Ein Amulett gegen die Hitze

Story von Steve Fluid Lindauer

 

"Was will sie?", mein Freund Adi "Vlad Tepes" schaute mich etwas verstört an. Vor ihm stand ein Mädchen der Pubertät, klein und mit grossen Augen.
"Eine deiner blonden Locken," antwortete ich.
"Ach so!" Vlad wandte sich mit einem Lächeln und einem Schulterzucken wieder der Kleinen zu.
"Wenn's nur das ist..." Er grub seinen Dolch aus dem Rucksack und schnippte sich kurzerhand eine Strähne vom Kopf.
Wir sahen der Kleinen nach wie sie im gleissenden Goldlicht der Spätnachmittagssonne davonrannte, zwischen satten grünen Bäumen hindurch, die blonde Locke fest in der Faust am Ende des ausgestreckten Armes, wie eine Squaw, die von ihrem Vater der soeben von einer Stammesfehde zurückgekehrt ist, ihren ersten Skalp als Trophäe geschenkt bekommen hat.
Für Vlad war es das erste Mal, dass er die Karibik besuchte und er war sichtlich am Leiden. Der Schweiss lief ihm in Strömen runter. Sein schwarzes Sepultura Shirt klebte ihm nicht nur am Rücken, sondern am gesamten Oberkörper, die schweren Schuhe heizten den Füssen ein und seine schwarzen Manchester Hosen hätte ich nicht für 100 Pesos in dieser Hitze anprobiert. Aber er beschwerte sich nicht. Im Gegenteil, er packte sich seinen prallen Wolfshaut Rucksack auf den Buckel, wischte sich die Fluten aus den Brauen und setzte sein dämonischstes Grinsen auf: "Vamonos, compadre. Der Teufel kann nicht mehr weit sein bei dieser Hitze."
Vlad war ein Heide wie er im Buche stand. Ein Vikinger aus vergangenen Zeiten. Hochgewachsen, hager, lange blonde Haare, keltische Tätowierungen an Rücken und Unterarm, roter Bart, keltische Amulette, einen kleinen Altar in den Schweizer Wäldern um Zürich herum, zärtlich religiöse Verehrung der Schönheit der Elemente, der Natur, des Windes, des Wesentlichen, des Wisperns der Jahreszeiten; keinen Götzendienst, nur ein einfacher Mensch der einer ursprünglich-wesentlichen Stimme gefolgt ist die nicht von jedem vernommen wird. Jemand der sich Jahr für Jahr auf den Herbst freut, lange Waldspaziergänge im Laub des Novembers, zitternde Zweige als Ausgleich zum doppelzüngigen Christentum. "Die Dunkelheit stimmt feierlich" zitiert er oft Euripides und schrieb mir vor ein paar Jahren Postkarten vom Loch Ness wo er wochenlang alleine campierte, Postkarten komplett in Runenschrift, ich hab nie ein Wort verstanden von dem was er mir niedergeschrieben hatte, aber das machte nichts, ich war mir sicher, es waren gute alte mystische Worte mit einem Schuss Brüderlichkeit. Vlad war "quite a character" wie mein Freund Fonzie in Hollywood sagen würde. Ich kannte niemanden der auch nur annähernd so war wie er. So anders, so sehr besonnen auf uralte europäische Traditionen, auf Nebel und Schamanen, auf Waldgeister und Elfen...und ich hatte in meinen 6 Monaten auf der Dominikanischen noch niemanden gesehen der mir so falsch am Platz erschienen war wie mein guter alter Schulfreund Vlad. Ein Druide in der Karibik. Während ich ihn so betrachtete wie er im Parque Central in La Romana mit seinem Rucksack hadderte und sich die Seele aus dem Leib schwitzte wie ein Eisbär in der Hölle, konnte ich mir ein lautes Lachen nicht verkneifen.
"Haha! Mann Vlad, du solltest dich sehen, echt! Zum Brüllen! Sowas gibts hier kein zweites Mal!"
"Ja, weisst du, ich muss doch denen zu Hause erzählen wie das hier ist in der Karibik, wenn ich schon mal die Möglichkeit habe meinen Rucksack zu packen um ferne Länder zu bereisen. Weisst ja wie es ist."
"Oh ja, da bin ich mir sicher."
Ein weiterer auffallender Charakterzug Vlads war, dass er einen umwerfenden und ziemlich ausgefallenen Sinn für Humor hatte. Oft verbrachten wir ganze Tage ohne ein ernsthaftes Wort zu wechseln. Wir ergaben uns in endlosen Gesprächen die dermassen klischiert waren, dass kein Aussenstehender jemals fähig war, auch nur einen Deut von dem was wir da rausliessen, zu verstehen. Wir beide hatten eine Vorliebe für brutale Horrorfilme, eine Faszination für das kranke Ende des menschlichen Geistes, für Eingeweide und Serienmörder, für Rock und Punk, was sich ausführlich in unseren Unterhaltungen niederschlug. Dies natürlich alles im gesunden zynischen Rahmen - Vlad würde es nicht übers Herz bringen irgendein Herz zu brechen oder eine Ameise zu zerstampfen. Manchmal hilft es, sich das Perverse vor Augen zu halten um sich daran zu erinnern, wie man nicht werden will.
