![]() |
Nightshift in Las Terrenas |
![]() |
|
Ein nächtlicher Spaziergang durch das Dorf - eine Betrachtung von Bernd Appel |
|
Ich war noch eine Stunde mit dem Hund unterwegs. Wir gingen an den Bars, Restaurants und Hotels der Playa Poppy in Richtung Centro de Las Terrenas vorbei und überall am Weg bot sich das gleiche triste Bild; geschlossen, verrammelt - Totentanz. Ein paar Strandköter verbellten meinen Hund, ein paar Watchies hingen gelangweilt am Gartenzaun herum und waren gemütlich am plaudern, statt ihrer Aufgabe nach zu kommen und die Anlagen zu bewachen. In der Casa Azul gönnte ich mir einen Trago Barcello. Auch dort waren nur noch ein paar wenige Gäste, alle bereits im Aufbruch und eine der älteren Dorfhuren stand an der Bar, vertieft im Gespräch mit einem Einheimischen. Der alte, spanische Eisverkäufer kellnert jetzt dort. Seine Beweggründe für den Wechsel sind sehr einfach, wie er mir versicherte: wenig Gäste - wenig Cuba Libre - wenig Eis zum verticken - Spass muss sein. Aber seine Lavanderia hat er bereits länger geschlossen. Die neue Konkurrenz hatte nicht geschlafen und seine altersschwachen Waschmaschinen laufen heute woanders. Meine Gedanken schweifen ab - was ist los mit dieser Insel. Der Aufstieg und Fall unterliegt hier in der Dominikanischen Republik einer anderen Dynamik; was man anderenorts in Jahren erreicht oder auch ruiniert, dauert hier nur Monate oder Wochen. Die Jahreszeiten in Las Terrenas sind einfach - entweder es hat Gäste oder es hat keine....das ist alles! Im Oktober war Las Terrenas noch nie ein grosser Renner. Dieses Jahr ist es besonders traurig. Die fürchterlichen Ereignisse in den Staaten und die weltweite Angst vor einem neuen, grossen Krieg sind auf allen Kanälen im TV präsent. Die Welt hält noch immer den Atem an und der Fern - Tourismus wird von der grossen Krise in der Luftfahrtindustrie geschüttelt. Das Gespenst einer kommenden Rezession geistert in den Hirnen der Besserverdienenden in Europa und der 1. Welt herum. Schon bald beginnt hier in der Karibik die Hochsaison, aber ob es auch diesen Winter viele Menschen in die Tropen zieht, liegt mit an der konjunkturellen Lage aber vor allem daran, das die Menschen nach all dem Terror Angst vor dem Fliegen haben. Die KLM verzeichnet derzeit Einbussen von 65 % und die Swissair ist ganz am Boden. Selbst die einfachen Menschen hier haben begriffen, das die Welt derzeit besonders in Unordnung ist - man rechnet darum in der kommenden Saison mit wenig. Den hier lebenden Gringos, welche normalerweise das grosse Geschäft machen, ist es zur Zeit nicht besonders wohl. In diesem Land herrscht permanent Krisenstimmung und Knappheit. Die einfachen Menschen verdienen seit Jahren wenige Pesos. Trotz Investoren aus aller Welt und unzähligen Glücksrittern, die ihre Dineros mit vollen Händen zum Fenster hinaus werfen, bleibt nicht viel hängen. Oftmals ist es schmutziges, leicht verdientes Schwarz - und zum Teil sogar Mafiageld, ohne persönlichen Wert. Entsprechend ist das Nichtinteresse an allen Angelegenheiten, die nicht direkt etwas mit deren persönlichem Profit zu tun haben. Den Geschäftemachern ist es egal, was um sie herum passiert, solange der Peso rollt. Aus diesem Grund besteht hier auch keine grosse Hoffnung auf bessere Zeiten, denn Staat und Regierung sind hochverschuldet und machte sich eher durch Skandale und Misswirtschaft bemerkbar. Viele grosse Hotels gehören zu ausländischen Ketten - die Buchungen werden in Europa gemacht - die Hotelrechnung ist nur ein Teil des Pauschalpreises und das Geld bleibt in Europa. Ein kleiner, knapp kalkulierter Teil kommt zur Deckung der Betriebs und Personalkosten ins Land. Das sind die Schattenseiten des Pauschaltourismus