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die Sache mit der Zeit - Steve "FluiD" Lindauer

 

Diese Welt wird am 23. Dezember 2012 zu Ende gehen.
Das ist kein Witz.
Die Azteken haben deswegen jedes Jahr 250'000 Menschenleben geopfert. Um das Ende der Welt zu verzögern. Sie wissen schon... die Sache mit der Götterbesänftigung.
Solche und ähnliche Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich mir einen verbotenen Weg durch den Dschungel bahne, Richtung Himmel durch’s Blätterwerk, Richtung Spitze des „Tempel der Inschriften“ in der Maya Stätte in Palenque, Mexico. Als ich kurz vor dem Gipfel bin, brüllt mich plötzlich ein Sicherheitsangestellter an, der aus dem Nichts aufgetaucht ist und vor Schreck rutsche ich auf der schmalen Stufe aus und stürze ein paar holprige Meter in die Tiefe, schlage halbwegs sanft auf einer moosigen Plattform auf und rapple mich wieder hoch. Ich gucke nach oben. An meinem Schuh klebt Blut, von der Lache in die ich getreten bin und die mich zu Fall gebracht hat.
Das ist kein Witz. Für die Viertel Million Menschen, die in diesem Land jährlich ihr Leben gelassen hat, war es weissgott kein Witz. Blut wirft seinen Schatten unter dem Zeiger und es wird erst schwarz, wenn die Tagundnachtgleiche zusammenbricht.
Und all dies nur wegen der Obsession, die Zeit zu verstehen.
Die Mayas in Palenque, die Incas in Tiuhuanaco, die Bewohner des Nildeltas um Kairo, die Azteken in Zentralmexico, die Schweizer vom Juragebirge... alle mit derselben Leidenschaft und Besessenheit versehen: Zeit zu erfassen und Zeit zu registrieren. Die einen richten sich nach den Sternen. Die anderen bauen sich ihr eigenes tickendes Universum von der Grösse einer Zündholzschachtel.

Einen Mückenstich in die offene Wunde. Ich schlage jedesmal eine Sekunde zu spät zu.
„Sorry Darling...hab heute keine Zeit!“
Schon gut. Aber lass das nächste Mal das „Darling“ bitte weg, ja? Hat leider keinen Platz mehr. Keine Zeit, kein Geld. Ach, lass mich doch in Frieden.
Ich versteh die Leute nicht, die sich am Bahngleis darüber aufregen, dass der Zug Verspätung hat. Es sind dieselben Leute, die sich anschliessend im Büro beschweren, dass sie zuviel Arbeit hätten. Es macht keinen Sinn. Je später der Zug, desto weniger Zeit im Büro.

„Jedes Wort, das versucht, die Zeit zu beschreiben, ist Zeitverschwendung.“
„Sorry, Darl- ..., Moses, ich werde heute abend etwas später nach Hause kommen... ich muss da noch was erledigen... eine Schreibarbeit.“
„Schon gut. Lass Dir Zeit.“
.

Es gibt seltsamerweise auch keine Drive-Throughs für Leute, die per Autostopp reisen und alle Zeit der Welt haben, dank zwei verschiedenen Armbanduhren: am linken Handgelenk die Sonne und am rechten der Mond.

...und der Hofnarr fragte mich: „Kannst du mir mal deine Sonnenuhr leihen? Meine liegt grade im Schatten.“
Ich muss mich beeilen. Die Batterie liegt im Sterben.
Dies ist kein Witz.
Als ich das erste Mal Liebe machte, sagte sie zu mir: „Lass dir Zeit!“
Ich wünschte mir, ich hätte wirklich auf sie gehört... vielleicht wäre ich dann heute noch dran.
Die Merkker--Jury denkt: „Komm mal langsam auf den Punkt, Kleiner, ne? Wir haben hier nicht ewig Zeit!“
Das ist okay für mich.
Eine Tarantula nimmt sich schliesslich auch ihre Zeit. Sie beisst nicht einfach zu: Sie putzt zuerst sorgfältig die auserwählte Stelle, vollführt dann einen 8-fachen Kniefall, langsam, und aktiviert erst dann ihre Giftdrüsen. Alles zu seiner Zeit. Sie wachen erst auf, wenn der Schmerz soweit ist. Und wir schlagen immer eine Sekunde zu spät zu.
Aber das ist okay für uns, nicht wahr?

