pedro de las terrenas

Über Touristen - Pedro de Las Terrenas

 

 

Wahre Worte sind nicht schön -
schöne Worte sind nicht wahr.
Der Redende weiß nicht -
der Wissende redet nicht.

Diese Erkenntnisse des alten Lao Tse haben wir - wie alles übrige von ihm auch - dem Wunsche eines Zöllners zu verdanken, welcher den chinesischen Weisen bat, ihm doch etwas zu hinterlassen, als dieser daran ging, seine Heimat im Zorn zu verlassen. Die Herrscher trieben es ihm zu bunt damals und so machte er sich, trotz seines hohen Alters, auf die Suche nach innerer Ruhe und äußerem Frieden. Ob er seine Lebensqualität tatsächlich verbessern konnte, ist nicht überliefert, doch er hat etwas Entscheidendes getan, nämlich es versucht.

Auch heute dürften die Herrschenden bei vielen Mitbürgern Empörung, Wut und in einigen Fällen auch Verzweiflung und Bitterkeit hervorrufen, denn oft begegne ich Menschen, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, einfach alles zu verkaufen und auszuwandern. Doch im entscheidenden Moment, wenn es wirklich darauf ankommt, verlässt sie der Mut und unter Vorspiegelung irgendwelcher logisch klingender Gründe treten sie dann von ihrem Vorhaben zurück. Damit signalisieren sie, wenngleich auch unbewußt, den Herrschenden ihre Loyalität und ihre Untergebenheit und fordern sie geradezu auf, mit ihrer unverschämten Ausbeuterei fortzufahren. Das Ankreuzen irgendwelcher Namen auf irgendwelchen Zetteln alle paar Jahre scheint, wie die leidvolle Erfahrung zeigt, nichts Wesentliches zu bewirken. Um es einmal physikalisch auszudrücken: Es geht um die Überwindung des Trägheitsmomentes.

Wie so viele meiner europäischen Kollegen habe auch ich meine Stammkneipe, welche ich zumeist an Sonntagen spät abends so gegen elf aufzusuchen pflege. Angelika, das Mädchen hinter der Theke kenne ich seit Jahrzehnten. Abgesehen von der Tatsache, daß sie den besten Kaffee der Welt kocht, besitzt sie noch eine weitere bemerkenswerte Gabe, sie spricht nämlich auch Spanisch. Hier, an diesem Ort der Begegnung, hatte ich oft Gelegenheit, mich mit jungen Männern zu unterhalten. Ich habe ihnen dann von meinem kleinen Paradies berichtet, ihnen einige Photos gezeigt sowie Bachata und Merengue vorgespielt. „Da möchte ich auch leben!“ riefen die meisten von ihnen begeistert, „Ich habe die Schnauze ohnehin voll! Ich verkaufe hier alles und fliege mit Dir hinunter. So auf eine halbe Million werde ich schon kommen, wenn ich alles zusammenzähle.“ - „Du verkaufst hier gar nichts“ pflegte ich daraufhin zu sagen, „sondern Du schaust Dir dieses Land erst einmal an! Ich lade Dich gerne ein und helfe Dir auch bei der Überwindung der sprachlichen und sonstigen Schwierigkeiten, doch mußt Du Deine eigenen Erfahrungen machen und erst danach entscheidest Du für Dich ganz alleine, ob Du dort leben willst oder nicht!“

Danach vereinbarten wir gewöhnlich, daß ich sie eine Woche vor meinem Abflug anrufen sollte. Doch immer, wenn ich dann anrief, ging es sich diesmal gerade nicht aus. Er müsse vorher noch dieses oder jenes erledigen, doch beim nächsten Mal käme er gerne auf mein Angebot zurück. „Wenn Du etwas erleben willst, dann mußt Du Deine Türe aufmachen und hinausgehen!“ habe ich ihnen daraufhin geraten, „Solltest Du dazu nicht in der Lage sein, dann mach das, was hier alle tun - nämlich fernsehen!“

Zum Gegenwert einer Eigentumswohnung können Sie in der República Dominicana ein Stück Land kaufen, auf welchem Sie über eine Stunde in jede Richtung gehen können. Darauf befindet sich eine Ranch mit hunderten Rindern. Sie
brauchen eigentlich nur mehr im Schaukelstuhl auf der Terrasse Ihrer Hazienda zu sitzen und Ihren Leuten beim Melken der Kühe zuzuschauen. Vom Verkauf der Milch können Sie bereits gut leben und am Samstagabend kommen Ihre Arbeiter mit den Frauen und den heiratswilligen Töchtern vorbei und machen Musik für Sie. Gott sei Dank hat Ihre Eigentumswohnung zu Hause jedoch den höheren Stellenwert für Sie und ich denke, das ist auch gut so. Wo kämen wir schließlich hin, wenn da ein jeder...?

Es ist ja auch nicht wirklich so, daß dort einfach alles „Super“ ist und nur Milch und Honig fließen und zu Hause in Europa alles schlecht und mies ist. Dort auf der Insel haben wir zwar vieles, wovon wir hier nur träumen können, doch wenn Sie über einen längeren Zeitraum dort sind, fehlen Ihnen ein paar Dinge, die wir hier - und nur hier in Europa - erleben können. Mir zum Beispiel fehlt dort jeglicher intellektuelle Anspruch, so was wie ein Vorstadttheater, ein Kabarett oder ein Wiener Kaffeehaus etwa, mit dem so typisch gelangweilten Ober und seinem maßlos übertriebenem und hochnäsigem Gehaben. Nach einiger Zeit ist es Ihnen nämlich egal, wer mit wem schläft, und ein anderes Thema gibt es nicht, zumindest nicht hier in Las Terrenas, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Andererseits habe ich dort aber auch nicht ein einziges Mal den Wunsch verspürt, mich vor den Fernseher zu setzen. Ein Ersatzleben, das mir die bequeme Möglichkeit bietet, mich mit irgendeinem texanischen Erdölmillionär oder dem Besitzer der Ponderosa - Ranch zu identifizieren, brauchen wir hier ganz sicher nicht.