Wir waren also in La Romana und meine Mutter und ihr Freund wurden langsam ungeduldig, sie warteten im Auto keine 100m entfernt und drückten in immer kürzer werdenden Abständen auf die Hupe des kleinen miserablen Fiat Unos den sie sich gemietet hatten um diese Insel zu erkunden. Sie waren ebenfalls auf Besuch, unabhängig von Vlad und es war ihr zweiter Tag im Lande, wir waren unterwegs von Santo Domingo nach Punta Cana, wo sie sich eine Woche lang den Komfort eines Iberostar Resorts gönnen wollten um danach die restlichen 10 Tage mit mir auf Roadtrip zu gehen. Aber erst mussten sie mal ins Resort und Vlad und ich waren sozusagen die Eskorte. Nur um sicherzustellen, dass die beiden auch heil in Punta Cana ankamen und nicht unterwegs irgendwo in einem Merengue Schuppen hängenblieben, mit grossen Rumgläsern in der Hand auf den Tischen tanzend - meine Mutter hatte da so eine Art...
Es war 17.00 Uhr und wir waren bereits wieder am Trinken, grosse kalte Presidentes, während wir mit Ächzen und Stöhnen auf unsere Sitze im hoffnunglos überladenen Fiat kletterten. Meine Mutter hatte ihre Koffer mit der Gründlichkeit eines Englischen Aristokraten gepackt, mit der Absicht, eine 9-monatige Afrika Expedition abzuspulen. Ich glaube, sie hat sogar Toilettenrollen aus der Schweiz mitgebracht..."man weiss ja nie...." (vielleicht was das sogar meine Schuld, denn ich hatte ihr in einem Email mal spasseshalber geschrieben, dass ich mir hier den Hintern mit Palmenblättern abwische.)
Während Hans sich am Lenkrad die Ehre gab, hatte man mir den Lotsensitz zugewiesen. Vlad und meine Mom teilten sich die Rücksitze mit 2 überdimensionalen Koffern.
Das Leben war grossartig. Wir hatten Bier, wir hatten Sonne, wir kurvten mit 80 Sachen durch die Karibik. Ich schrie regelmässig vor Lebensfreude aus dem Fenster, sehr zur Belustigung der zahllosen Strassenverkäufer, die gärenden Fisch, Kokosmilch und ganze Wohnungseinrichtungen entlang der Strasse feilboten. Ich hatte keine Ahnung ob wir überhaupt auf dem richtigen Weg waren, aber es fühlte sich alles so richtig an, dass ich mir darüber keine weiteren Gedanken machte.
Bis es nächtigte und wir noch immer nicht in Punta Cana waren.
"Hör mal, Steve, jetzt nimm diese Karte in die Hand und finde raus wo wir sind." Hans wurde langsam ungeduldig.
"Und gib mir diese Flasche, ich brauch jetzt selbst einen Schluck."
"Also gut. Kein Problem. Alles unter Kontrolle....gib mir nur einen Moment, ich werd dir gleich sagen wo wir sind....also....wir sind.....hmmm....also, wie hiess das letzte Ortsschild doch gleich?"
"Da war kein Ortsschild", tönt es aus den hinteren Reihen.
"Nur ein paar fahle Grabsteine im silbernen Licht und ruchlose Meuchelmörder auf der Suche nach schwarzem Blut..." Vlad hatte sein eigenes Bier.
"Also, ja, lass mich mal sehen...also...wir sind....hmm....wir sind irgendwo zwischen Higuey und Samana...."
"Was? Wo??" Hans wusste nichts mit meiner Information anzufangen.
"Also...ähem...wir sind....nun ja....ich würde meinen....wir... wir sind hoffnungslos am Arsch. Ich habe keine Ahnung wo wir sind."
Hans trat auf die Bremse und ich versuchte mich in meinem Sitz zu verstecken.
"Was soll das heissen? Wir haben uns verfahren?"
Mir gefiel sein Unterton nicht besonders.
"Nun....ja....sieht so aus", hörte ich mich selbst kleinlaut murmeln. Dann griff ich nach der Flasche, um das Gleichgewicht wieder zu herzustellen.
"Ja, also...tut mir echt leid, aber irgendwie...irgendwo haben wir was verpasst, naja, tut mir leid, wirklich, ich dachte, wir fahren einfach immer geradeaus bis wir ans Meer kommen. So schwer kann das doch nicht sein."
