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Abschied vom Tisch - Steve "FluiD" Lindauer |
Den heutigen Tag hätte ich mir getrost sparen können. Dann hielt ich es für eine gute Idee, meine Mails zu checken. Meine Mailbox enthielt 3 neue Meldungen. Die erste war von einem Freund. Sein Vater war vergangene Nacht gestorben und mein Freund fühlte sich schrecklich. Mit einem ätzenden Loch in der Mitte der Brust. Ich versuchte mein Bestes und schrieb ihm, dass nichts ohne Grund passiert, dass es schlussendlich gar keine Ungerechtigkeiten gibt, dass alles sich irgendwann offenbart und Sinn macht. „Dance in your blood, my friend“... Ich schrieb ihm ein langes Mail. Über 2 Seiten. Ich schrieb und schrieb - bis der Strom plötzlich ausfiel und alles löschte. Zuerst wollte ich fluchen, dann besann ich mich eines Besseren und bezahlte wortlos. Der Eigentümer fragte mich, ob ich mich nicht für einen Moment an seinen Kaffeetisch setzen wollte. Ich verneinte und vergass mein Wechselgeld. Zurück auf der Gasse wollte ich etwas Ruhe und suchte mir einen runden Tisch am Ende des Condes, der Fussgängerzone in der Altstadt von Santo Domingo. Eine Zeitschrift lag in der Mitte, quer, und ich verlangte nach einem Aschenbecher und einem grossen Cuba Libre mit wenig Eis. El Conde ist der Spot, wo man sich trifft. Jung und alt, verdorben und unschuldig. Was hier abgeht, ist schwer zu beschreiben. Eigentlich wollte ich heute nur noch nach Hause gehen, zu meinem eigenen runden Tisch, ohne auf jemanden zu warten, nicht mal auf das Pfeifen der Kaffeekanne. Doch dann kam mir dieses Bild in den Sinn, der runde Kaffeetisch vom Merkker und während mir der Taxichauffeur eine weitere Lüge auftischt und mich über den Tisch zieht, kommt mir der Gedanke, dass der heutige Tag es vielleicht doch wert ist, festgehalten zu werden. Um eines Tages selbst auf einem runden Kaffeetisch zu landen, als nette Anekdote in einer Gazette, gelesen zwischen zwei Verabredungen; als Abwechslung oder Begleitung zu einer weiteren Zigarette, mit übereinandergeschlagenen Beinen rauchend, wartend, mit dem Blick auf dem Zifferblatt, mit den Gedanken im Reich der Tagträume, mit der unschuldigen Vergnügtheit, welche anonyme Kaffeetische normalerweise mit sich bringen. Ein Hauch von Cosmopolitan. Ich denke, das einzige, was mich wirklich berührte, war das Girl und die Art und Weise wie sie mir keine Beachtung schenkte. Während ich ihr Gesicht nach einem Lächeln und einer Erklärung absuchte, wanderten meine Hände entlang der Tischkante, wie das sichtbare Gegenstück zu meinem rastlosen Verstand, mit den Fingern tastend, unterhalb des Kreises, ausserhalb der Realität, meine Augen in den ihren versenkend, der Geruch von starkem, süssem Kaffee in der Nase, warmer weiblicher Schweiss, salzig und verboten und köstlich, die unterdrückten Worte der restlichen Gäste wie verwirrte Mosquitos in der Nachmittagshitze... so suchte ich mit meinen Fingerspitzen nach einem Halt angesichts dieser überwältigenden Schönheit des Moments... und finde schliesslich und endlich... einen grossen Klumpen Kaugummi, der sich mir unter die Nägel schiebt. Ich denke, in Zukunft werde ich mich an die Araber halten und meinen Kaffee auf dem Fussboden zu mir nehmen, umgeben von weichen Kissen und der Gewissheit, dass ich mir an keinem Tisch das Knie stossen werde. Oder das Herz. |
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| Inhaltsverzeichnis: | sag die Wahrheit und renn... |
| Abschied vom Tisch | |
| Bachatta | |
| Ein Amulett gegen die Hitze | |
| Auf der Suche nach Gaagaa / Looking for Gaagaa | |
| die Sache mit der Zeit | |
| Steve "FluiD" Lindauer - Portrait | |