Die allermeisten Europäer, welche dieses Land besuchen, sind daher keine Auswanderer, sondern sogenannte Touristen. Ich schreibe „sogenannte“ ganz bewußt, denn es sind in der Regel keine Touristen, sondern schlicht und ergreifend Konsumenten! Die Geschichte dieses Landes und die Kultur seiner Bewohner interessiert sie eigentlich nicht; sie haben bezahlt und möchten jetzt ihre karibischen Träume ausleben und zwar so, wie sie sich die Karibik in ihren Klischees vorstellen. Selbst herauszufinden, wie sie wirklich ist, das ist zu anstrengend und dazu haben sie auch keine Zeit. Das überlassen sie ihrem Reiseveranstalter und der muß es ja schließlich wissen. Daß dieser ihnen aber genau diese Klischees präsentiert, die sie sehen wollen, bemerken sie dann natürlich nicht mehr.

Ich habe daher immer große Freude, wenn Hochsaison ist und viele Touristen eintrudeln. Es ist geradezu umwerfend, mit ansehen zu müssen, wie sich manche Landsleute auf ihren Urlaub vorbereitet haben. Vor dem Frühstück pflegte ich damals oft in meiner stillen Bucht ein Bad zu nehmen. Diese liegt, wie erinnerlich, ein paar Gehminuten vom Punta Bonita Hotel entfernt inmitten einer riesigen Kokosnussplantage, welche sich bis zu den blaugrünen Bergen am Horizont erstreckt. Eines schönen Tages befand ich mich bereits auf dem Rückweg zum Hotel, als ich von einem älteren Herrn, welcher sich in Begleitung seiner Frau befand, auf Deutsch begrüßt wurde. Dominikaner grüßen eigentlich immer. Sollte Ihnen jedoch einmal jemand begegnen, der grußlos vorbeimarschiert, dann handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Touristen. Dieser nette Mann jedenfalls war die Ausnahme, denn er begrüßte mich tatsächlich und das ging etwa so: „Tach!“ - „Tach auch!“ erwiderte ich, angenehm überrascht. Doch ging es ihm natürlich nicht um die höfliche Geste der Begrüßung alleine, denn selbstverständlich wollte er etwas von mir: „Entschuldigen Sie bitte eine Frage!“ - „Ja bitte?“ Ich war stehen geblieben und sah ihn freundlich an. „Sagen Sie - wo gibt’s denn hier eigentlich Kokosnüsse?“ fragte er mich dann. Nein, nein! Er wollte mich nicht verschaukeln, er meinte es wahrhaftig ernst mit seiner Frage. „Nun,“ so erwiderte ich „wenn Sie etwas Zeit und Geduld, vor allem jedoch, wenn sie etwas Glück haben, so fällt Ihnen eine vor die Füße. Wenn Sie allerdings Pech haben, dann fällt sie Ihnen auf den Schädel.“ Ein anderer Herr versuchte auf dem Weg, welcher parallel zum Strand verläuft, eine Kokosnuß zu öffnen, indem er sie immer und immer wieder auf den sandigen Boden warf. Eine solche Nuß fällt normalerweise aus einer Höhe von acht Metern oder höher vom Baum und platzt nicht auf. Wer – in Gottes Namen - glaubte dieser Mensch zu sein? Obwohl ich angestrengt in die andere Richtung blickte, brüllte mich dieser Artgenosse mit blutunterlaufenen Augen an: „Warum geht das Sch... Ding
nicht auf?“ Ich empfahl ihm, es doch einmal mit einer Wassermelone zu versuchen! Ein anderer wollte doch tatsächlich wissen, wo es denn hier die Mädchen mit den  „Hoola - Hoop - Reifen“ gäbe. Ich klärte ihn dahingehend auf, daß diese
sich in der Südsee befänden und daß dieses Meer hier die Nordsee sei. Natürlich sprechen die wenigsten Touristen spanisch, doch wurde ich auch schon gefragt: „Sagen Sie, was heißt eigentlich Amigo?“ Andere wiederum sind der Meinung, daß wirklich alles inklusive sei, denn: „Ich verlange, daß man Deutsch spricht, wenn ich irgendwo hinkomme!“ mußte ich auch schon vernehmen. „Sagen Sie, wieso gibt es denn hier nur drei Sorten Marmelade zum Frühstück?“ Darauf der Reiseleiter: „Ja, wieviel haben Sie denn zu Hause?“ - „Das ist etwas anderes, doch hier machen wir ja schließlich Urlaub.“ Ist zwar bezeichnend, doch noch erträglich. Hingegen: „Verdammt, jetzt kann ich im Pool nicht mehr baden gehen.“ - „Wieso denn nicht?“ - „Haben Sie denn nicht gesehen? Da ist doch gerade so ein Neger hinein gesprungen!“ liegt doch schon deutlich jenseits der Schmerzgrenze. Meistens jedoch habe ich, wie gesagt, viel Grund zum Lachen, wenn sie hier ihre zwei oder drei Wochen verbringen. Einige von ihnen möchten aber auch etwas erleben und in diesen Fällen kann es vorkommen, daß ich mich ihrer annehme. Dann beginnen jene Ausfahrten, für die ich mittlerweile berühmt oder - je nach Blickwinkel - berüchtigt bin. Im Gegensatz zu professionellen Touristenführern kann ich mir meine Fahrgäste aussuchen. Zwar freue auch ich mich über jeden Peso, den ich mit diesen Ausflügen verdienen kann, doch lege ich größten Wert darauf, nur mit angenehmen Menschen zusammen zu sein. Ich pflege daher mit meiner Klientel vorher ausgiebig zu plaudern. Bei diesen Gelegenheiten stelle ich dann die Touren individuell zusammen, denn die Bedürfnisse sind natürlich sehr verschieden. Allen gemeinsam ist lediglich der Wunsch, dorthin zu fahren, wo Touristen normalerweise nicht hinkommen. Wenn Sie möchten, springen Sie auf und halten Sie sich gut fest, denn jetzt sind Sie eingeladen, an einer solchen Fahrt teilzunehmen!