Hans warf mir einen kurzen Blick zu und liess dann den Motor aufheulen. Es war keine weiteren Worte mehr nötig.
"Und wie gehts nun weiter?"
"Also, ich würde sagen wir drehen um und -"
Hans fiel mir ins Wort: "Nein. Du bist entlassen. Gib die Karte deiner Mutter. Und gib mir das Bier."
Ich gehorchte und setzte ein schuldbewusstes Gesicht auf. Alles was ich wollte, war dass die beiden einen wundervollen Urlaub in der Karibik verbrachten. Dass wir eine lockere Spritztour unternahmen und gesund und munter im Resort ankamen. Dass uns der warme Fahrtwind durchs Haar rauschte während wir unsere Ellbogen in die honigartige Nachmittagssonne hängten und rechtzeitig fürs Abendessen an einem weissgedeckten Tisch im Iberostar erschienen, frisch geduscht und mit der zufriedenen Genugtuung des rechtschaffenen Reisenden. Aber nicht einmal das brachte ich zustande. Man hatte mir vertraut und ich hatte versagt. Ich war zu nichts zu gebrauchen. Meine Ex-Freundin hatte Recht gehabt. Ich widmete mich wieder der Flasche und starrte aus dem Fenster. Das Leben war unfair.
Doch als Hans den Wagen schliesslich wendete und den Staub unter den Rädern emporfauchen liess, zwinkerte er mir zu und lächelte in die Nacht. Ich war froh darum, drehte die Musik etwas lauter und zündete mir eine Zigarette an. Das Leben war grossartig. Am Firmament glühten dieselben Sterne die Kolumbus schon damals den Weg gewiesen hatten. Nun konnte nichts mehr schiefgehen.
Kurz vor 22.00 Uhr kamen wir schliesslich an. Der Plan war, dass Vlad und ich eine Nacht hier verbrachten und morgen weiterzogen, zurück nach Santo Domingo, zurück ins Chaos. Mom und Hans würden für die Unkosten aufkommen, schliesslich konnte ich mir bei meinem mageren Lehrerlohn unmöglich eine Nacht im Iberostar leisten. Und Vlad schon gar nicht. Seine Währung waren Buchenrinde und Tannenzapfen. "Thor wird mir einen Blitz ins Gesicht schleudern wenn er mich hier in diesem kapitalistischen Sündenpfuhl erwischt", raunte er mir zu, bevor einen schnellen Blick über die Schulter warf. Wir waren noch immer mit dem Ausladen beschäftigt als plötzlich ein Geschenk der Götter auftauchte: Ein riesiger gelber Car randvoll mit europäischen Touristen. Zuerst fluchten wir, denn wir sahen uns bereits am Ende einer langen Schlange vor der Rezeption zugeschüttet mit ohrenbetäubendem Gequäke seichter Nord-und Zentraleuropäer. Die Touris strömten aus dem Bus wie Ameisen aus ihrem Haufen nachdem der Regen eingesetzt hat. Emsiges Treiben erfüllte den Parkplatz, Leiber stürzten über Gepäckstücke, Knöchel verstauchten sich, kleine Schwestern wurden zur Seite geschubst; niemand schenkte uns Beachtung. Wir waren mit Moms Koffern beschäftigt, zerrend und stossend, leise fluchend, mit Zigaretten in den müden Mundwinkeln. Dann plötzlich erscheint diese Fee, eine Angestellte des Hotels, freundlich lächelnd, mit einem Bündel Plastikarmbänder - die Eintrittskarten ins Iberoparadies. Am Fusse der enormen Eingangstreppe machte sie Halt und räusperte sich, um die Aufmerksamkeit der Ameisen zu bekommen: "Welcome to Iberostar!"
Die Bleichgesichter drehten sich ihr zu. Einer nach dem anderen strömten sie Richtung Rezeption wie willenlose Wesen die von ihrem Meister gerufen worden waren und jeden einzelnen fragte die Fee im Vorbeigehen: "All inclusive?"
Worauf zumeist mit einem stumpfen Nicken geantwortet wurde und ruckzuck glänzte das magische Armband am käsigen Handgelenk. "All inclusive?" - Nicken. - Drin sind sie.
Vlad und ich warfen uns einen Blick zu. Und im nächsten Moment stürmten wir in den Ameisenhaufen, stellten uns dumm, stellten uns hinten an bis wir selbst an der Reihe waren: "All inclusive?" - "Yes! Eh - jaja! Si, si!! Hoho...!" wir stiessen uns gegenseitig in die Rippen wie idiotische kleine Schuljungs die sich mit aufgeklebten Bärten beim Dessertschöpfen in der Skilagerkantine ein zweites Mal hinten anstellten.
Aber es funktionierte. Vlad, der Schlächter und ich bezahlten keinen Cent für den Luxus des Iberostars.
