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Über Touristen - Pedro de Las Terrenas |
Wahre Worte sind nicht schön - Diese Erkenntnisse des alten Lao Tse haben wir - wie alles übrige von ihm auch - dem Wunsche eines Zöllners zu verdanken, welcher den chinesischen Weisen bat, ihm doch etwas zu hinterlassen, als dieser daran ging, seine Heimat im Zorn zu verlassen. Die Herrscher trieben es ihm zu bunt damals und so machte er sich, trotz seines hohen Alters, auf die Suche nach innerer Ruhe und äußerem Frieden. Ob er seine Lebensqualität tatsächlich verbessern konnte, ist nicht überliefert, doch er hat etwas Entscheidendes getan, nämlich es versucht. Auch heute dürften die Herrschenden bei vielen Mitbürgern Empörung, Wut und in einigen Fällen auch Verzweiflung und Bitterkeit hervorrufen, denn oft begegne ich Menschen, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, einfach alles zu verkaufen und auszuwandern. Doch im entscheidenden Moment, wenn es wirklich darauf ankommt, verlässt sie der Mut und unter Vorspiegelung irgendwelcher logisch klingender Gründe treten sie dann von ihrem Vorhaben zurück. Damit signalisieren sie, wenngleich auch unbewußt, den Herrschenden ihre Loyalität und ihre Untergebenheit und fordern sie geradezu auf, mit ihrer unverschämten Ausbeuterei fortzufahren. Das Ankreuzen irgendwelcher Namen auf irgendwelchen Zetteln alle paar Jahre scheint, wie die leidvolle Erfahrung zeigt, nichts Wesentliches zu bewirken. Um es einmal physikalisch auszudrücken: Es geht um die Überwindung des Trägheitsmomentes. Wie so viele meiner europäischen Kollegen habe auch ich meine Stammkneipe, welche ich zumeist an Sonntagen spät abends so gegen elf aufzusuchen pflege. Angelika, das Mädchen hinter der Theke kenne ich seit Jahrzehnten. Abgesehen von der Tatsache, daß sie den besten Kaffee der Welt kocht, besitzt sie noch eine weitere bemerkenswerte Gabe, sie spricht nämlich auch Spanisch. Hier, an diesem Ort der Begegnung, hatte ich oft Gelegenheit, mich mit jungen Männern zu unterhalten. Ich habe ihnen dann von meinem kleinen Paradies berichtet, ihnen einige Photos gezeigt sowie Bachata und Merengue vorgespielt. „Da möchte ich auch leben!“ riefen die meisten von ihnen begeistert, „Ich habe die Schnauze ohnehin voll! Ich verkaufe hier alles und fliege mit Dir hinunter. So auf eine halbe Million werde ich schon kommen, wenn ich alles zusammenzähle.“ - „Du verkaufst hier gar nichts“ pflegte ich daraufhin zu sagen, „sondern Du schaust Dir dieses Land erst einmal an! Ich lade Dich gerne ein und helfe Dir auch bei der Überwindung der sprachlichen und sonstigen Schwierigkeiten, doch mußt Du Deine eigenen Erfahrungen machen und erst danach entscheidest Du für Dich ganz alleine, ob Du dort leben willst oder nicht!“ Danach vereinbarten wir gewöhnlich, daß ich sie eine Woche vor meinem Abflug anrufen sollte. Doch immer, wenn ich dann anrief, ging es sich diesmal gerade nicht aus. Er müsse vorher noch dieses oder jenes erledigen, doch beim nächsten Mal käme er gerne auf mein Angebot zurück. „Wenn Du etwas erleben willst, dann mußt Du Deine Türe aufmachen und hinausgehen!“ habe ich ihnen daraufhin geraten, „Solltest Du dazu nicht in der Lage sein, dann mach das, was hier alle tun - nämlich fernsehen!