Ausverkauf

Eine Betrachtung über die Entwicklung auf Samana

 

Nun ist es soweit -der totale Ausverkauf von Samana hat begonnen; es wurde zum Halali auf die letzten Ecken der alten Braut geblasen, die solange schlafend auf ihre Zukunft gewartet hat, das man ihr das Dornröschen einfach nicht mehr ganz abnimmt.

Was hat sie im Laufe der Zeit schon alles erlebt, ertragen, erduldet und überlebt und welche Schicksale birgt ihr gewundener Rücken, der einst ein Eiland war und dann von der großen Mutter Hispaniola durch die schlammigen Fluten des Rio Yuna einverleibt wurde.

Christobal fand hier vor 500 Jahren keinen freudigen Empfang - als hätte der schlaue Kazike damals schon geahnt, das dieses fremdartige, große Gefährt, voll mit eigenartig gekleideten Menschen, das da direkt über die See gekommen war, nichts Gutes mit sich gebracht hat. Aber was hatte es ihm und seinem Volk schlussendlich gebracht?

Großmütig hatte Samana im Lauf der Jahrhunderte all denjenigen Zuflucht gewährt, die bei ihr um Asyl baten. Sie war Piratennest und Hurrikanhohle und mancher Gejagte hat sich in ihren Wäldern, Bergen und Tälern versteckt. Später wurde sie neue Heimat für zahllose vertriebene schwarze Brüder und Schwestern aus dem nördlichen Kontinent und von anderen Inseln der Antillen. Sie war einst Teil von Afrika oder Haiti zugleich, dann wieder das abgelegene Anhängsel der spanischen Krone und des französischen Kaisers, schwer zu erreichen und oft fast vergessen - und heute ist sie stellenweise eine französische Enklave.

Man hat ihr in den letzten Jahrhunderten ihre tiefen, alten Regenwälder geraubt und statt dessen die Coco kultiviert. Das einst wilde und undurchdringliche Samana wurde zur Idyllisch - karibischen Großplantage, zum bunten Garten Eden, zum Lieferanten für Kopra und Kakao, Cocosoel, Gummi, Orangen und Limonen. Aus den Urwaldbäumen entstanden seinerzeit Paläste und Galeeren. Auch heute noch gibt Samana seine Schätze und Reserven. All das hat sich zwar weitgehend überlebt - ihr natürlicher Reichtum ist heute meist die Last alter Männer, denn die Sprösslinge haben mittlerweile andere Ziele, als Coco, Kakao oder Kochbananen anzubauen..

Samanas Strände werden seit ein paar Jahren scheibchenweise an windige, meist ausländische Investoren verscherbelt und Samana ist zu einem Flickenteppich verkommen, aufgeteilt in lauter kleine Parzellen der Hoffnung. In ihre stolzen Hügel von Coson und deren Flanken haben in diesem Jahr die Bagger und Caterpillars tiefe Wunden gegraben, alles für den Fortschritt; planiert von Leuten, die in der Halbinsel nichts als eine lohnende Investition sehen. Samana verkommst langsam aber sicher zu einem Spielplatz der Eitelkeiten. Die Einheimischen und deren Söhne und Töchter , denen sie einst ihr Auskommen und tägliches Brot garantiert hatte, sind heute ihre Verräter. Geblendet vom schnellen Geld der finanzstarken Ausländer, verramschen sie Samana und verhökern damit eine der schönsten Regionen Hispaniolas. Die neuen Herren sind nicht ein Stück besser. Samanas einst sauberen Bäche und Flüsse werden mehr und mehr zu Kloaken, die traumhaften und fast menschenleere Strandabschnitte weichen Planierraupen und Betonmischern und die ehemals betörende Natur wird zu Vorgärten der Schönen und Reichen. Das nennen wir zynisch Zukunft.