"So wütend können deine Jungs da oben nicht sein", sagte ich zu Vlad und machte mit dem Kopf eine Bewegung Richtung Himmel.
Das Zimmer das Hans und Mom im voraus gebucht hatten, war gross genug für 4 Personen, bei weitem: es enthielt 2 Doppelbetten sowie eine riesige Couch in L-Form.
Während die beiden Erwachsenen ihren Check-In abwickelten, suhlten Vlad und ich uns bereits in turmhohen Lehnstühlen mit fetten Cuba Libres an den Lippen, mit dem Blick frei auf stramme Schenkel und kurze Röcke, mit dem vielsprechenden Rauschen der Ewigkeit in den Ohren, die göttlich warmen Wellen des Ozeans der sich wie ein schnurrendes Kätzchen ans Fussgelenk des Strandes schmiegte.
Vlad fing manch argwöhnischen Blick ein, doch er konterte mit Gleichgültigkeit und Zufriedenheit und liess sich nur einmal zu einem eisigen Gegenblick mit zugekniffenen Augen hinreissen, was jedoch ausreichte um einen wahren englischen Aristokraten, der sich für einen Afrika-Expeditionsleiter hielt, sich seiner Werte zu besinnen und den Tisch zu räumen und seine unterkühlte Geliebte am Arm zu nehmen und sie kopfschüttelnd in sicherere Gefilde zu führen. Wahrscheinlich hielt er uns für amerikanische Spione, von seiner eifersüchtigen Frau zu Recht angeheuert um obskuren Liebschaften in der Karibik auf den Grund zu gehen. Doch dem war nicht so und deshalb bestellten wir uns 2 weitere Drinks. Ich entschloss mich für einen Whiskey ohne Eis und Vlad - selbstredend - für einen Bloody Mary. Frisch gestärkt packten wir Moms Koffer auf unsere rechtschaffenen Schultern und trugen sie schweigend in unsere Höhle, wie stumme, still leidende indische Elefanten. Die nächste Fütterung würde bald stattfinden, der Tag neigte sich zu Ende.
Mit Vlad im Rücken wie eine bösartige Fledermaus setzten wir uns eine gute halbe Stunde später an die Bar. Mom und Hans gaben sich im Hotelzimmer den Freuden der Zweisamkeit hin und wir waren einsichtlich genug, dies zu respektieren. Ausserdem hatte die Bar weitaus mehr zu bieten als ein nettes Hotelzimmer. Gewisse Dinge ändern sich nie.
Vlad bestellte einen Orgasmus, bekam ihn nicht und gab sich mit einem Cuba Libre zufrieden. Er schlich um die Tische wie ein Wolf auf Nahrungssuche. Ich wusste nicht, was genau er suchte. Wohl kaum ein Mädchen, solche Dinge standen nicht zuoberst auf seiner Speisekarte. Mädchen waren Prinzessinnen. Prinzessinnen fand man nicht in einem Touristen Resort in Punta Cana. Wahrscheinlich wollte er herausfinden, wie betrunken die Leute wirklich waren, ob sie wirklich die Sau rausliessen oder ob sie sich noch immer zurückhielten. Auf jeden Fall kreuzte er schon bald wieder auf, mein Freund, die Hyäne, mit warmen Blick im Antlitz und nacktem Leder auf den triefenden Poren.
"Lauter Zombies hier. Lass uns ein paar Jungfrauen schlachten und den weiteren Verlauf aus einem christlichen Eingeweideschauer lesen."
"Okay. Tönt gut. Bin dabei."
Vlad liess sich neben mir nieder. Seine roten Augen suchten die Meute ab. Schliesslich meinte er: "Hier gibts keine Jungfrauen. Nicht eine einzige. Die Römer waren bereits hier."
Noch bevor ich etwas erwidern konnte, quetschte sich eine fette Frau zwischen uns. Sie schob mich beiseite und starrte Vlad unverholen an.
"Sowas hätte ich hier wirklich nicht erwartet. Ein echter Arier in diesem Saustall."
Vlad stellte seinen Drink ab.
"Wie bitte?"
Sein Eispickelblick verunsicherte sie für einen Moment, doch sie fing sich schnell wieder.
"Naja, Sie wissen schon. Ein echter Mann unter all den Affen."
Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen und schielte kurz zu Vlad rüber. Ich hatte keine Ahnung wie er reagieren würde. Ich selbst hatte Lust der Alten meinen Drink in die Augen zu spucken.
Doch Vlad regelte die Sache auf seine Weise. Er brachte sein Gesicht gefährlich nahe an das ihrige, bis sich ihre Nasen beinahe berührten.
