steve lindauer portrait

Sag die Wahrheit und renn…  Steve „FluiD“ Lindauer

Steves Viertes Buch - eine Leseprobe

 

Leseprobe

Junior: Einen Moment, du musst damit warten dieses Buch zu beenden bis ich
nach New York zurückgekehrt bin. Weil ich dort drüben umgebracht
werden könnte und das wäre ein gutes Ende, nicht wahr? Oder zumindest
ein Ende, fucking shit.
Tatsache ist, mein Geburtstag ist der 11. März, Samstag, ich bin 25,
geboren ’78.
Steve: Wo?
J: In Santo Domingo.
S: Was ist das erste, an das du dich erinnern kannst?
J: Das erste an das ich mich erinnern kann? Du meinst als ich Sinne hatte
und solche Scheisse?
Hmmm… das ist keine einfache Frage.
Für einen kurzen Moment starrt er auf seine eigenen Hände und fährt dann fort.
J: Ich, wie ich mir Zeichentrickfilme angucke. Ich wohnte damals an der
Independencia, ungefähr beim Kilometer 10.5, ich war so um die 2 oder 3
Jahre alt.
Ich hatte eine Cousine, eine Cousine zweiten Grades die damals auf uns
aufpasste, auf mich und meine Schwester, und wir schauten uns
Zeichentrickfilme an, Sachen wie „The Transformers“ und ich erinnere
mich, dass sie mich ins Badezimmer nahm, ich war erst 3 oder 4, und sie
zog dann immer meine Unterhosen runter und spielte mit mir rum, du
weisst schon, sie spielte an sich selbst rum mit meinem Schwanz und ich
schrie jeweils: „Ich will meine Zeichentrickfilme sehen! Ich will zum
Fernseher gehen!“ und sie sagte dann: „Mach dir keine Sorgen, nur eine
Minute, du wirst gleich wieder dort sein, gib mir nur noch eine Sekunde –
“ undsoweiter undsofort, bis es ihr kam und dann erst liess sie mich
gehen. Ich schätze also, ich habe meine Jungfräulichkeit mit 4 oder so
verloren!
Er lacht kurz auf und wird dann plötzlich wieder ernst. Nach einem stillen,
nachdenklichen Augenblick fährt er weiter.
J: Ich träumte auch von dem Scheiss. Jenes Badezimmer. Und meine
Cousine.
Für eine Sekunde hält er inne, schaut in die Ecke des Raumes. Dann fängt er plötzlich
wieder an zu lachen.
J: Scheisse! Wenn sie das bloss heute noch mit mir anstellen würde!
Dann mit einem Mal wird er wieder ernst.
J: Meine Familie ist vollkommen abgefuckt, weisst du? Sie haben mich zu
dem gemacht was ich heute bin. SIE haben mein Leben ruiniert, nicht ich.
Mein Vater war niemals da. Er war nie in der Nähe, ich habe nichts von
ihm mitbekommen seit ich mein Denken habe. Er ging nach New York,
also gewöhnte sich meine Mutter daran, auszugehen und zu tanzen und
liess mich beim Babysitter, meiner Cousine.
S: Dein Vater verliess euch bevor du ihn kanntest?
J: Ja. Hey, stört es dich, wenn ich mich für ‘ne Minute hinlege? Dieses Gras
steigt mir in den Kopf.
S: Nur zu.
Er legt sich für eine Weile auf den Stapel Matratzen und schliesst die Augen. Ich trinke
weiterhin mein Bier und lasse ihn ruhen. Nach ungefähr 15 Minuten geht Irene, meine
junge Mitbewohnerin aus der Schweiz, an uns vorbei durchs Wohnzimmer und Junior
setzt sich abrupt auf und pfeift ihr hinterher. Es sieht so aus, als er ob wieder in Form
wäre und somit fahren wir fort.
J: Meine Mutter ging Tanzen und sie lernte diesen Typen kennen, einen
Bachatero, Plas Duran war sein Name – hast du schon mal von ihm
gehört? Er ist ein guter Mensch. Also lernte ich diesen Kerl kennen.
Dann ging auch meine Mutter, sie ging nach New York. Ein paar Onkel
von Grossmutter’s Seite passten 6 Monate lang auf mich auf und dann