“ Zum Gegenwert einer Eigentumswohnung können Sie in der República Dominicana ein Stück Land kaufen, auf welchem Sie über eine Stunde in jede Richtung gehen können. Darauf befindet sich eine Ranch mit hunderten Rindern. Sie Es ist ja auch nicht wirklich so, daß dort einfach alles „Super“ ist und nur Milch und Honig fließen und zu Hause in Europa alles schlecht und mies ist. Dort auf der Insel haben wir zwar vieles, wovon wir hier nur träumen können, doch wenn Sie über einen längeren Zeitraum dort sind, fehlen Ihnen ein paar Dinge, die wir hier - und nur hier in Europa - erleben können. Mir zum Beispiel fehlt dort jeglicher intellektuelle Anspruch, so was wie ein Vorstadttheater, ein Kabarett oder ein Wiener Kaffeehaus etwa, mit dem so typisch gelangweilten Ober und seinem maßlos übertriebenem und hochnäsigem Gehaben. Nach einiger Zeit ist es Ihnen nämlich egal, wer mit wem schläft, und ein anderes Thema gibt es nicht, zumindest nicht hier in Las Terrenas, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Andererseits habe ich dort aber auch nicht ein einziges Mal den Wunsch verspürt, mich vor den Fernseher zu setzen. Ein Ersatzleben, das mir die bequeme Möglichkeit bietet, mich mit irgendeinem texanischen Erdölmillionär oder dem Besitzer der Ponderosa - Ranch zu identifizieren, brauchen wir hier ganz sicher nicht. Die allermeisten Europäer, welche dieses Land besuchen, sind daher keine Auswanderer, sondern sogenannte Touristen. Ich schreibe „sogenannte“ ganz bewußt, denn es sind in der Regel keine Touristen, sondern schlicht und ergreifend Konsumenten! Die Geschichte dieses Landes und die Kultur seiner Bewohner interessiert sie eigentlich nicht; sie haben bezahlt und möchten jetzt ihre karibischen Träume ausleben und zwar so, wie sie sich die Karibik in ihren Klischees vorstellen. Selbst herauszufinden, wie sie wirklich ist, das ist zu anstrengend und dazu haben sie auch keine Zeit. Das überlassen sie ihrem Reiseveranstalter und der muß es ja schließlich wissen. Daß dieser ihnen aber genau diese Klischees präsentiert, die sie sehen wollen, bemerken sie dann natürlich nicht mehr. Ich habe daher immer große Freude, wenn Hochsaison ist und viele Touristen eintrudeln. Es ist geradezu umwerfend, mit ansehen zu müssen, wie sich manche Landsleute auf ihren Urlaub vorbereitet haben. Vor dem Frühstück pflegte ich damals oft in meiner stillen Bucht ein Bad zu nehmen. Diese liegt, wie erinnerlich, ein paar Gehminuten vom Punta Bonita Hotel entfernt inmitten einer riesigen Kokosnussplantage, welche sich bis zu den blaugrünen Bergen am Horizont erstreckt. Eines schönen Tages befand ich mich bereits auf dem Rückweg zum Hotel, als ich von einem älteren Herrn, welcher sich in Begleitung seiner Frau befand, auf Deutsch begrüßt wurde. Dominikaner grüßen eigentlich immer. Sollte Ihnen jedoch einmal jemand begegnen, der grußlos vorbeimarschiert, dann handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Touristen. Dieser nette Mann jedenfalls war die Ausnahme, denn er begrüßte mich tatsächlich und das ging etwa so: „Tach!“ - „Tach auch!“ erwiderte ich, angenehm überrascht. Doch ging es ihm natürlich nicht um die höfliche Geste der Begrüßung alleine, denn selbstverständlich wollte er etwas von mir: „Entschuldigen Sie bitte eine Frage!“ - „Ja bitte?“ Ich war stehen geblieben und sah ihn freundlich an. „Sagen Sie - wo gibt’s denn hier eigentlich Kokosnüsse?“ fragte er mich dann. Nein, nein! Er wollte mich nicht verschaukeln, er meinte es wahrhaftig ernst mit seiner Frage. „Nun,“ so erwiderte ich „wenn Sie etwas Zeit und Geduld, vor allem jedoch, wenn sie etwas Glück haben, so fällt Ihnen eine vor die Füße. Wenn Sie allerdings Pech haben, dann fällt sie Ihnen auf den Schädel.“ Ein anderer Herr versuchte auf dem Weg, welcher parallel zum Strand verläuft, eine Kokosnuß zu öffnen, indem er sie immer und immer wieder auf den sandigen Boden warf. Eine solche Nuß fällt normalerweise aus einer Höhe von acht Metern oder höher vom Baum und platzt nicht auf. Wer – in Gottes Namen - glaubte dieser Mensch zu sein? Obwohl ich angestrengt in die andere Richtung blickte, brüllte mich dieser Artgenosse mit blutunterlaufenen Augen an: „Warum geht das Sch... Ding Auf einem der ersten Ausflüge nahm ich damals zwei ältere Damen aus Bayern mit, welche mich eines schönen Morgens im Punta Bonita