"Jetzt hör mir gut zu, denn ich werds dir nur einmal sagen. Meine Seele ist schwarz, meine Eltern sind schwarz und mein Herz ist schwarz. Ich bin ein Albino, ein Missgeschick der Natur. Mein Wesen ist schwarz und damit meine ich die schwarze Rasse. Ich bin schwarz. Ich liebe schwarz. Es gibt keine Arier, nur kranke Fanatiker. Wenn du willst, zeige ich dir meine Katze. Sie hängt an der Telephonschnur im Zimmer 666. Sie hat gemiaut als im Discovery Channel ein Bericht über Hitler lief. Sie hat im falschen Moment gemiaut. Ich konnte mich nicht zurückhalten. Es tut mir leid."
Er nahm einen Schluck von seinem schwarzen Drink. "Du hast ebenfalls im falschen Moment gemiaut." Die Nasen waren sich erneut nahe.
Er stellte seinen Drink wieder ab. Dann hob er seinen Kopf und schaute mich an, mit einer Haltung die verlauten liess, dass er genug gesagt hatte und nun mir das Wort übergab.
Ich räusperte mich und legte der Frau sanft meine Hand auf die Schulter.
"Wenn du noch einmal einen solchen Bullshit auskotzst, dann schick ich dir ein paar haitianische Misanthropen auf den Hals die deine Arierscheisse mit Macheten kurzhacken werden." Ich schenkte ihr mein goldigstes Lächeln.
Die Frau stiess einen erschrockenen Laut aus ihrem knotigen Leguanenhals aus und rollte sichtlich angeschlagen davon, jedoch nicht ohne noch zweimal verstört zurückzublicken.
Vlad machte seinem Namen alle Ehre und schleuderte flammende Holzpfähle in Richtung ihres Herzens.
Erst als sie aus unserem Blickwinkel verschwunden war, kehrte er sich wieder der Bar zu und schaute mich mit einer Mischung aus Traurigkeit und Wut an: "Also ehrlich, sowas gibts doch nicht."
Ich konnte ihm nur zustimmen. Und ich wusste nun, dass es auch für einen friedliebenden Menschen wie Vlad Grenzen gab.
5 Minuten später schauten wir uns unverwandt an und brachen in schallendes Gelächter aus.
"Meine Seele ist schwarz! Haha! Das glaubt ja kein Schwein! Ah-haha! Mann, der hast du's aber schön gegeben, haha! Ich bin ein Albino!! Hahaha!!"
"Ahaha!! Nein ehrlich! Haitianische Misanthropen! Wo hast du denn den Scheiss her!! Meine Güte, hast du ihr Gesicht gesehen!!"
"Hahahaha!!!"
Vlad lachte Tränen und mir ging es genauso. Hier waren wir also, in einem typischen Touri-Resort, halb besoffen, mit Gratis-Drinks in unseren Fäusten, alles umsonst, all inclusive, wir zwei betrügerische Idioten: der Strassenpunk und Rotweinpoet fern der herzergreifenden Melancholie Buenos Aires' und der norwegische Eiskönig, im Herzen seine Fichtenwälder vermissend und mit Gwin App Nutt im Bunde - in der Karibik und wir schlugen uns mit rechtsradikalen westdeutschen Irrgeistern rum, während die Piratenbrise die Kokosnüsse liebkoste - die Absurdität der Umstände war weiss Gott zum Lachen. Wir bestellten weitere Drinks und wagten uns auf die Tanzfläche, sehr zur Unterhaltung der lokalen Salsagöttinnen.
Nachdem wir genug Zehen zertrampelt hatten, beschlossen wir, dass die Nacht erst so richtig begonnen hatte.
Ein Hotelshuttle, ähnlich der Gefährte der Golfcaddies im angelsächsischen Amerika brachte uns in den nächsten Iberokomplex. So weit, so gut, hier sah alles gleich aus. Wir einigten uns auf die 50ies Bar und bestellten Drinks mit unserem Plastikbändel während Bruce Springsteen über die 80er Jahre jammerte. Das Leben war grossartig. Kostenlose Drinks, Bruce, Billardtische, die ganze Nacht zum versauen frisch ausgebreitet vor uns.
Wir bestellten und bestellten und waren noch immer halbwegs nüchtern. Nach dem 4. Cuba Libre stieg ich auf puren Rum um. Ich wollte endlich die Kugeln daneben schiessen, wollte mich Kugeln vor Lachen, wollte dem Schicksal ins Gesicht lachen, wollte über mich selbst lachen. Wie Hemingway schon sagte: "Sometimes a man needs to get drunk to spend time with his fools."