Auf einem der ersten Ausflüge nahm ich damals zwei ältere Damen aus Bayern mit, welche mich eines schönen Morgens im Punta Bonita Hotel angesprochen hatten und deren Herzenswunsch es gewesen war, für einen Tag die Anlage zu
verlassen, um mit mir und dem Jeep übers Land zu fahren. Tags darauf waren wir schon unterwegs. Aus Gründen der Ausgewogenheit hatte ich Vinício mitgenommen und ihm einen Tageslohn samt Spesen versprochen. Die Fahrt ging zunächst die Berge hinauf nach Los Puentes. Dort verließen wir die asphaltierte Straße und bogen nach links ab. Einen solchen Weg hatten unsere Passagiere wohl noch nie gesehen: „Da können wir doch unmöglich durchfahren. Sollen wir denn nicht besser zu Fuß weitergehen? Vielleicht können wir auch ein paar Esel anmieten? Was meinen Sie?“ wandten sie ein. „Das hier ist lediglich eine Straße zweiter Ordnung. Früher gab es nur solche Verbindungen, da waren Sie nicht einige Stunden unterwegs sondern einige Tage. Der Asphalt kam erst vor wenigen Jahren auf diese Insel. Wir werden auch noch Wege dritter und vierter Ordnung kennen lernen, wenn Sie möchten.“ schmunzelte ich. Nach etwa einem Kilometer machten wir den ersten Stop und verließen den Jeep. Wir folgten einem schmalen Weg, der links an einer grünen Weide vorbei führte. Plötzlich blieben die beiden Damen stehen und rissen ihre Augen weit auf. „Das ist ja ein phantastischer Ausblick!“ riefen sie entzückt. Wir blickten aus einer Höhe von rund vierhundert Metern auf den Atlantik hinunter. Bei klarer Sicht können Sie hier fast hundert Kilometer weit sehen: Nach Norden über die schottische Bucht bis zu den Bergen von Cabrera und nach Osten noch weit hinter die runde Insel vor der Playa El Limon bis zu dem Gebirge hinter El Valle, welches schon Teil des sich anschließenden Naturschutzgebietes ist und sich bis zum Cabo Cabrón, dem östlichsten Teil der Insel erstreckt. Mit einiger Mühe entdeckten wir auch das Punta Bonita Hotel: Als kleiner weißer Punkt unterbrach es die grünen Palmen, welche sich über viele Quadratkilometer am endlosen Sandstrand ausgebreitet hatten.

Unsere Straße zweiter Ordnung führte nun an kleinen Häusern vorbei. Viele ihrer Bewohner blickten herüber, lachten und winkten. Es sind „Campesinos“, Leute vom Land, die sich zu kleinbäuerlichen Kommunen zusammen-geschlossen haben und die Früchte ihrer Arbeit zum Teil noch gegeneinander austauschen. Hier ist jeden Tag Waschtag, denn überall flattert die Wäsche von den Zäunen oder den Kakteen. Dominikaner, die das Glück hatten, einer reichen Familie zu entstammen und daher eine bessere Ausbildung genießen durften, rümpfen oft die Nase, wenn von den Campesinos die Rede ist. Für mich jedenfalls sind diese einfachen Bauern überaus freundliche und liebenswerte Menschen. Aus meiner Sicht sind sie lebende Erinnerungen an eine alte Zeit, in der noch Wert darauf gelegt wurde, in Harmonie und Menschlichkeit miteinander zu leben, einer angeborenen Selbstverständlichkeit, die wohl kein Großstadtbewohner in seiner Anonymität je nachvollziehen könnte und die wir in Mitteleuropa dem Streben nach Geld und Wohlstand längst geopfert haben. „Es gibt hier Pflanzen und Bäume, die wir nicht kennen, von deren Existenz wir nie etwas gehört haben.“ Ich wandte mich an meine beiden weiblichen Fahrgäste: „Haben Sie beispielsweise jemals einen Eierbaum gesehen?“ - „Einen Eierbaum? Sie wollen uns wohl auf den Arm nehmen, nicht wahr?“ antwortete eine, immerhin doch schon mit einem Anflug von Unsicherheit in der Stimme. „Keineswegs“ entgegnete ich grinsend und deutete mit der linken Hand auf eine Hütte, vor der sich ein mannshoher grüner Kaktus – Strauch befand, dessen gefährliche Blattspitzen allesamt mit weißen Eierschalen versehen waren. „Warum machen sie das denn?“ kam prompt die Frage. „Das dient dem Hausherrn zur besseren Orientierung, wenn er nachts betrunken nach Hause kommt!“ feixte ich. „Damit er nicht in den bösen Kaktus fällt!“ - „Jetzt nehmen Sie uns aber wirklich auf den Arm!“ Sie hatte nun ihre Sicherheit zurückgewonnen: „Warum machen sie das denn wirklich?“ Nun - Es hat mich auch interessiert und ich habe die Leute befragt. Sie haben gelacht damals als hätte ich einen guten Witz erzählt. Die simple Wahrheit ist: Es gibt keinen Grund, es ist reine Dekoration.