Hotel angesprochen hatten und deren Herzenswunsch es gewesen war, für einen Tag die Anlage zu Unsere Straße zweiter Ordnung führte nun an kleinen Häusern vorbei. Viele ihrer Bewohner blickten herüber, lachten und winkten. Es sind „Campesinos“, Leute vom Land, die sich zu kleinbäuerlichen Kommunen zusammen-geschlossen haben und die Früchte ihrer Arbeit zum Teil noch gegeneinander austauschen. Hier ist jeden Tag Waschtag, denn überall flattert die Wäsche von den Zäunen oder den Kakteen. Dominikaner, die das Glück hatten, einer reichen Familie zu entstammen und daher eine bessere Ausbildung genießen durften, rümpfen oft die Nase, wenn von den Campesinos die Rede ist. Für mich jedenfalls sind diese einfachen Bauern überaus freundliche und liebenswerte Menschen. Aus meiner Sicht sind sie lebende Erinnerungen an eine alte Zeit, in der noch Wert darauf gelegt wurde, in Harmonie und Menschlichkeit miteinander zu leben, einer angeborenen Selbstverständlichkeit, die wohl kein Großstadtbewohner in seiner Anonymität je nachvollziehen könnte und die wir in Mitteleuropa dem Streben nach Geld und Wohlstand längst geopfert haben. „Es gibt hier Pflanzen und Bäume, die wir nicht kennen, von deren Existenz wir nie etwas gehört haben.“ Ich wandte mich an meine beiden weiblichen Fahrgäste: „Haben Sie beispielsweise jemals einen Eierbaum gesehen?“ - „Einen Eierbaum? Sie wollen uns wohl auf den Arm nehmen, nicht wahr?“ antwortete eine, immerhin doch schon mit einem Anflug von Unsicherheit in der Stimme. „Keineswegs“ entgegnete ich grinsend und deutete mit der linken Hand auf eine Hütte, vor der sich ein mannshoher grüner Kaktus – Strauch befand, dessen gefährliche Blattspitzen allesamt mit weißen Eierschalen versehen waren. „Warum machen sie das denn?“ kam prompt die Frage. „Das dient dem Hausherrn zur besseren Orientierung, wenn er nachts betrunken nach Hause kommt!“ feixte ich. „Damit er nicht in den bösen Kaktus fällt!“ - „Jetzt nehmen Sie uns aber wirklich auf den Arm!“ Sie hatte nun ihre Sicherheit zurückgewonnen: „Warum machen sie das denn wirklich?“ Nun - Es hat mich auch interessiert und ich habe die Leute befragt. Sie haben gelacht damals als hätte ich einen guten Witz erzählt. Die simple Wahrheit ist: Es gibt keinen Grund, es ist reine Dekoration. Die nächste Station war ein kleines gemauertes Haus auf der rechten Seite der Straße, in welchem Kautschuk hergestellt wird. Die von den Bäumen tropfende Milch wird zunächst in leere Kokosnußschalen geleitet, dann hier in Formen gegossen, anschließend durch einige Rollen gewalzt und schlußendlich zum Trocknen aufgehängt. Trotz der vielen Kautschukbäume bleibt der Ertrag jedoch gering. Wie so oft werden daher auch diese Erzeugnisse zum größten Teil für den Eigenbedarf verwendet: Sie machen zumeist Schuhsohlen und Gürtel daraus. Obwohl es viele Berge gibt, wirkt die Landschaft eher hügelig. Alles ist mit dichtem Grün bewachsen. Die einzelnen Wiesen und Felder sind fein säuberlich voneinander getrennt. In keinem anderen Land habe ich soviel Stacheldraht gesehen wie hier. Doch unsere diesbezüglichen negativen Assoziationen sind unangebracht: Ihnen geht es in erster Linie um die Ordnung. Zumindest behaupten sie das heute. Allerdings versteckt sich auch hier eine Geschichte hinter der Geschichte: Zu Zeiten des berüchtigten Diktators Trujillo nämlich wurde ein Gesetz erlassen, welches jeden Grundeigentümer verpflichtete, sein Land mit zumindest fünf Reihen Stacheldraht einzuzäunen, wenn er nicht seines Besitztums verlustig gehen wollte. Doch wie so oft lag auch hier der wahre Grund im Trivialen: Ein Sohn des Generallissimo hatte kurz zuvor die einzige Stacheldrahtfabrik gegründet, und daß die Familie zusammenhalten muß, wird wohl jeder leicht verstehen. Eine ähnliche Geschichte begründet auch die pastellfarbenen