Die 50er Jahre waren so gut wie ausgestorben. Ausser Dracula und mir trieben sich nur ein paar wohlbeleibte amerikanische Teenager auf dem Friedhof rum. Wir forderten sie zum Spiel heraus. Die typischen fetten selbstgefälligen Amerikaner. Ein junger Kerl in meinem Alter, um die 20 herum, mit seiner jüngeren Schwester. Jedoch ziemlich wohlgesinnt die beiden, ehrlich gesagt mussten wir unsere Vorurteile schon bald revidieren und unter dem konstant anschwellenden Gewicht des Rumumhangs wuchs schon bald eine gegenseitige Zuneigung und hier waren wir also, Amerika und Europa und Europa während seiner Inquisition. Mittlerweile war es bereits nach Mitternacht, Vlad hatte die Geisterstunde verpasst, obwohl er sich dessen wohl kaum bewusst war: Er hing wie ein toter schottischer Priester an der Bar und spielte mit Schwefelkopf Streichhölzern. Amerika und ich kämpften nach wie vor um die Löcher im Tisch und übergingen dabei manch internationale Regel.... - aber hey! Schliesslich waren wir hier im Urlaub! Wir befanden uns in der Freizone, keine Regeln, keinen Stress, keine Mahnfinger! Der Alkohol floss in Strömen und schon bald beschlossen wir, die 50er Jahre zu verlassen und stattdessen im Hause Amerikas das WM Spiel Schweden - Senegal zu verfolgen.
In die Höhle des Löwens also. Vlad knurrte und schnappte nach Eulen, aber Amerika drückte ihm ein paar kameradschaftliche Biere in die Klauen und schon bald war auch dieser Weg geebnet. Es war die letzte Nacht Amerikas. Amerika wollte einen draufmachen und wir schienen gerade rechtzeitig gekommen zu sein um dieses Vorhaben zu unterstützen. Auf jeden Fall liess Amerika nichts unversucht um uns von der Partyseite des Lebens zu überzeugen. Wir betraten Amerikas Höhle und als ersten Freundschaftsbeweis prügelte der wohlbeleibte Teenager seinen jüngeren Bruder aus dem Schlaf und schüttete der jüngsten Schwester einen Krug Wasser übers Gesicht, um uns dann im selben Atemzug den beiden vorzustellen, so als ob dies eine angemessene Art wäre, neue Freunde in die Gunst der Familie einzuweisen.
"Das hier ist Steve, ein irrer Schweizer, den ihr lieben werdet und dies hier ist, nun, ja, dies hier ist ein - , wie heisst du eigentlich? - was?? - also dies hier ist ein schwedischer Indianer bevor die Indianer ausgerottet wurden.... - ist das richtig?", mit einem Blick zu Vlad der sich aus lauter Scham hinter einem Vorhang aus blondem Haar versteckte.
"Jaja, das ist okay so. Aber sag mal, willst du nicht - also ich meine - tut mir leid, dass wir euch so mitten in der Nacht wecken, ich meine, es war nicht meine Idee - das mit dem Wasser und der Lärm - tut mir wirklich leid, wir sind hier nur auf Besuch und euer Bruder hier - hey sag mal, bist du eigentlich okay?" er wandte sich an den kleinen Bruder. Dieser nickte bloss und brachte keinen Ton heraus.
Stattdessen ergriff Mr. Amerika wieder das Wort.
"Hey Mann, mach dir keine Sorgen, die hier sind cool." Mit diesen Worten drosch Amerika dem Kleinen die Rechte in die Rippen, worauf dieser sich kurz schmerzverzerrt unter der Bettdecke verkroch, sich dann jedoch schnell wieder erholte und seine ganze Aufmerksamkeit Vlad widmete, wie seine Schwester übrigens auch.
"Wow, du bist also aus Skandinavien? Du isst Bären und solches Zeug, nicht wahr?"
Vlad warf mir einen kurzen Blick zu, den ich sanft nickend bestätigte. Dann antwortete er.
"Ja, das ist richtig, mein Sohn. Bären. Und Säbelzahntiger."
Der Kleine kam ins Schwitzen:
"Säbelzahnwow! Er knuffte seine Schwester in die Seite. "Siehst du! Ich habs doch schon immer gewusst! Die Skandinavier sind die wahren Teufelskerle! Die fressen Eisberge und Sägezahntiere!"
Auf dem Bildschirm schossen die Afrikaner ein Tor während sich die Schweden fragten, was zum Teufel sie hier bloss verloren hatten.
"Nun ja..." erwiderte Vlad, "vielleicht nicht ganz so extrem..."
Doch als sich die Enttäuschung auf dem Gesicht des Jungen abspiegelte, fügte er schnell hinzu: "Aber wir trinken Pinguinblut und kleiden uns in frisch abgezogenen Eisfuchsfellen. Manchmal übernachen wir auch in ausgeweideten Pottwalen, wenns draussen wirklich kalt ist. Du weisst schon. An Neujahr undso."
Der Kleine begann wieder zu strahlen.
"Siehst du! Ich habs gewusst! Es ist wahr! Der Herr der Ringe ist nicht bloss eine Geschichte! Es gibt sie tatsächlich! Die Barbaren leben!"
