Shortstorys von Steve Fluid Lindauer

Auf der Suche nach Gaagaa

Was sich wie ein Witz anhört - Gaagaa - , ist in Wirklichkeit eine todernste Sache.
Doch dazu später mehr.

Lea sitzt hinter dem Lenkrad des 4WD Jeeps, den wir letzte Woche für 1600 RP beim Gebrauchtwarenhändler ergattert haben. In ihren Augen schimmern 2 Juwelen von gespannter Vorfreude. Irgendwo da draussen wartet Gaagaa. Wo und ob wir es finden würden, wussten wir nicht. Aber wie schon so oft zuvor, in fremden Ländern, auf der Suche nach Geheimnissen, nach der Musik, die hinter dem geschlossenen Vorhang spielt, ist Mangel an Information bei weitem nicht Grund genug, von einem Geheimnis abzulassen.
Im Gegenteil.
"Gaagaa?" Dem gesprächigen Gemüsehändler in Santo Domingo fehlen plötzlich die Worte und er konzentriert sich ausschliesslich auf seine Waagschale.
"Sowas gibts hier nicht. Das gibts nur in Haiti."
Auf der 90minütigen Fahrt von Santo Domingo nach San Pedro de Macoris säumen endlose Zuckerrübenfelder die holprige Strasse. Mir kommt plötzlich der Gedanke, dass Reisen nichts weiter als eine gute Ausrede ist, um monatelang nichts anderes zu tun, als nachzudenken. Über das Leben. Reisen ist Meditieren. Besonders, wenn man den gesamten Rücksitz für sich alleine hat...

Gaagaa ist Voodoo.

Und San Pedro an Ostern ist der richtige Ort zur richtigen Zeit. Sobald wir aus der Stadt raus sind, wissen alle wovon wir sprechen: "Die Gaagaa-Zeremonie? Na klar! 20 km die Strasse runter, dann rechts rein ins Feld."
"Und wie ist es? Das Ritual?"
"Heavy."
Heavy bedeutet soviel wie cool.

Mit der Ankunft der ersten afrikanischen Sklaven im Jahre 1520 schlug auch das Voodoo Glaubenssystem seine Wurzeln auf Hispaniola. Heutzutage ist Gaagaa das Produkt des Glaubens jener Westafrikaner und der Voodoo Religion die von den haitianischen Feldarbeitern eingeführt wurde. Diese Haitianer wohnen und arbeiten heute in beinahe identischen Konditionen auf der Dominikanischen Republik wie die Sklaven von damals.
Und sie führen ihre Rituale durch, erlaubt oder nicht.

Gegen Sonnenuntergang treffen wir in Batey Jalonga ein und werden sofort willkommen geheissen von einem älteren, pechschwarzen Mann, mit Namen Papucho. Er lässt uns schnell wissen, dass er der Zeremonienmeister ist, der Besitzer von Gaagaa.
"Seit einer Woche ruhe ich mich aus, um meine Kräfte für die nächsten 4 Tage zu sparen."
"Was wird passieren?"
"Alles mögliche. Aber meine Gaagaas sind normalerweise frei von Gewalt. Obwohl manche Geister erst zufriedengestellt sind, wenn Blut fliesst."
"Und wen suchen sich die Geister aus? In wen werden sie fahren?"
"In wen immer sie wollen."

Die Zeremonie beginnt um 19.00 Uhr. Papucho kniet vor einem ca. metertiefen Loch, um ihn herum ein halbes Dutzend weiterer Leute. Eine Schüssel wird herumgereicht und verschiedenste Nahrungsmittel werden in das Loch befördert: Mais, Limonade, Rum, Mehl, Fisch. Lea und ich werden aufgefordert mitzumachen. Papuchos rechte Hand, eine kleinere Frau mit seltsam ausweichendem Blick, umrundet das Loch mit einer Kerze in der Hand und spritzt Wasser in die 4 Himmelsrichtungen. Sie ist die Königin, die Mambo; Marisa. Schliesslich rammt Papucho einen grossen eisernen Stab in das Loch, bevor er es wieder mit Erde auffüllt. Dann wird ein Scheiterhaufen um den Stab herum aufgerichtet und angezündet. Dies ist der erste Schritt des Rituals: Die Beschwörung von Gede, dem Pförtner zur spirituellen Welt, Herr der toten Ahnen und Hüter der Friedhöfe. Er sorgt dafür, dass der Weg für die anderen Geister, die noch kommen werden, geebnet ist.
Kurz darauf setzen die Trommeln und Pfeifen und Blasinstrumente ein. Ein Dutzend Musikanten heizt den gut 50 Leute ein, unter einem perfekten Vollmond, der das ganze Szenario in ein unwirkliches Licht hüllt; die tanzenden Leiber, die wogenden Zuckerfelder, die Holzhütten, der Staub - bis der Regen einsetzt und die Menge sich unter eine Strohüberdachung begibt.