Wenn man einen Samana - Kenner fragt, warum er seit Jahren hierher fährt um seinen Urlaub hier zu verbringen, dann bekommt man meist zur Antwort: "wegen der endlosen Sandstrände und der intakten Natur"; damit wird es bald einmal ein Ende haben, denn all die Projekte und Ressorts werden den Stränden ein völlig neues Gesicht geben. Es wird wie in Punta Cana werden, wo sich ein Hotelkomplex an den nächsten reiht. Somit wird Samana seinen großen Trumpf verlieren und in direkter Konkurrenz mit Punta Cana (Dominikanische Republik), Varadero (Cuba), Playa del Sol (Yucatan - Mexico) oder all den anderen karibischen Destinationen stehen. Alles wird der Preis entscheiden und den großen Anbietern ist es egal, wohin ihre Pauschaltouristen fliegen, denn es gehört eh bereits alles ihnen. Wenn der natürliche Charme weg ist, wird Samana völlig von den Marketingmaschinen der großen Reiseveranstalter abhängig sein - das ist die wahre "Zukunft".

Las Terrenas war früher mal ein abgelegenes Dorf, eine unbekannte Perle an der Nordküste mit Menschen, die ihr Brot mit den Früchten des Feldes und der See verdienten. Die Fischer und Bauern waren weder reich noch arm aber sie hatten ihr gesichertes Auskommen. Man war weit weg vom Puls des städtischen Lebens und hatte seinen eigenen Rhythmus. Die Halbinsel Samana mit ihren Orten Las Terrenas, Sanchez und Santa Barbara war tiefste Provinz und keiner interessierte sich groß für diesen abgelegenen Zipfel Land an der Nordküste.

Man erreichte das Dorf früher von Sanchez her über die Loma auf einem schmalen Pfad entweder auf dem Rücken von Maultieren, Pferden oder zu Fuß. Eine Fahrstrasse gab es lange nicht.

Als die ersten Blancos damals vor rund 20 Jahren die Idylle entdeckten, wähnten sie sich nicht ohne Grund im Paradies. Man war diesen Hippies und Aussteigern damals wohlgesonnen und diese suchten zu Anfang auch nicht viel mehr als ihre Ruhe, die Natur und die Abgelegenheit. Doch schon bald danach kamen andere Leute, angelockt von den wunderbaren Erzählungen vom abgelegenen Dorf hinter den Bergen. Diese waren nicht an der Beschaulichkeit von Samana interessiert, sondern daran, mit möglichst wenig Geld viel Land zu kaufen. Man glaubte damals, in ein paar Jahren das große Geld zu machen und man lockte die naiven Bauern mit wenigen Dollars und großen Versprechungen von einer goldenen Zukunft. Dies ging einige Jahre so.

Eine Strasse wurde gebaut und neue Strukturen entstanden. Einige Einheimische wurden wohlhabend, andere blieben auf der Strecke. Der Fortschritt zog ungefiltert ein und die Landschaft veränderte sich rapide.

Heute ist Las Terrenas ein vielschichtiges Weib, für die einen eine holde Prinzessin und für die anderen ein altes, verkommenes Weib. Las Terrenas ist heute 24 Stunden geöffnet, rund um die Uhr fließt der Rum in Strömen und wer am einen Ende hineinfällt, den spuckt dieses Weib am anderen Ende wieder aus - egal wie. Hier wird gefeilscht und gewettet, geweint und gelacht, hier liegen Pracht und Elend direkt nebeneinander. Des einen Freud - des anderen Leid und das ungefiltert, ohne doppelten Boden. Das Geld sitzt locker und die Mädchen sind allzeit willig und für viele Blancos billig.

Las Terrenas bekommt leider keine Chance, besser oder schöner zu werden - nein es wird nur größer. Aus der alten Hütte wird eine neue Hütte und aus der neuen Hütte wird eine Betonhütte und diese schmiegt sich links und rechts an die Nachbarhäuser und irgendwann platzt das Ganze und man setzt eins obendrauf und dann kommt der Caterpillar und walzt alles nieder und dann kommt ein hässlicher Supermarkt oder ein sinnloses Gebäude im Neokolonialstil und dann kommen ein paar neue Glücksritter und zahlen zu viel Miete und machen kurz darauf wieder zu; was solls...