Die nächste Station war ein kleines gemauertes Haus auf der rechten Seite der Straße, in welchem Kautschuk hergestellt wird. Die von den Bäumen tropfende Milch wird zunächst in leere Kokosnußschalen geleitet, dann hier in Formen gegossen, anschließend durch einige Rollen gewalzt und schlußendlich zum Trocknen aufgehängt. Trotz der vielen Kautschukbäume bleibt der Ertrag jedoch gering. Wie so oft werden daher auch diese Erzeugnisse zum größten Teil für den Eigenbedarf verwendet: Sie machen zumeist Schuhsohlen und Gürtel daraus. Obwohl es viele Berge gibt, wirkt die Landschaft eher hügelig. Alles ist mit dichtem Grün bewachsen. Die einzelnen Wiesen und Felder sind fein säuberlich voneinander getrennt. In keinem anderen Land habe ich soviel Stacheldraht gesehen wie hier. Doch unsere diesbezüglichen negativen Assoziationen sind unangebracht: Ihnen geht es in erster Linie um die Ordnung. Zumindest behaupten sie das heute. Allerdings versteckt sich auch hier eine Geschichte hinter der Geschichte: Zu Zeiten des berüchtigten Diktators Trujillo nämlich wurde ein Gesetz erlassen, welches jeden Grundeigentümer verpflichtete, sein Land mit zumindest fünf Reihen Stacheldraht einzuzäunen, wenn er nicht seines Besitztums verlustig gehen wollte. Doch wie so oft lag auch hier der wahre Grund im Trivialen: Ein Sohn des Generallissimo hatte kurz zuvor die einzige Stacheldrahtfabrik gegründet, und daß die Familie zusammenhalten muß, wird wohl jeder leicht verstehen. Eine ähnliche Geschichte begründet auch die pastellfarbenen Anstriche der Häuser, auch hier befand sich die einzige Farbenfabrik im Besitz des damals reichsten Mannes der Welt. Jedenfalls weiden auch heute noch in erster Linie Rinder auf den Feldern, doch halten sich die Bewohner auch viele andere Tierarten. So gibt es selbstverständlich Schweine, Ziegen, Kaninchen und auch Schafe. Pferde und Esel allerdings dienen nur der Mobilität, sie zu schlachten empfinden Dominikaner verabscheuungswürdig. Sie betrachten ihre Pferde als Haustiere wie Katzen oder Hunde. Selbst die Kälber bleiben verschont. An Federvieh habe ich neben vielen Hühnerrassen noch Enten, Gänse, Truthähne und sogar Pfauen entdeckt.