und trifft besonders die Destinationen in den Drittweltländern. Die Nebenstrassen in Las Terrenas sind staubig und verlöchert - es gibt keinen Belag auf den Strassen ausser Korallen - Abraum, der sporadisch in die zu grossen Löcher gekippt wird. Wenn es ganz prekär wird, sprich, wenn die Strassen nahezu unpassierbar sind, fährt man mit dem Caterpillar darüber - dann geht es wieder für wenige Wochen. Diese Strassen verdienen den Namen Calle nicht. Es sind einfach nur verlotterte Pisten. Es war schon immer so ; mit dem Strassenbau ist hier kein Geld zu verdienen. Auch der Müll bringt keinen Peso und darum wirft mancher seinen Müll achtlos weg, wie alles, was hier nicht mehr gebraucht wird. La Vida - das Leben - hat hier andere Prioritäten. Wenn der grosse Regen kommt, schwemmt er die Strassen weiter aus und nimmt im Gegenzug den Müll mit. Manche werfen ihren Abfall bei einem Unwetter vorsätzlich in den Fluss, der mitten durch das Dorf zieht. Auch das war schon immer so, nur das man früher weniger Plastik und Metall zu entsorgen hatte. Neuerdings geht die Regierung gegen Umweltsünder vor - man schnappt sich die Grossen, was ja richtig ist. Aber auch die einfachen Menschen sollte man gezielt aufklären. Wer weiss, was der Präsident sich alles ausdenkt; fraglich ist, ob dies reichen wird - in der Regel tut es das nicht! Die Einheimischen überleben all diese Miseren auf ihre ganz einfache Art. Sie rücken zusammen, helfen sich gegenseitig aus, teilen das Wenige, was sie haben. Hunger gibt es hier nicht. Die Gringos dagegen zelebrieren hier seit annähernd 15 Jahren ihren Karneval der Eitelkeiten, meist mit fremdem Geld. Neue Ferienanlagen und Einkaufszentren werden gebaut; als wenn es nicht schon genügend leerstehende Zimmer, Häuser, Bungalows, Hotelbetten und Läden gäbe. Das spielt hier alles keine Rolle! Darum sind auch um diese Zeit fast alle Gringo - Lokale bereits geschlossen - denn eigentlich ist es eh egal. Wer soll denn die Tische und Stühle besetzen, wenn kein Feriengast da ist? Die Mieten sind horrend! Trotzdem findet sich immer ein Neuer, der hier sein Glück versucht. Nach wenigen Monaten ist dann Pächterwechsel und das Spiel beginnt von vorne. Wer von den Weissen hier hat schon grosse Lust, richtig zu arbeiten. Dafür sind die Wenigsten hierher gekommen! AuDer Charme des ehemals verschafenen Fischerdorfs weicht immer mehr. Aus dem kleinen, gemütlichen Las Terrenas entsteht langsam ein verzerrtes Abbild der ehemaligen Heimat der vielen Zuwanderer. Zwar ist man bemüht, im hiesigen, landestypischen Stil zu bauen aber an manchen Stellen des Dorfes wähnt man sich schon eher an der Cote d' Azur oder irgendwo in Italien, als in der Karibik. Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten und es ist wie bei einem grossen Puzzle. Die Playa hat man bereits der Länge nach im Griff und Dominikanische Ladeninhaber oder Restaurantbesitzer gehören hier zur Ausnahme. Anders sieht es weiter oben im Dorf aus. Da sitzen die Einheimischen vor ihren Colmados und Comedors - Hähnchengrills qualmen vor sich hin und in den Suppentöpfen blubbert Sancotcho, Reis mit Bohnen oder Pica Pollo. Irgendeiner wird es irgendwann schon noch essen und wenn es die Strassenköter sind, die tagsüber und vor allem in der Nacht auf der Suche nach etwas Nahrung herumschleichen und schnuppern. Aus den Häusern und Läden entlang der Calle Prinzipal dröhnt Merengue und Bachata - das gleiche Lied hört man sicher 10 mal die Strasse rauf und runter. Man legt hier keinen Wert auf Abwechslung. Was gerade in ist, wird gnadenlos abgenudelt. Die Qualität des Klangs ist völlig nebensächlich - nur laut muss es sein. Motoconchos schwirren wie die Bienen die Strasse auf - Strasse