nahm man mich nach Santiago* und ich wohnte bei Consuela, der
Schwester meiner Grossmutter. Das war als ich so um die 5 war. Dann,
von da an war ich, sagen wir, ungefähr 2 Jahre dort drüben in Santiago.
Dann kam unsere Tante um uns abzuholen, mich und meine Schwester,
meine Tante kam von New York her, da war ich ungefähr 7 Jahre alt. Als
ich 7 war, hatte ich bereits viermal das Zuhause gewechselt, 4
verschiedene Häuser. Sie nahm uns nach Santo Domingo und wir endeten
in einem Ort genannt Hoyo de Chulin, hier in der Hauptstadt.
S: Warum hat sie das gemacht?
J: Warum sie das gemacht hat?
S: Ja, ich meine, warum ist nicht deine Mutter gekommen oder so?
J: Oh yeah, ich sehe. Nun, meine Mutter konnte nicht kommen, weil ihr Bein
gebrochen war. Also schickte sie ihre Tante, haha!
Ja Mann, das ist eine lustige Story. Willst du wissen, wie sie ihr Bein
gebrochen hat?
Sie hat ihr Bein gebrochen wie sie meinem Vater hinterher gerannt ist.
Er war ein Sänger, er trat für gewöhnlich in Café Bars auf und meine
Mutter ging da immer hin und setzte sich an einen Tisch mit meinem Vater
und dann fingen sie an sich zu küssen und so, du weisst schon, haha!
So lernten sie sich kennen. Und verliebten sich und all die Scheisse.
(*Santiago de los Caballeros, Dominikanische
Republik – Anmerk. Autor)
Und dann eines Tages verfolgte sie meinen Vater, rannte auf dem
Gehsteig und sie rannte mit hohen Absätzen, sie war eine heisse, verrückte
Latina-Feuerbombe, liess sich von niemandem was gefallen, weisst du?
Und sie war wunderschön. An jenem Tag also rannte sie meinem Vater
auf dem Gehsteig hinterher und ihr Absatz verfing sich in einem Loch und
brach ab und ihr Bein brach ebenfalls und das war es. Sie waren verliebt
ineinander.
Sie war im Spital für ein Jahr. Oder irgendsowas. Eine lange Zeit. Mit
ihrem gesamten Bein in Gips gehüllt. Und mein Vater besuchte sie die
ganze Zeit und noch mehr Küsse und das ganze schöne neue Leben in den
U.S.A., du weisst schon.
S: Das war also in New York?
J: Ja, klar. Meine Tante brachte uns nur für ein paar Tage nach Hoyo de
Chulin. Mein Visum wartete bereits auf mich und so verliessen wir die
Insel gleich anschliessend: ich, meine Schwestern und meine Tante.
S: New York?
J: Yeah, New York City.
Wieder lacht er auf und schüttelt langsam und ungläubig seinen Kopf.
J: Dann erinnere ich mich auch wie meine Schwester und ich zum
Supermarkt gingen um alle Äpfel zu essen.
S: Kaufen oder stehlen?
J: Also… beides, weisst du? Das ist dasselbe, Mann, weisst du, wir gingen da
hin, bezahlten 5 und assen 10. Ich ass damals so viele Äpfel, Mann, wenn
ich heute nur ’nen Apfel anschaue muss ich schon kotzen!
Die Biere sind alle und ich gehe auf den Balkon um den Jungs unten im Colmado
zuzurufen: “Dos cervezas mas!” Ein paar Minuten später werden die Biere geliefert und
wir fahren weiter.
J: Der gute Teil meines Hauses war mein Stiefvater, er war ein cooler Typ.
Und er hatte 2 Brüder die im selben Haus wohnten wie wir.
S: Was noch?
J: Der Name war Chivo.
S: Chivo? Ziegenbock? Dein Stiefvater?
J: Nein, mein Vater.
Meinen Stiefvater nannte man Juan. Und er hatte 2 Brüder. Chivo und
Leca.
S: Leca? Was zur Hölle bedeutet das denn?
J: Leca? Das ist ein Name, ein Spitzname.
S: Also, warte mal kurz, erzähl mir mehr über dich und deine Schwester im
Supermarkt.
J Nun, wie ich dir schon sagte. Für gewöhnlich trieben wir uns in den