Wir fuhren an Kaffeesträuchern vorbei und querten einen kleinen Bach, an dessen Ufern einige Bambusstämme dem Himmel zustrebten. Die Berge wurden nun etwas schroffer, gelegentlich konnte man steile weiße Felsen sehen, in denen dunkle Spalten und Löcher auf das Vorhandensein einer Vielzahl von Höhlen schließen ließen. In einem kleinen Tal am Ende des zivilisierten Teiles unseres Weges unterbrachen wir dann die Reise ein weiteres Mal und blieben vor einem
kleinen Häuschen stehen. Drinnen ertönte zunächst ein freudiges Geschrei, dann flog die Türe auf und heraus trat „Kika“, meine erste dominikanische Schwiegermutter, wie ich sie scherzhaft zu nennen pflege. Nachdem sie uns alle herzlich umarmt und begrüßt hatte, schleppte sie ein paar alte klapprige Holzstühle heran und beschwor uns eindringlich, darauf Platz zu nehmen. Dann entschuldigte sie sich und verschwand in ihrer Hütte. Nach kurzer Zeit kam sie jedoch freude-strahlend wieder zurück. Jetzt hatte sie nicht nur ihr Sonntagskleidchen, sondern auch ihre dritten Zähne angelegt. Pausenlos redete sie auf uns ein und wischte dabei ständig mit einem Besen auf der kleinen Veranda und in ihrem Vorgarten herum. Dann eilte sie in das daneben liegende Gestrüpp, welches aus armdicken Hölzern bestand, die miteinander durch Fasern verbunden und oben mit Bananenblättern bedeckt war. Ich winkte den beiden Frauen, mir zu folgen und so sahen sie zum ersten Mal eine original karibische Küche. In der Mitte des Raumes befand sich der Herd, ein monströses Gebilde aus Lehm, welches drei verschieden große Kochmulden aufwies. Angeheizt wird nicht etwa mit Gas oder elektrischer Energie sondern mit Holzkohle. Es gibt hier tatsächlich noch den Beruf des Köhlers! Im Hintergrund gewahrte ich einen alten Mörser mit dazu gehörigem Stampfer aus Hartholz sowie eine Unzahl verschiedenster Blechtöpfe, die allesamt blitzsauber gescheuert und an kleinen Ästen aufgehängt waren. Auf einer Art Zwischendecke lagen die übrigen Gerätschaften wie Löffel, Messer, Teller und Blechnäpfe in verschiedenen Größen. Die Gewürze und alle übrigen Ingredenzien wie Salz, Zucker, Pfeffer, Öle und Essig und was eine gute Köchin sonst noch alles so braucht, war in kleinen Dosen und Flaschen abgefüllt und verschlossen. Diese Behältnisse wiederum befanden sich in einer Reihe von Taschen eines speziell für diesen Zweck umgenähten alten Kleides, welches von einer Querlatte des Deckengerüstes herabhing und so für ungebetene Gäste unerreichbar war. Während sich die Alte für die angebliche Unordnung in ihrer Küche entschuldigte, hatte sie längst begonnen, uns einen Kaffee zuzubereiten. Zu diesem Zweck mußten zunächst einige Hühner verscheucht werden, welche sich zum Teil auf dem Herd zur Ruhe begeben und zum anderen Teil auf dem nackten Erdboden herumgescharrt hatten. Ununterbrochen redete sie dabei auf meine beiden Begleiterinnen ein. Gott sei Dank verstanden diese jedoch kein Wort, denn meine Schwiegermutter erinnerte an die guten alten Zeiten, als ich noch mit ihrer Paola zusammen war und wie dumm ihre Tochter doch gewesen sei, sich nicht ehelich mit mir verbunden zu haben. Ich blickte kurz zu Vinício hinüber. Der legte ein breites Grinsen auf und zeigte uns dann seine Rückseite. Es bestand kein Zweifel, die Alte mochte mich und es beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Hatte man nicht schon öfters davon gehört, daß der Weg zur Tochter über die Mutter führe? Hier war es wieder einmal umgekehrt! Vermutlich hatte ich ihre Sympathie dadurch gewonnen, als ich ihre undankbare Tochter einst auf meine Kosten operieren ließ, immerhin eine Geste, die bei kurzfristigen „Beziehungen“ dieser Art nicht alltäglich ist. Nach kurzer Zeit saßen wir jedenfalls alle im Schatten ihrer kleinen Terrasse und tranken den heißen und süßen Kaffee. Voll Stolz zeigte sie uns dann ihren Garten. Neben dem landesüblichen dominikanischen Kaffee baute sie noch eine brasilianische Sorte an. Hinter der Küche gab es einen kleinen Baum, welcher interessante Früchte hervorbrachte. Es waren „Guanábanas“ - Stachelanonen - deren Fruchtfleisch zu Marmelade verarbeitet wird oder auch für eine „Batida“, einem beliebten Milchmixgetränk verwendet werden kann. Diese Pflanze ist überhaupt sehr vielseitig: gewisse Teile von ihr lösen Rauschzustände aus und mit anderen wiederum können angeblich unerwünschte Schwangerschaften abgebrochen werden. Inmitten der großen Weide, auf der ihre drei Kühe grasten, befand sich ein wesentlich größerer Baum. Seine Früchte sind etwa faustgroß, dunkel-braun und ähneln in ihrer Form unseren Hagebutten. „Jáguas“, wie Dominikaner sie nennen, können, nachdem die Schale abgezogen wurde, direkt gegessen werden. Sie schmecken süß, sind sehr saftig und enthalten viele Vitamine. Darüber hinaus pflanzte Kika, wie alle Campesinos, natürlich noch Yuka und andere Wurzeln an. Außerdem entdeckte ich Mais, Tomaten und einen „Biri Biri“ - Strauch, dessen kleine Schoten so scharf sind, daß bereits eine einzige für einen ganzen Topf ausreicht. Auf der anderen Seite der Straße besaß sie noch ein großes Stück Land, auf welchem sich ein kleiner See befindet. Ein paar Enten und einige Pferde gehörten ebenfalls zu ihrem Besitz. Doch am wichtigsten waren ihr die vielen Blumen, die ihr ganzes Häuschen umgaben. Hier blühte und duftete es das ganze Jahr hindurch, so daß neben den vielen Bienen auch verschiedene Kolibriarten zu ihren Stammgästen zählten. „Wenn man so überlegt“ wandte sich eine der beiden Frauen zu mir, „ist sie eigentlich nicht arm. Wir sind technisch schon so weit fortgeschritten, dass wir nicht mehr mit ihr tauschen möchten und doch fühle ich tief in mir so etwas wie Traurigkeit, daß wir nicht mehr so unmittelbar mit der Natur leben können wie diese Frau.“ Sie selbst bezeichnet sich jedoch als arm und aus ihrer Sicht ist sie es auch. Sie muß hart arbeiten, um sich und ihr Enkelkind durchzubringen. Außerdem macht sich ihr Alter bemerkbar: Mal schmerzt das Kreuz, dann wieder die Beine. Im Winter kommen Migräne und Grippe hinzu, doch eines braucht diese Frau hier sicher nie und das ist ein Psychiater, ein Seelendoktor. Zum Abschied wurden meine beiden Damen noch mit kleinen Blumensträußchen bedacht. Daß diese wiederum sich mit ein paar Geldscheinen bedankten, machte mir meine Fahrgäste noch sympathischer: In einigen wenigen Fällen ist der schnöde Mammon doch zu etwas gut! Dann ging die Fahrt weiter.