Das flackernde Licht der Kerze, Papucho schwingt von links nach rechts, leitet die Zeremonie um die Flamme herum, zu seiner Linken die Mambo Queen, gefolgt von den Bläsern, die schwarzen Gesichter mit glitzerndem Schweiss bedeckt, richten sie ihre seltsamen Trompeten auf den Boden und blasen den Rhythmus der endlos von den Trommeln getragen wird, über das Strohdach hinweg, auf die Felder hinaus, in die Hüften und Herzen der Anwesenden. Papucho zieht und lockt, mit beiden Händen über den Boden streichend ohne ihn zu berühren, den ersten Geist beschwörend und ihm gegenüber die Bläser und Trommler allesamt auf den Fleck am Boden konzentriert, die Musik auf die Stelle pumpend wo Papucho den Kontakt herzustellen sucht.
Dies ist pures Afrika.
Die ganze Gruppe bewegt sich aus der Bedachung hinaus unter den freien Himmel. Dann über einen schlammigen Platz hinweg auf die Strasse, pro Minute einen Meter weiter. Das ganze Dorf tanzt mit, vibriert, singt in Creole und reicht Rum von Hand zu Hand, ohne Unterbruch. Kurz vor Mitternacht hören wir plötzlich Schreie und die Menge kreischt auf - der erste Geist hat sich manifestiert. Die Schreie kommen von einer jungen Frau die zuckend zu Boden geht. Kurz darauf fällt der Strom aus. Die Menge stösst einen weiteren Schrei aus. Papucho und Marisa knien sich zu der Frau nieder, legen ihr die Hände auf die Stirne, versuchen zu erkennen, welcher Geist von ihr Besitz genommen hat. Es ist Erzulie Dantor, eine weiblicher, matriarchalischer Schutzgeist, welcher im Voodoo Pantheon von der Schwarzen Madonna repräsentiert wird. Papucho zieht das entsprechende Tuch aus seinem Bund und knüpft es der Frau um den Oberarm. Jeder Geist hat seine Lieblingsfarben. Die Frau stösst weiterhin seltsame Laute aus, zuckt und windet sich am Boden, rollt mit den Augen... die Musiker stehen um sie herum und spielen manisch weiter, alles auf den besessenen Körper gerichtet. Solange bis Papucho ein Zeichen gibt und der Frau auf die Beine hilft: Der Geist hat den Körper verlassen und die Frau stützt sich erschöpft an die beiden Zeremonienmeister. Das Tuch wird von ihrem Arm entfernt und am Boden verbrannt.
So geht es weiter. In den nächsten 2 Stunden werden mehrere der Anwesenden von Geistern in Besitz genommen. Jung und alt, hauptsächlich Frauen. Manche essen brennende Kerzen oder Glasscherben. Andere werfen sich auf den Boden, hämmern mit dem Kopf gegen Holzpfähle, halten die Hände ins Feuer. Schmerz scheint nicht mehr zu existieren.
Bis die Zeremonie gegen 2 Uhr ein jähes Ende nimmt: Ein Streit unter zwei Männern bricht aus, zuerst fliegen Flaschen und Steine, dann Messer und Macheten. Einer hackt dem anderen den kleinen Finger der linken Hand ab. Schliesslich stürmt ein dritter aus seiner Hütte, in der Hand einen Revolver. Er feuert 2 Schüsse in die Luft und setzt damit dem Streit und der Zeremonie ein Ende.
Ich stehe etwas abseits, an einen Baumstamm gelehnt. Der junge Haitianer neben mir sagt grinsend: "Typisch."
Ich schaue ihn fragend an. "Ich dachte, die Gaagaas hier seien meistens friedlich."
"Friedlich? Haha! Wer hat dir denn das erzählt?"
"Papucho."
"Papucho? Der sollte es aber besser wissen. Seltsam..."
Dann zündet er sich eine Zigarette an und entfernt sich. Bevor er ganz von der Dunkelheit verschluckt wird, trägt die Nacht ein Murmeln an mein Ohr:
"Aber vielleicht war es ja gar nicht Papucho, der zu dir gesprochen hat..."