hose und kurzen Hemdsärmeln vor Gericht. Der Richter fragte
ihn erstaunt: "Haben Sie denn keinen Respekt vor dem Gericht?" Alfred
lächelte zurück und sagte: "Nein!"

Pedro.
Sonntag, 3. März 2002

http://de.wikipedia.org/wiki/Juridisch

   
Inhaltsverzeichis Armut
  Noelito
  Nachruf an Karsten Krämer
  die dominikanische Leichtigkeit des Seins
  Every Day Life in Las Terrenas
  Pedro fährt Motorrad & der himmlische Waschsalon
  Über Touristen im Allgemeinen
  In Sabana del Mar
  Was macht der Pole mit der Kohle
  Freunde und Helfer
  Wie man es zu etwas bringt
  Gedanken zum 11. September
  Brüsseler Spitzen
  Mein Kampf
  Juridisches