Der Weg verschlechterte sich zusehends und nahm jetzt alle Eigenschaften der dritten Ordnung an. Es ging steil bergauf. Zu allem Überfluß hatte es einige Tage zuvor geregnet und der braune Lehm braucht sehr lange, um das Wasser aufzunehmen bzw. durchzulassen. Auf der Kuppe des Hügels wartete ein Reiter und sah zu uns herunter. Ich schaltete in den zweiten Gang und außerdem auf Allradantrieb. Nun jagten wir den Berg hinauf. Im letzten Drittel kam der Jeep trotz seiner überdimensionierten Reifen ins Rutschen. Mit vier durchdrehenden Rädern und aufheulendem Motor erreichten wir schließlich die Kuppe und kamen neben dem Reiter zum Stillstand. Der blickte zu mir herüber und sagte nur ein Wort: „Wow !“ Dann hob er seine rechte Hand zum Gruß und ließ sie anschließend auf den Rücken seines Pferdes fallen, welches sich nun widerstrebend bergab in Bewegung setzte. Die hügelige Weidelandschaft hatten wir längst verlassen. Dichter Wald und meterhohe Sträucher säumten unseren Pfad. Auch die Hütten wurden seltener. Schroffe weiße Felsen zur linken und dichter grüner Urwald zur rechten – so ging es dahin. Wir stolperten über felsige Querrinnen und erklommen Höhen, welche so steil waren, daß der weitere Verlauf des Weges erst auszumachen war, wenn der Jeep sich langsam wieder nach unten neigte. Ähnliches kennen wir bestenfalls von der Achterbahn! Es gab jedoch nicht nur wilder Urwald. Hin und wieder entdeckten wir auch Nutzpflanzen wie Mangos, Limonen, „Toronjas“ (Grapefruits) oder „Chinolas“ (Paradiesfrüchte). Sollten Sie an einem solchen Weg beispielsweise goldgelbe Orangen entdecken und ein paar davon essen wollen, so müssen Sie allerdings in den allermeisten Fällen mit einer Enttäuschung rechnen: Diese Früchte sind nämlich sauer. Wenn sie süß wären, hätten die Dominikaner sie natürlich schon längst gepflückt! Auch wenn diese Bäume und Sträucher scheinbar in der Wildnis wachsen, so haben sie doch ihre Besitzer. Die nächste Hütte ist dann nicht mehr weit und oft wurde ich längst beobachtet, ohne es zu wissen. Eine paar Früchte können Sie aber jederzeit zu sich nehmen, ohne Gefahr zu laufen, deswegen beschimpft zu werden. Hier wird jeder Gringo noch als willkommener Gast behandelt, der außerdem die Narrenfreiheit hat; gelten die meisten von uns doch hier als nicht lebensfähig!

Nach vielen Kilometern mündet unser Weg auf eine stellenweise asphaltierte Straße, welche hier oben in den Bergen bis nach Samaná zur linken und in ein kleines, mir namentlich unbekanntes Dorf zur rechten führt. Von dort geht es dann steil bergab, an überhängenden Felsen vorbei und mit einem herrlichen Ausblick auf die malerische Bucht. Doch der Weg zurück in die Zivilisation ist teuflisch: Die letzten dreihundert Meter bis zur Einmündung sind die Hölle. Eine große Senke voller Schlamm hat schon oft wagemutigen Jeepfahrern das Weiterkommen unmöglich gemacht. Acht von zehn Fahrten finden hier ihr unvorhergesehenes Ende. An dieser Stelle habe ich einmal einen Pick Up zur Gänze in der braunen Brühe verschwinden sehen. Der Fahrer konnte sich im letzten Moment aufs Dach retten. Meine beiden Damen erstarrten auf den Sitzen. Ich sah kurz zu Vinício hinüber. Der schluckte zunächst ein paar Mal und spuckte in gewohnter Manier auf den Boden. Danach sah er mich leicht verzweifelt an und fragte zögernd: „Tropicál?“ Wie in solchen Fällen üblich, schlug ich erst das Kreuzzeichen, dann gab ich Gas. Im dritten Gang und auf Traktion ging es mit vollem Rohr durch den Morast. Zwei knietiefe Rinnen, offenbar die Spur eines großen Lkws, schluckten meine Räder und übernahmen so die Lenkung. Der Dreck spritzte zu beiden Seiten in hohem Bogen davon. Eisern blieb ich voll auf dem Gaspedal.
Der Aschenbecher, ohnehin zu nichts nutze, polterte aus seiner Verankerung. Das macht er immer in solch brenzligen Situationen. Zum Schluß schwappten wir noch durch ein großes Wasserloch, dann war es geschafft. Jubelnd die Arme hochreißend erklommen wir in Siegerpose die letzten steilen Meter zur asphaltierten Querstraße. Weiter ging es an den steilen Felsen vorbei und endlich erreichten wir die Küstenstraße nach Samaná. Gegenüber dem alten Hafen blieben wir bei einem „Colmado“, einer kleinen Gemischtwarenhandlung stehen, um eine Erfrischung zu uns zu nehmen. Früher einmal ankerten hier Schiffe aus den Vereinigten Staaten und sogar aus Europa. Vor wenigen Jahren noch brachten große „Mack“ - Lkws riesige Kühl - Container mit Bananen und Ananas hierher, um diese Früchte im Namen einer großen amerikanischen Company für den Export zu verladen. Heute schippern nur mehr ein paar Boote Touristen zur „Cayo Levantado“, der berühmten „Bacardi“- Insel hinüber, deren Besuch heute nicht mehr zu empfehlen ist, da man hier mittlerweile einen Freßplatz für fünftausend Touristen angelegt hat und selbst-verständlich Phantasiepreise verlangt. Ich denke, die Werbung ist in diesem Falle tatsächlich schöner als das Original.