Supermärkten rum bis wir hungrig wurden. Dann fingen wir an Äpfel zu
essen.
Weisst du… nach dem Abendessen warteten wir einfach bis wir wieder
Äpfel essen gehen wollten.
Und wir klauten auch, ja, du hattest recht. Es gab da diese Dame, diese
alte Dame mit diesem grossen Garten und wir kletterten jeweils über den
Zaun und klauten alle ihre Äpfel und dann fing sie immer an zu schreien:
„AYAYAYAYAY!!“
Für gewöhnlich hauten wir dann ab. Manchmal sind wir auch geblieben,
nur so zum Spass, weisst du? Aber sie erwischte uns nie. Es war nie ein
richtiger Spass, weisst du?
Er lacht laut heraus und nimmt einen grossen Schluck Bier. Ich unterbreche ihn und sage:
S: Hey Junior, wenn wir so weitermachen, wird dies das am schnellsten je
geschriebene Buch, weisst du das? 3 Sonntage wie heute und wir
werden das verdammte Ding zu Ende haben.
J: Nein. Wir werden es heute zu Ende bringen.
S: Falls wir das schaffen wollen, müssen wir uns etwas Koks besorgen, das
weisst du.
J: Okay.
S: Wir müssen noch 4 Stunden warten, dann kann ich meinen Taxifreund
anrufen. Er fängt um 20.30 Uhr mit der Arbeit an.
J: Okay.
Hey, weisst du was? Das erste Mal, dass ich Pot rauchte, war mit meinem
Onkel Chivo.
Er brachte mich und meine beiden Schwestern jeweils zur Schule, weisst
du, also sass ich da, 8 Jahre alt, mit meinen beiden süssen kleinen
Schwestern und ich sah Chivo an und er hielt dieses seltsame Ding in
seinen Händen, diesen Joint und es sah interessant für mich aus, weisst
du? Ich hatte mich schon immer gewundert, was zum Teufel das wohl war.
Da gibt es auch noch ein anderes Gesicht, das vorbeitreibt, ich erinnere
mich nicht mehr wer das war. Irgendjemand, da bin ich mir sicher.
Eines Tages sagte ich also zu ihm: „Ich will das auch rauchen.”
Das erste Mal, dass ich tatsächlich rauchte, es war im Haus, nur wir
beide. Also sagte ich ihm: „Ich will probieren, ich will probieren!“ Also
rollte er einen. Weisst du, ich wusste nicht wie man rauchte, aber
irgendwie funktionierte es. Ich fühlte meinen Kopf Runden drehen mit 500
km die Stunde. Yo Mann… 5 Minuten später ging ich in die Küche und
bereitete mir ein Stück Brot mit Erdnussbutter und Milch zu, ich war
verrückt nach Erdnussbutter, ich hatte damals einen ganzen Vorrat von
dem Zeug.
Oh Mann… all das Essen das ich in meinem Leben verschlungen habe
wenn ich high war! Es wäre genug für die gesamte Insel für ein ganzes
Jahr!
Der erste, den ich rauchte war gut.
Der zweite war nicht so stark, damals wohnte ich bereits in Manhattan.
Aber der dritte… als ich den rauchte… ungefähr 3 Minuten später… ging
ich… weisst du, draussen regnete und schneite es, ich sass im Schulhof
und drehte einfach durch, weisst du, einfach da am Sitzen mit all dem
Regen der runterfiel, es sah irgendwie traurig aus und ich war sooo high...
ich musste von dieser Bank aufstehen und mich in den Regen stellen und
schliesslich steckte ich meinen Kopf in eine dieser eiskalten
Schneeregenpfützen um mich abzukühlen. Haha! Ich dachte wirklich mein
Kopf würde explodieren! Ich musste ihn abkühlen!
Dann übergab ich mich.
Mein Onkel machte sich sogleich auf den Weg und besorgte Pizza, weil
mein Magen völlig leer war und er brachte mir ein schönes Stück Pizza,
weisst du, mit Salami, Käse, Tomaten und ich fühlte mich augenblicklich
besser.
S: Nahm er dich danach irgendwo hin?