Die Welt geht in 11 Jahren unter. - Wo werden Sie Ihre letzten Weihnachten verbringen? Das Jahresabo des National Geographic taugt mir als Geschenk jetzt nicht mehr viel, mein Freund. Mit etwas Glück jedoch werden wir es schaffen, einen Blick in die erste Ausgabe werfen zu können. Am 24. Dezember wird die Sonne dann nicht mehr genug Licht zum Lesen spenden. Am 24. Dezember wird die Sonne gar nicht mehr aufgehen.
Es sieht so aus, als ob ich meine linke Armbanduhr verloren hätte.

Und vielleicht will ich nun plötzlich doch keine Kinder haben. Vielleicht muss ich auch nicht aufhören zu rauchen... 11 Jahre werden es meine Lungen wohl noch machen.

Noch 11 Jahre um all das zu tun was Sie schon immer tun wollten.
Alles was Sie bis jetzt noch nicht getan haben.
Alles, was Sie schon immer tun wollten.
(Alles ist nicht wenig.)

Ich glaube einfach nicht, dass man jährlich 250'000 Menschenleben opfert, ohne einen triftigen Grund dafür zu haben.
Doch sagen wir mal, die Azteken haben sich trotzdem getäuscht - oder verrechnet - und die Welt geht nicht am 23. Dezember 2012 unter. Nachdem wir 11 Jahre lang wie in Sodom & Gomorrha gewütet und der Zukunft ins Gesicht gespuckt haben.
Macht es einen Unterschied?
An jenem Tag wahrscheinlich einen gewaltigen.
Aber jener Tag ist vollkommen relativ. Zeit ist dehnbar. Wenn überhaupt etwas beeinflussbar ist in diesem Leben, dann Zeit, verflucht nochmal, wann glaubt ihr mir das endlich!
Wer vom Glauben überzeugt ist, ewig zu leben, wird über die bereits verstrichenen 50 Jahre seines Lebens lächeln. Wer meint, in 2 Wochen zu sterben, treibt sich innerhalb von 2 Minuten in den Wahnsinn.
Dies ist kein Witz. Ich meine es im Ernst. Meine Sonnenuhr liegt im Schatten, weil es mir so am liebsten ist. Ich bin im Winterschlaf... bitte wecken Sie mich erst, wenn der Bär sich mir nähert... wecken Sie mich erst in 5 min... und wundern Sie sich nicht, sollte ich plötzlich graue Haare haben. Wundern Sie sich nicht, wenn ich plötzlich nicht mehr hier bin. Doch was heisst hier schon ‚plötzlich’... Und wundern Sie sich auch nicht, wenn eines Tages selbst die Sonne nicht mehr an ihrem gewohnten Platz brennt. Vielleicht habe ich sie mir einfach zurück an mein Handgelenk geholt. Vielleicht ist sie auch von einer Pyramide verschluckt worden. Vielleicht hat sie alle beide Hände voll zu tun, das Blut und die Irrtümer der Vergangenheit aufzuwischen.

Und falls jemand mich suchen sollte – ich werde im Innern der Sanduhr zu finden sein. Der knilchige Gnom in der Nähe des Öhrs, der sich mit Händen und Füssen gegen das Unvermeidliche stemmt. Allzumenschlich, selbst im Angesicht der bevorstehenden Vernichtung. 
Und sollte nicht genug Licht vorhanden sein, weil die Sonne am 23. Dezember 2012 tatsächlich an meinem Handgelenk prangt, jedoch vom Sand im Innern der Uhr verdeckt und nicht zu sehen ist, dann haltet die Ohren offen, denn ich werde ein Lied singen, das die meisten von euch kennen. Ein Lied aus alten Tagen, als die meisten von uns noch keine Sklaven der Uhr waren. Ein Lied, dass mich immer ein bisschen traurig gestimmt hat, weil es ein unleugbares Signal dafür war, dass die Zeit wieder einmal abgelaufen war, wie ein gut verstecktes Joghurt im schlecht gekühlten Kühlschrank. Wie eine Vogelscheuche, die den guten, alten, harmlosen Spass vertreibt.
Das Lied wird von einem Panther gesungen und geht folgendermassen:

„Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?“

Den Rest kennen wir.

Und jetzt will ich mich von Ihnen verabschieden und Sie um Verzeihung bitten, sollte ich Ihre kostbare Zeit verschwendet haben.
Es ist höchste Zeit, weiterzugehen.
Man trifft sich wieder, im Frühling.
Bis dann.

   
Inhaltsverzeichnis: sag die Wahrheit und renn...
  Abschied vom Tisch
  Bachatta
  Ein Amulett gegen die Hitze
  Auf der Suche nach Gaagaa / Looking for Gaagaa
  die Sache mit der Zeit
  Steve "FluiD" Lindauer - Portrait