Nach dem obligatorischen Besuch des alten Marktes, wo ich immer viele „Naranjas“ (Orangen) erstehe, verließen wir Samaná in östlicher Richtung und machten uns auf den Weg nach „El Valle“. Unterwegs verteilten wir unsere Früchte an die vielen Kinder, welche Vinício und mich noch von unserem ersten Besuch her kannten und uns daher mit beiden Händen winkend und einem infernalischen Indianergeheul empfingen. Als der Früchtevorrat zu Ende ging, griff eine meiner Damen in ihre Tasche und wollte einem Kind etwas Geld in die Hand drücken. Mit einer raschen Bewegung konnte ich sie im letzten Moment daran hindern. Erstaunt und leicht entrüstet sah sie mich an: „Ich möchte doch nur diesem Kind auch etwas schenken, nichts weiter!“ - „Tun Sie das bitte nicht, sondern machen Sie statt dessen ein paar Photos von den Kleinen! Ich erkläre es Ihnen später.“ erwiderte ich knapp. In diesen Gebieten, weitab von den Touristenströmen, wird nicht um Geld gebettelt, sondern ganz im Gegenteil: Je ärmer die Leute sind, um so eher werden sie eingeladen. Einmal - es war weit hinter Constanza, der Stadt oben in den Bergen der „Cordilleras Centrales“, wurde ich von einem ganzen Dorf bewirtet, ich wurde sozusagen von einer Hütte zur nächsten weitergereicht und als ich dann nach vielen Stunden am Ende des Dorfes angelangt war, hatte ich derart viel gegessen und getrunken, daß ich es gerade noch bis zur nächsten größeren Stadt schaffte und in einem kleinen Hotel ins Bett fiel. Dabei hatte ich den ganzen Tag nicht einen müden Peso ausgegeben. Auf jenen Wegen jedoch, die auch gelegentlich von Touristen befahren werden, können Sie schon Kinder sehen, welche mit ihren Händchen nicht mehr winken, sondern sie aufhalten und „Money“ sagen. In aller Regel passiert dann folgendes: „Ach sieh doch nur mal! Dieses arme kleine Mädchen mit den großen traurigen Augen! Der Kleinen müssen wir doch unbedingt helfen und auf die paar Pesos soll es uns doch wahrhaftig nicht ankommen.“ Wenn Sie einem solchen Mädchen von vielleicht sechs oder sieben Jahren tatsächlich Geld schenken und zwar ganz unabhängig davon, wieviel und in welcher Währung, haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit folgendes zu verantworten: Dieses Geld ist nicht für das Kind, sondern dient möglicherweise ihrem Vater dazu, sich zu betrinken. Auf jeden Fall bewirken Sie mit Ihrer edlen Gabe, daß die Kleine ab sofort nicht mehr zur Schule geht, sondern an der Straße steht, denn dort kann sie Geld machen. Ist sie dann etwa dreizehn, geht sie selbstverständlich auf den Strich, weil sich alle daran gewöhnt haben, dass sie Geld nach Hause bringt. „Das habe ich aber nicht gewollt!“ sagte denn auch meine Dame bestürzt, doch genau das bewirken Sie damit. Mit meinem Jeep voller Früchte löse ich auf jeden Fall bei den Kindern die größere Freude aus und ganz aus dem Häuschen geraten sie, wenn sie sich auf Photos betrachten können, die Sie irgendwann geschossen und ihnen dann geschenkt haben. Diese zeigen sie dann voll Stolz überall herum und finden dann später an einer Wand ihren Ehrenplatz. Eine solche Geste wird die Familie Ihnen nie vergessen und sollten Sie selbst nach vielen Jahren noch einmal hier vorbeikommen, werden Sie selbstverständlich wiedererkannt und herzlich eingeladen.

Mit dem Jeep war es natürlich kein Problem, den Rio Arroyo zu durchfahren und so gelangten wir ohne Zwischenfälle zum Strand von El Valle, jenem herrlichen Tal, welches Vinício und ich schon damals besucht hatten. Dieses Mal jedoch waren wir nicht alleine. Einige Männer waren damit beschäftigt, ein großes Fischernetz ans Ufer zu ziehen. In gleichmäßigem Takt ergriffen ihre sehnigen Hände das Seil und gleichzeitig stemmten sie ihre Füße in den Sand. Es war eine Knochenarbeit. Während Vinício mit den beiden Frauen den westlichen Teil des Strandes erkundete, kam mir der Gedanke, den Fischern zu helfen. Also brauste ich mit meinem Jeep zu ihnen und deutete auf den Haken, der sich vorne auf der Stoßstange befindet und zum Abschleppen irgendwelcher Dinge vorgesehen ist. Zu meinem größten Erstaunen jedoch lehnten sie mein Angebot ab. Daraufhin stieg ich vom Jeep und faßte mit eigenen Händen zu. Diesmal ließen sie mich gewähren. Nach weniger als zwei Minuten allerdings war mein Drang zu helfen beendet, denn es bildeten sich die ersten Blasen auf den Innenflächen meiner Hände. Also entschuldigte ich mich und fuhr wieder zurück. Unter einer Palme den Schatten suchend erwartete ich die Rückkehr Vinícios und unserer Begleiterinnen. Sie erschienen dann auch nach einiger Zeit und während wir noch einige Kokosnüsse öffneten, um uns an ihrem Saft zu
erfrischen, näherte sich einer der Fischer. Die übrigen hatten inzwischen das Netz eingeholt und sich auf den Heimweg begeben. Während diese von der Ferne herüberwinkten, nahm ihr Kollege neben mir Platz und bot mir seine Hand an. Doch gerade, als ich einschlagen wollte, prallte ich entsetzt zurück: Sie war mit tiefen blutigen Striemen durchzogen. Er bemerkte mein Zaudern und klopfte mir auf die Schulter. Anschließend öffnete er einen alten Lederrucksack, griff hinein und zog einen Fisch heraus, welcher blau und weiß schimmerte und über einen halben Meter Länge aufwies. Während ich noch sprachlos auf diesen Fang starrte, warf der Fischer das gute Stück auf meinen Jeep, grüßte zum Abschied und wollte davongehen. Ich waraufgestanden und bat ihn, stehen zu bleiben. Als ich dann vor ihm stand, nahm
er meine Hand und zeigte auf meine Blasen. Dabei lächelte er, wünschte mir einen guten Appetit und lief zu seinen Freunden hinüber, welche in einiger
Entfernung gewartet hatten.