ab. Das geht die halbe Nacht so und die Dorfdisco ist das Epizentrum des quirligen Umtriebs. Hier lärmt alles - eine Kakophonie aus Palaver und Menschengeschrei, Motorenlärm und dröhnenden Beats aus dem Tanzschuppen. Aufgedonnerte Putas wackeln gekonnt mit ihren Hintern auf der Tanzfläche, stolzieren an der Bar oder hängen einfach lasziv herum. Anzügliche und aufmunternde Blicke werden geworfen und in ihren Augen rotieren pausenlos die Dollarzeichen. Alles was weiss - also Gringo oder Gringa - alt genug oder zumindest nicht zu alt ist, wird taxiert und angemacht; gnadenlos. "Dieme - una Cerveza !!!" ist der fordernde Standardspruch, die Mandala, das Gebet der Nacht. Wer sich hierhin begibt, ist Freiwild - ob alleine oder in Begleitung! Die einem sind fasziniert von dem Treiben, andere stösst es ab. Den Mädels ist das egal, Hauptsache, es findet sich ein Freier, am liebsten ein unbedarfter All Inklusive Touri, einer mit einem Plastikbändel um das Handgelenk. Es werden alle Register gezogen und keine Anmache ist zu derb... Zurückhaltung kann und will man sich hier nicht leisten - es geht um die Wunschliste im Hinterkopf der Putas und Sankis. Und die ist immer lang. Das Alter der Putas spielt hierbei keine Rolle - zwischen 13 und 35 ist alles präsent; Unterschiede gibt es bei den Damen wenige, nur, das die Jüngeren viel dreister sind. Alle halbe Stunde patrouilliert der grosse Polizei - Stationcar die Szene, hält kurz an: Man quatscht mit den Polizisten, macht Witze und ab und an kommt es zu kleineren Szenen, wenn sich die Putas wegen einem Gringo oder Freier in den Haaren haben oder sonst ein paar aufeinander losgehen. Die Polizisten packen sich die Kontrahenten in den Wagen und ab geht's für eine Nacht in den Dorfknast - das ist das nächtliche Ritual und hier absolut kein Beinbruch. Ansonsten ist es meist jedoch friedlich und einfach nur laut und sehr lebhaft. Das geht so bis um drei in der Früh... tagein - tagaus! Ich sitze am liebsten vor der Bomba, der kleinen Tankstelle beim Nuevo Mundo, wo der Sprit für Mopeds und Motorräder in leeren Bierflaschen oder alten Wassergallonen verkauft wird. Hier wird immer eine Partie Domino unter grosser Anteilname der Umstehenden gespielt - Nationalsport für männlichen Dominikaner nebst ihrem Faible für Hahnenkämpfe und Baseball. Man bekommt von der dicken Mama mit dem grossen Herzen eisgekühlte, grosse Presidente - Pullen und Plastikbecher oder ein Servicio - sprich eine kleine Flasche Brugal oder Barcello mit Cola und Eis. Von hier aus hat man einen guten Überblick über all das wilde Treiben und trifft immer Bekannte. Hier erfährt man alle örtlichen News, wenn man nicht beim Frisör war oder tagsüber im Internetcafé gespickt hat. Las Terrenas ist kein besonders wilder Ort. Es ist die Dominikanische Normalität. Es hat trotz allem viel Charme. Für einen Europäer ist es ein Kiez, wie es ihn früher auch überall in den Städten gab. Heute sind in Europas die Altstädte saniert und zu Flaniermeilen mit teuren Boutiquen und Edelkneipen geworden. Alles ist sauber und reguliert. So mancher Zeitgenosse kann sich aber noch an die gemütlichen Eckkneipen erinnern, in denen es manchmal hoch her ging. Dieses "Every Day Life" gibt es hier, es menschelt und müffelt, es lebt und verdirbt, es ist das pure, pralle Leben mit allen Facetten und darum ist es trotz all seiner Schäbigkeit schön. Auf dem Nachhauseweg ist es sehr still geworden an der Playa Poppy. Mein Hund ist glücklich - er lebt mit seiner Nase und Gerüche findet er hier überall. Er darf gemütlich seinen Hundehaufen setzen - es gibt noch keine Robidogs. Hoffentlich bleibt das noch lange so! |
|
Bernd
Appel im Oktober 2001
|
| Weitere Texte von Bernd Appel |