Anstriche der Häuser, auch hier befand sich die einzige Farbenfabrik im Besitz des damals reichsten Mannes der Welt. Jedenfalls weiden auch heute noch in erster Linie Rinder auf den Feldern, doch halten sich die Bewohner auch viele andere Tierarten. So gibt es selbstverständlich Schweine, Ziegen, Kaninchen und auch Schafe. Pferde und Esel allerdings dienen nur der Mobilität, sie zu schlachten empfinden Dominikaner verabscheuungswürdig. Sie betrachten ihre Pferde als Haustiere wie Katzen oder Hunde. Selbst die Kälber bleiben verschont. An Federvieh habe ich neben vielen Hühnerrassen noch Enten, Gänse, Truthähne und sogar Pfauen entdeckt. Wir fuhren an Kaffeesträuchern vorbei und querten einen kleinen Bach, an dessen Ufern einige Bambusstämme dem Himmel zustrebten. Die Berge wurden nun etwas schroffer, gelegentlich konnte man steile weiße Felsen sehen, in denen dunkle Spalten und Löcher auf das Vorhandensein einer Vielzahl von Höhlen schließen ließen. In einem kleinen Tal am Ende des zivilisierten Teiles unseres Weges unterbrachen wir dann die Reise ein weiteres Mal und blieben vor einem Der Weg verschlechterte sich zusehends und nahm jetzt alle Eigenschaften der dritten Ordnung an. Es ging steil bergauf. Zu allem Überfluß hatte es einige Tage zuvor geregnet und der braune Lehm braucht sehr lange, um das Wasser aufzunehmen bzw. durchzulassen. Auf der Kuppe des Hügels wartete ein Reiter und sah zu uns herunter. Ich schaltete in den zweiten Gang und außerdem auf Allradantrieb. Nun jagten wir den Berg hinauf. Im letzten Drittel kam der Jeep trotz seiner überdimensionierten Reifen ins Rutschen. Mit vier durchdrehenden Rädern und aufheulendem Motor erreichten wir schließlich die Kuppe und kamen neben dem Reiter zum Stillstand. Der blickte zu mir herüber und sagte nur ein Wort: „Wow !“ Dann hob er seine rechte Hand zum Gruß und ließ sie anschließend auf den Rücken seines Pferdes fallen, welches sich nun widerstrebend bergab in Bewegung setzte. Die hügelige Weidelandschaft hatten wir längst verlassen. Dichter Wald und meterhohe Sträucher säumten unseren Pfad. Auch die Hütten wurden seltener. Schroffe weiße Felsen zur linken und dichter grüner Urwald zur rechten – so ging es dahin. Wir stolperten über felsige Querrinnen und erklommen Höhen, welche so steil waren, daß der weitere Verlauf des Weges erst auszumachen war, wenn der Jeep sich langsam wieder nach unten neigte. Ähnliches kennen wir bestenfalls von der Achterbahn! Es gab jedoch nicht nur wilder Urwald. Hin und wieder entdeckten wir auch Nutzpflanzen wie Mangos, Limonen, „Toronjas“ (Grapefruits) oder „Chinolas“ (Paradiesfrüchte). Sollten Sie an einem solchen Weg beispielsweise goldgelbe Orangen entdecken und ein paar davon essen wollen, so müssen Sie allerdings in den allermeisten Fällen mit einer Enttäuschung rechnen: Diese Früchte sind nämlich sauer. Wenn sie süß wären, hätten die Dominikaner sie natürlich schon längst gepflückt! Auch wenn diese Bäume und Sträucher scheinbar in der Wildnis wachsen, so haben sie doch ihre Besitzer. Die nächste Hütte ist dann nicht mehr weit und oft wurde ich längst beobachtet, ohne es zu wissen. Eine paar Früchte können Sie aber jederzeit zu sich nehmen, ohne Gefahr zu laufen, deswegen beschimpft zu werden. Hier wird jeder Gringo noch als willkommener Gast behandelt, der außerdem die Narrenfreiheit hat; gelten die meisten von uns doch hier als nicht lebensfähig! Nach vielen Kilometern mündet unser Weg auf eine stellenweise asphaltierte Straße, welche hier oben in den Bergen bis nach Samaná zur linken und in ein kleines, mir namentlich unbekanntes Dorf zur rechten führt. Von dort geht es dann steil bergab, an überhängenden Felsen vorbei und mit einem herrlichen Ausblick auf die malerische Bucht. Doch der Weg zurück in die Zivilisation ist