Nachdem wir beschlossen hatten, diesen Fisch heute Abend gemeinsam zu uns zu
nehmen, machten wir uns wieder auf den Rückweg. Eine der Frauen zeigte plötzlich auf einen großen Baum mit prächtigen Blüten und wandte sich an mich: „Sag mal Pedro, wie heißt denn dieser herrliche Baum?“ Mit dieser Frage war ich allerdings überfordert, also gab ich sie an Vinício weiter. Der allerdings hob auch nur bedauernd seine Schultern, doch da der Kunde König ist, war die Sache keineswegs abgetan. Als wir an der nächsten Hütte vorbeikamen, bedeutete Vinício mir, stehen--zubleiben. Er rief einen Alten herbei und deutete auf den Baum. „Chipchie“ meinte dieser im Brustton der Überzeugung und ging dann zu seiner Hütte zurück. Damit war die Frage zwar beantwortet, die beiden Damen jedoch im Grunde genau so klug wie vorher, denn selbst wenn der Alte die wissenschaftlich korrekte lateinische Bezeichnung gewußt hätte, was hätte es den beiden genützt? Meines Wissens gibt es bis heute kein umfassendes Werk über die Flora dieses Landes. Einmal traf ich einen Botaniker, welcher Urlaubsgast in Punta Bonita war und der mit dem Gedanken spielte, diese wissenschaftliche Lücke zu schließen. Er zeigte mir viele Pflanzen damals, unter anderem auch Mimosen, die so unscheinbar sind, daß ich sie von selbst wohl nie bemerkt hätte.

An der Stelle, wo wir bei unserer ersten Fahrt den kleinen Wagen unter Wasser gesetzt hatten, bogen wir nach rechts ab und folgten dem Rio Arroyo flußaufwärts. Von einem Weg oder gar einer Straße war nun keine Rede mehr. Langsam bewegten wir uns mit dem Jeep durchs Unterholz, über dunklen Erdboden und Morast. Über uns verschlossen die Wipfel der riesigen Bäume den Blick auf den blauen Himmel. Wohl sechs- oder achtmal durchquerten wir den reißenden Fluß. Nach einigen Kilometern blieben wir dann auf einer kleinen steinigen Uferböschung stehen. Wir verließen den Jeep und begaben uns zu Fuß weiter. Zwischen gewaltigen Bambusstämmen bewegten wir uns hintereinander leicht bergan. „Das ist ja wie im Urwald!“ flüsterte nun eine meiner Damen mit einer Mischung aus Angst und Staunen. Ich blieb stehen und lächelte sie an: „Das ist nicht wie im Urwald - das ist Urwald!“ Alsbald vernahmen wir ein gleichmäßiges dumpfes Rauschen. Es mußte nicht weit vor uns sein, denn es wurde deutlicher und lauter. Als wir dann eine kleine Kuppe erreicht hatten, sahen wir es: Aus einer Höhe von vielleicht sechs oder sieben Metern stürzte in drei Kaskaden ein Wasserfall herab undbildete unten zunächst einen kleinen See, der sich danach öffnete und einen kleinen Nebenfluß zum Rio Arroyo entließ.
Um die Schönheit dieses Naturschauspiels noch zu unterstreichen, hatten die
schattigen Riesenbäume hier ihre Kronen geöffnet, so daß ein wärmender
Sonnenstrahl genau auf den See und die Einmündung des kleinen Flusses fiel.
Während die Frauen noch fassungslos auf diese Idylle blickten, hatte Vinício
sich bereits seiner Kleidung entledigt und sprang nun kopfüber in das
herrlich erfrischende Naß. Nach kurzer Zeit tauchte er wieder auf, prustete
eine große Wasserfontäne in unsere Richtung und rief mit kindlicher
Begeisterung: „Tropicál!“

„Es lächelt der See - er ladet zum Bade!“ wandte ich mich an die beiden
Frauen. Diese tuschelten zunächst miteinander, dann winkten sie mich zu
sich. „Wir haben zwar keine Badesachen mit, doch würden wir auch gerne in
diesem wunderschönen See schwimmen. Was meinst denn Du, Pedro? Würde es
Deinen Freund wohl sehr stören, wenn wir zwei nackt baden könnten - ich
meine, wie Gott uns schuf, verstehst Du?“ - „Nun, ich denke, er wird wohl
nicht viel dagegen haben, doch werde ich ihn ganz einfach fragen.“ erwiderte
ich treuherzig. Danach sprach ich ganz ruhig mit Vinício. Dessen Augen
leuchteten kurz auf, dann blickte er gedankenverloren in den Himmel, legte
seine Denkerstirn in Falten, als prüfe er gewissenhaft die Vor- und
Nachteile dieses Ansinnens, atmete nun tief durch und nickte gönnerhaft
mit dem Kopf. Daraufhin tauchte er ins Wasser und kam erst hinter dem
sprühenden Vorhang wieder hervor.Oh ja, wir sind schon ein eingespieltes Team, wir zwei!

Als wir vor Sonnenuntergang wieder im Hotel eintrafen, wurden Vinício und
ich von den begeisterten Damen zum Essen eingeladen. Ich hatte mit Don Louis
gesprochen und der hatte daraufhin seinen Koch beauftragt, unseren Fisch
entsprechend unseren Wünschen zuzubereiten. Es wurde noch ein langer Abend
und er endete mit einem großen Kompliment: „Das war der schönste Tag im
ganzen Urlaub, Pedro!“

 

   
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  Nachruf an Karsten Krämer
  die dominikanische Leichtigkeit des Seins
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  Pedro fährt Motorrad & der himmlische Waschsalon
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