J: Ja, er nahm mich in den Park um wieder ein bisschen wach zu werden und
abzukühlen, weisst du. Ich war noch immer sehr high. Ich schwitzte im
Schnee.
Und von da an hab ich einfach nie aufgehört. Zu Rauchen. Weil ich nicht
daran starb.
Um diese Zeit war ich bereits ungefähr 10. Ich ging zur Schule, ich war
mehr oder weniger in der 6. Klasse, damals, ich ging zur Schule.
Das Lustige an der Sache ist, weisst du, Steven, als ich so alt war, in der
6. Klasse, lernte ich all dieses Zeug, wie man englisch spricht und lernen
in allgemeinen, weisst du, lernen wie ein normales Kind. Aber ich hatte
Probleme zu Hause, weil meine Eltern sich oft zudröhnten, meine Mutter
war auf Koks und Bier. Sie prügelte jeweils die Scheisse aus meinem
Vater.
S: Aber du bist in der Schule geblieben?
J: Yeah.
Und ich war sehr arm damals.
S: Arm in welchem Sinne?
J: Arm im Sinne von, dass wir keine… weisst du… Kinder in diesem Alter
mögen für gewöhnlich gerne gute Hosen oder Schuhe oder Geld um
Süssigkeiten zu kaufen. Ich hatte nichts von all dem. Es ging alles für die
Rente und fürs Essen drauf, weisst du, und manchmal besorgten sie sich
auch Koks, ich habe keine Ahnung wie zur Hölle sie das bewerkstelligten,
aber manchmal hatten sie Geld für Koks. Und sie gaben es aus.
Aber ich nahm stets am Unterricht teil. Ich war gut. Ich lernte englisch in
einem Jahr, weisst du? Ich war damals der Beste meiner Schule. Ich war
ungefähr 9 oder 10. 10 war ich, ja.
S: Dann, was passierte?
J: Dann lernte ich meine Freunde kennen.
Raidy und Neory. Neory, das ist mein zweitbester Freund.
Diese Jungs, wenn wir zusammen waren, weisst du, wir gingen zur Schule,
gingen in den Unterricht, manchmal tranken wir Bier und hängten rum –
S: Also, du warst immer noch 10 Jahre alt?
J: Ich war 10. Raidy war sowas wie 15 und Neory war ungefähr 16.
S: Okay. Was habt ihr gemacht?
J: Zu dieser Zeit war ich ein sehr ängstliches Kind. Ängstlich und
beängstigend. Ich hatte meine Fäuste stets unten. Nicht oben. Aber Fäuste.
Meine Nachbarschaft war sehr schlimm. Diese Kinder riefen mich jeweils
nach draussen, du weisst schon, klopften an mein Fenster und sagten ich
solle nach draussen kommen, also ging ich.
Dann nahmen sie mich zu einem leeren Haus, irgendeine Baustelle oder
einfach ein totes Haus, weisst du? Als wir also da ankamen, sagten die
älteren Jungs – einige von ihnen waren jünger als ich, ungefähr 8 Jahre
alt oder so – also befahlen die älteren Jungs einem jungen Kid, auf mich
loszugehen, mit mir zu kämpfen und dieser Kleine fing an, auf mich
einzuprügeln und ich wollte nicht zurückschlagen weil er so jung war, also
sagte ich: „Hey, ich werde dich nicht schlagen, du bist kleiner als ich.“
Aber schliesslich endete es immer damit, dass ich ihn in eine Ecke schmiss
oder auf den Boden warf und genau darauf hatten die grossen Jungs
gewartet, damit sie mich angreifen und weich prügeln konnten.
Und so lernte ich meine Freunde kennen.
Raidy und Neory waren 2 der grossen Jungs.

 

buch

Sag die Wahrheit und renn…  Steve „FluiD“ Lindauer

Steves Viertes Buch

 

  • © 2006 - Preis: CHF 20.--
  • ISBN 978-3-033-00797-0
  • Verlag: Steve Lindauer

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Inhaltsverzeichnis:
  Abschied vom Tisch
  Bachatta
  Ein Amulett gegen die Hitze
  Auf der Suche nach Gaagaa / Looking for Gaagaa
  die Sache mit der Zeit
  Steve "FluiD" Lindauer - Portrait