teuflisch: Die letzten dreihundert Meter bis zur Einmündung sind die Hölle. Eine große Senke voller Schlamm hat schon oft wagemutigen Jeepfahrern das Weiterkommen unmöglich gemacht. Acht von zehn Fahrten finden hier ihr unvorhergesehenes Ende. An dieser Stelle habe ich einmal einen Pick Up zur Gänze in der braunen Brühe verschwinden sehen. Der Fahrer konnte sich im letzten Moment aufs Dach retten. Meine beiden Damen erstarrten auf den Sitzen. Ich sah kurz zu Vinício hinüber. Der schluckte zunächst ein paar Mal und spuckte in gewohnter Manier auf den Boden. Danach sah er mich leicht verzweifelt an und fragte zögernd: „Tropicál?“ Wie in solchen Fällen üblich, schlug ich erst das Kreuzzeichen, dann gab ich Gas. Im dritten Gang und auf Traktion ging es mit vollem Rohr durch den Morast. Zwei knietiefe Rinnen, offenbar die Spur eines großen Lkws, schluckten meine Räder und übernahmen so die Lenkung. Der Dreck spritzte zu beiden Seiten in hohem Bogen davon. Eisern blieb ich voll auf dem Gaspedal. Nach dem obligatorischen Besuch des alten Marktes, wo ich immer viele „Naranjas“ (Orangen) erstehe, verließen wir Samaná in östlicher Richtung und machten uns auf den Weg nach „El Valle“. Unterwegs verteilten wir unsere Früchte an die vielen Kinder, welche Vinício und mich noch von unserem ersten Besuch her kannten und uns daher mit beiden Händen winkend und einem infernalischen Indianergeheul empfingen. Als der Früchtevorrat zu Ende ging, griff eine meiner Damen in ihre Tasche und wollte einem Kind etwas Geld in die Hand drücken. Mit einer raschen Bewegung konnte ich sie im letzten Moment daran hindern. Erstaunt und leicht entrüstet sah sie mich an: „Ich möchte doch nur diesem Kind auch etwas schenken, nichts weiter!“ - „Tun Sie das bitte nicht, sondern machen Sie statt dessen ein paar Photos von den Kleinen! Ich erkläre es Ihnen später.“ erwiderte ich knapp. In diesen Gebieten, weitab von den Touristenströmen, wird nicht um Geld gebettelt, sondern ganz im Gegenteil: Je ärmer die Leute sind, um so eher werden sie eingeladen. Einmal - es war weit hinter Constanza, der Stadt oben in den Bergen der „Cordilleras Centrales“, wurde ich von einem ganzen Dorf bewirtet, ich wurde sozusagen von einer Hütte zur nächsten weitergereicht und als ich dann nach vielen Stunden am Ende des Dorfes angelangt war, hatte ich derart viel gegessen und getrunken, daß ich es gerade noch bis zur nächsten größeren Stadt schaffte und in einem kleinen Hotel ins Bett fiel. Dabei hatte ich den ganzen Tag nicht einen müden Peso ausgegeben. Auf jenen Wegen jedoch, die auch gelegentlich von Touristen befahren werden, können Sie schon Kinder sehen, welche mit ihren Händchen nicht mehr winken, sondern sie aufhalten und „Money“ sagen. In aller Regel passiert dann folgendes: „Ach sieh doch nur mal! Dieses arme kleine Mädchen mit den großen traurigen Augen! Der Kleinen müssen wir doch unbedingt helfen und auf die paar Pesos soll es uns doch wahrhaftig nicht ankommen.“ Wenn Sie einem solchen Mädchen von vielleicht sechs oder sieben Jahren tatsächlich Geld schenken und zwar ganz unabhängig davon, wieviel und in welcher Währung, haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit folgendes zu verantworten: Dieses Geld ist nicht für das Kind, sondern dient möglicherweise ihrem Vater dazu, sich zu betrinken. Auf jeden Fall bewirken Sie mit Ihrer edlen Gabe, daß die Kleine ab sofort nicht mehr zur Schule geht, sondern an der Straße steht, denn dort kann sie Geld machen. Ist sie dann etwa dreizehn, geht sie selbstverständlich auf den Strich, weil sich alle daran gewöhnt haben, dass sie Geld nach Hause bringt. „Das habe ich aber nicht gewollt!