Nicht das man daraus lernen würde, nein, denn auch andere haben schwarzes oder schmutziges Geld und die Immobilien - und Grundstückshaie sind sehr aktiv und rührig und locken immer neue Glücksritter mit ihren immer größer werdenden Projekten an und auch deren Millionen müssen vergraben werden und man tut was man kann; man baut weiter sinnlose Bauten für sinnlose Geschäfte und vermietet sie an hirnlose Optimisten. So entsteht ein hässlicher Ort - eine Potemkinsche Kulisse, ein Sammelsurium an kuriosen Bauten, eine stillose Kopie von überall und nichts passt zueinander und trotzdem finden viele Reisende darin was Charmantes und nennen das dann einfach "irgendwie typisch karibisch". Wie schade....!

Das Dorf ist wie ein Pilz, der überall wuchert und die unmöglichsten Formen annimmt. Verwunderlich, denn eigentlich gibt es auch hier Verordnungen und Bestimmungen aber keiner hält sich daran. Man schmiert und schüttelt die "richtigen" Hände, man verteilt Geschenke und macht Versprechungen. Das Gesetz zählt nicht - wer zahlt, bestimmt und wer kassiert, hält den Mund. Für viele Investoren der ideale Standort. Die Korruption ist der Motor dieses irrwitzigen Booms.

Dabei könnte man nebenbei so viele gute Dinge tun. Man könnte auf der Halbinsel einen Lebensraum für alle (miteinander) schaffen, man könnte den Menschen Wissen vermitteln statt ihnen ihre letzten Grundstücke mit Rum und Dollars abzuknöpfen. Man könnte ihnen durch vernünftige Projekte zeigen, das es auch anders geht. Dazu braucht es aber Investoren mit Visionen, Leute, denen dieses schöne Stück Welt etwas bedeutet und die geduldig sind und erst sähen, bevor sie ernten. Diese Ideen sind aber so bizarr, so völlig abwegig, das man von vielen Blancos und auch Dominikanern ernsthaft als irre bezeichnet wird. So was können die gar nicht fassen - das geht weit über ihren Horizont.

30.000 Menschen, davon rund 2.500 Ausländer, leben heute im Raum Las Terrenas, so viele Menschen hinterlassen Spuren. Dazu kommen noch die Touristen. Das entspricht einer Kleinstadt - und dies ohne jegliche Kanalisation oder Kläranlage. Tausende von Sickergruben füllen sich tagtäglich mit unseren Exkrementen. Lastwagen fahren herum und sammeln den Müll ein um ihn in einem abgelegenen Tal zu deponieren, weit ab vom täglichen Leben. Dieser Müll stinkt zum Himmel. Er wird nur grob sortiert - alles landet auf einem Haufen; Rohstoffe und Biomüll, Plastikabfall und Metall, Holz und Schutt.

Im Moment herrscht hier Ausverkauf, Jahrmarktsstimmung, Samana ist ein Basar und jedes Schnäppchen ist ein gutes Schnäppchen und wenn man es nicht selber macht, so tut es ein Anderer. Wo kein Kläger, da kein Richter und manche halten es wie die drei Affen - nichts sehen - nichts hören - nichts sagen.

Irgendwann, wenn der Rausch vorbei ist, kommt das Erwachen. Der Kater wird gewaltig sein und das Unglück unumkehrbar. Wenn alles verkauft ist und das bisschen Trinkgeld dafür ausgegeben, wenn die Mauern um die neuen Anwesen hoch genug sind und allen klar ist, wer wo in Zukunft Zutritt hat - dann werden sich einige die Augen reiben und den Kopf schütteln. Aber dann wird es zu Spät sein und die se tiefe Unzufriedenheit wird an der Tatsache auch nichts mehr ändern.

Bernd Appel, Playa Bonita
Samstag, 21. Juni 2003

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