Vlad runzelte die Stirne. Herr der Ringe? Barbaren?
"Du meinst wohl die Kelten."
"Kelten, Barbaren, Goten! Sie alle leben! Und du bist einer von ihnen!"
Er schmiss seiner noch immer leicht schläfrigen Schwester ein Kissen ins Gesicht.
"Siehst du! Es ist nicht so wie Mutter immer sagt! Es gibt auch noch andere neben dem Christentum!"
Vlad warf mir einen erstaunten Blick zu.
Der Kleine fuhr weiter, während sein älterer Bruder, Amerika, mich zu einem Bier und zur Anteilnahme am Fussballspiel zwang. Mir wars recht. Im Hintergrund hörte ich den Kleinen weiterfaseln: "Konstantin, der erste christliche Kaiser war der grösste Lügner seiner Zeit! Aber er hat es nicht geschafft, die Mythen auszurotten!"
Vlad warf mir einen letzten Blick zu, mit hochgezogenen Augenbrauen: "Hey Steve, dieser Junge ist in der Tat aussergewöhnlich." Dann wandte er sich mit einem väterlichen Ausdruck und ehrlichem Interesse dem Kleinen zu. Während die Schweden sich die Beine müde strampelten und meine Augen langsam zufielen, hörte ich, wie Vlad sich erhob und nach einem ausgiebigen Schluck langsam sein wahres Ich ausbreitete und sich den Kleinen vornahm, mit nachsichtiger Geduld:
"Nun denn. Setz dich mal hierher, komm ein bisschen näher, mein Freund. Du scheinst mir beflissen zu sein auf dem Gebiet der Vielgötterei. Hast du schon jemals etwas vom Kult des Osiris gehört? Und was hältst du von den Lügen Eusebs?"
"Also, Osiris sagt mir nichts, dass muss ein Grieche gewesen sein, oder irgendsowas, ein Persier....aber Euseb, also Euseb ist einer der schlimmsten Geschichtsverfälscher seit es Geschichte gibt und wenn es okay ist, dann gib ich dir gern meine eigene Meinung zu ihm...
"Nur zu, mein Freund, nur zu....", mit verschränkten Händen und einem Gemüt so geduldig wie Kerzenwachs.
Bevor ich komplett abtauchte, glaubte ich Sirenengesänge zu vernehmen und das letzte an das ich mich mit Sicherheit erinnern konnte, waren Vlads strohblonde Haare die im Licht der Fussball WM beinahe golden die Mitte des Zimmers markierten.
Dann überspülte mich die gleissende Weisheit des Schlafes. Und im Vergleich dazu gibt es nichts besseres. Wie ein Tod den wir überleben werden. Ein Polarstern unter dem eigenen Laken. Der Ursprung von Schwarz und Weiss und alles was dazwischen liegt und der Ursprung von allem das uns verbindet...

Ein paar Stunden wachte ich auf dem Sofa in unserem Zimmer auf, Hans war soeben dabei, meiner Mutter den Rücken mit Piz Buin einzureiben. Ich hatte keine Ahnung wie ich hierher zurückgekommen war und so drehte ich mich erst einmal um, um zu sehen ob Vlad auch hier war. Er war es nicht. Ich fing an zu schwitzen. Am Gesichtsausdruck meiner Mutter liess sich nicht erkennen, ob sie über irgendetwas verärgert oder besorgt war. Sie hatte noch nicht bemerkt, dass ich wach war, also machte ich mich mit einem lauten Räuspern bemerkbar und bereitete mich innerlich auf einen Anschiss erster Güte vor. Der blieb jedoch aus. Sie hoben kurz ihre Köpfe und drehten sie dann sogleich nach links, denn im nächsten Moment tauchte Vlad in dichten Schwaden heissen Dampfes in der Badezimmertüre auf, wie die Gallionsfigur eines norwegischen Geisterschiffes das still schweigend durch die Nebel der grauen Nordsee treibt.
Meine Mutter wandte sich wieder mir zu: "Guten Morgen, Sohnemann!", flötete sie.
Mit einem erleichterten Seufzer liess ich meinen Kopf wieder aufs Kissen sinken. Ich würde mir nochmals 5 Minuten gönnen.

Und dann wachte ich wirklich auf.
Meine Mutter rüttelte an meiner Schulter, ihr Haar war zerzaust, ihr Gesicht in Falten: "Hey, aufstehen! Wach auf!!" Sie schmiss mich beinahe vom Sofa.
"Wo ist Vlad?"
Ich begriff nicht ganz was los war, meine Gedanken waren immer noch im Traum.
"Ich...was? Ich....eh? Vlad? Komm in 5 minuten nochmals, okay? Nur noch 5 Minuten..."
"Hey! NEIN! Jetzt wach auf!" Sie zog mir das Kissen unter dem Kopf weg.