“ sagte denn auch meine Dame bestürzt, doch genau das bewirken Sie damit. Mit meinem Jeep voller Früchte löse ich auf jeden Fall bei den Kindern die größere Freude aus und ganz aus dem Häuschen geraten sie, wenn sie sich auf Photos betrachten können, die Sie irgendwann geschossen und ihnen dann geschenkt haben. Diese zeigen sie dann voll Stolz überall herum und finden dann später an einer Wand ihren Ehrenplatz. Eine solche Geste wird die Familie Ihnen nie vergessen und sollten Sie selbst nach vielen Jahren noch einmal hier vorbeikommen, werden Sie selbstverständlich wiedererkannt und herzlich eingeladen. Mit dem Jeep war es natürlich kein Problem, den Rio Arroyo zu durchfahren und so gelangten wir ohne Zwischenfälle zum Strand von El Valle, jenem herrlichen Tal, welches Vinício und ich schon damals besucht hatten. Dieses Mal jedoch waren wir nicht alleine. Einige Männer waren damit beschäftigt, ein großes Fischernetz ans Ufer zu ziehen. In gleichmäßigem Takt ergriffen ihre sehnigen Hände das Seil und gleichzeitig stemmten sie ihre Füße in den Sand. Es war eine Knochenarbeit. Während Vinício mit den beiden Frauen den westlichen Teil des Strandes erkundete, kam mir der Gedanke, den Fischern zu helfen. Also brauste ich mit meinem Jeep zu ihnen und deutete auf den Haken, der sich vorne auf der Stoßstange befindet und zum Abschleppen irgendwelcher Dinge vorgesehen ist. Zu meinem größten Erstaunen jedoch lehnten sie mein Angebot ab. Daraufhin stieg ich vom Jeep und faßte mit eigenen Händen zu. Diesmal ließen sie mich gewähren. Nach weniger als zwei Minuten allerdings war mein Drang zu helfen beendet, denn es bildeten sich die ersten Blasen auf den Innenflächen meiner Hände. Also entschuldigte ich mich und fuhr wieder zurück. Unter einer Palme den Schatten suchend erwartete ich die Rückkehr Vinícios und unserer Begleiterinnen. Sie erschienen dann auch nach einiger Zeit und während wir noch einige Kokosnüsse öffneten, um uns an ihrem Saft zu Nachdem wir beschlossen hatten, diesen Fisch heute Abend gemeinsam zu uns zu An der Stelle, wo wir bei unserer ersten Fahrt den kleinen Wagen unter Wasser gesetzt hatten, bogen wir nach rechts ab und folgten dem Rio Arroyo flußaufwärts. Von einem Weg oder gar einer Straße war nun keine Rede mehr. Langsam bewegten wir uns mit dem Jeep durchs Unterholz, über dunklen Erdboden und Morast. Über uns verschlossen die Wipfel der riesigen Bäume den Blick auf den blauen Himmel. Wohl sechs- oder achtmal durchquerten wir den reißenden Fluß. Nach einigen Kilometern blieben wir dann auf einer kleinen steinigen Uferböschung stehen. Wir verließen den Jeep und begaben uns zu Fuß weiter. Zwischen gewaltigen Bambusstämmen bewegten wir uns hintereinander leicht bergan. „Das ist ja wie im Urwald!“ flüsterte nun eine meiner Damen mit einer Mischung aus Angst und Staunen. Ich blieb stehen und lächelte sie an: „Das ist nicht wie im Urwald - das ist Urwald!“ Alsbald vernahmen wir ein gleichmäßiges dumpfes Rauschen. Es mußte nicht weit vor uns sein, denn es wurde deutlicher und lauter. Als wir dann eine kleine Kuppe erreicht hatten, sahen wir es: Aus einer Höhe von vielleicht sechs oder sieben Metern stürzte in drei Kaskaden ein Wasserfall herab undbildete unten zunächst einen kleinen See, der sich danach öffnete und einen kleinen Nebenfluß zum Rio Arroyo entließ. „Es lächelt der See - er ladet zum Bade!“ wandte ich mich an die beiden Als wir vor Sonnenuntergang wieder im Hotel eintrafen, wurden Vinício und
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| Nachruf an Karsten Krämer | |
| die dominikanische Leichtigkeit des Seins | |
| Every Day Life in Las Terrenas | |
| Pedro fährt Motorrad & der himmlische Waschsalon | |
| Über Touristen im Allgemeinen | |
| In Sabana del Mar | |
| Was macht der Pole mit der Kohle | |
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| Gedanken zum 11. September | |
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