"He! Was ist denn los?! Warum...? Was...Vlad? Der ist doch im Badezimmer, Himmel nochmal, was soll denn das, jetzt lass mich noch 5 Minuten schlafen, nur 5 Minuten, ich versprechs..."
Plötzlich musste sie lachen.
"Was sagst du? Im Badezimmer? Hahaha!" Sie wandte sich an Hans:
"Hans. Steve spinnt." Dann drehte sie sich wieder mir zu. Mit ihrem ganzen mütterlichen Ernst. (Und das will was heissen.)
"Vlad ist nicht hier. Und warum sind deine Kleider so schmutzig? Was habt ihr denn bloss getrieben? Habt ihr dermassen viel getrunken? Und wo ist Vlad?" Sie glich nun mehr einem Kondor als meiner Mutter.
So langsam kam ich zu Bewusstsein. Mein Gehirn war nichts als Matsch. Brei. Müsli. Zerstossen mit dem Alkohol-Mörser. Ich hatte keine Ahnung was los war. Vlad, meine Kleider, vergangene Nacht. Das letzte an was ich mich erinnern konnte, war wie wir mit irgendwelchen Amerikanern Billard gespielt hatten in der 50ies Bar.
Meine Mutter warf mir die Kleider der letzten Nacht auf die Brust. Das weisse Hemd stand vor Dreck und auch die Hosen wiesen mehrere Flecken und Spuren auf, besonders an den Knien und um den Arsch herum. Ich schnupperte daran. Erde. Hmm. Seltsam. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.
Erde? Keine Ahnung. Wo zum Teufel hatten wir uns bloss rumgetrieben? Und WO WAR VLAD? Ich fing an mir dieselbe Frage im selben ernsten Ton wie meine Mutter zu stellen. Doch alles was ich in meinem Schädel fand, war eine leere Gedächtnistruhe die nach feuchtem Staub, schalem Bier und heftigem Tabakniederschlag roch.

Die Vorhänge waren zurückgezogen und die Sonne knallte mir geradewegs in die Fresse. Und dann plötzlich erinnerte ich mich. Die 50ies Bar. Die Drinks. Bruce Springsteen. Die Amis. Ihr Hotelzimmer, das Fussballspiel, Vlad und der Kleine, Senegal am Tore ballern. Und dann? Dann muss ich weggesackt sein. Aber ich erinnerte mich wieder daran wie Vlad und ich mit zerknitterten Augen vor dem Zimmer der Amis rumstanden und eine Zigarette rauchten. Und dann hatten wir die schlaue Idee, ein Wettrennen zu machen, da das Hotel Shuttle um diese Zeit nicht mehr verkehrte. Ein Wettrennen mitten durch den Resort Dschungel hindurch. Wer von uns beiden am schnellsten zurück in unserem Zimmer sein würde. Dabei wussten wir nicht einmal wo wir uns befanden. Oder was der Preis für den Gewinner sein würde. Die 50ies Bar war bereits im anliegenden Resort und nicht mehr in unserem Iberostar. Ich erinnerte mich daran wie wir losrannten, querfeldein, über Rasen und Gebüsch, unter Palmen hindurch, über die gepflasterten Gehwege und an hübschen kleinen Teichen und Brunnen vorbei, wir wussten ungefähr in welcher Richtung unser Zimmer lag und PÄNG! haute es Vlad auf die Knochen, daran konnte ich mich noch erinnern, ich sah nur noch wie seine weisse Mähne in die Luft flog, wie die Flamme einer Kerze und dann sah ich nichts mehr von ihm, nur noch dunkles Gebüsch. Er hatte versucht, mitten hindurch zu rennen, anstatt darüber zu springen wie ich es getan hatte. Ich musste dermassen lachen, dass ich anhalten musste. Von Vlad war noch immer nichts zu sehen. Es tat sich überhaupt nichts, keinen Laut, kein Gefluche aus dem Blätterwerk. Ich wollte schon die 10m zurückgehen um nach dem Rechten sehen als er plötzlich emporschnellte und mit vollem Tempo an mir vorbeirannte. "Verflucht nochmal!"
Er hatte mich voll erwischt und nun musste ich mir alle Mühe geben ihn wieder einzuholen. Es schien unmöglich, ich konnte ihn kaum mehr sehen, manchmal flackerte seine weisse Mähne in der undurchdringlichen Dunkelheit auf, ich hatte keine Ahnung wo wir waren, im Moment sah es nicht grade nach Resort aus, obwohl es natürlich unmöglich war, dass wir irgendwo sonst waren. Dies hier war ALLES Resort, die ganze verdammte Ecke dieser brütenden Insel. Nach einer Weile kamen wir wieder in eine Bungalow Anlage und das Ganze sah wieder etwas vertrauter aus. Auch gab es hier wieder etwas mehr Licht und ich sah, dass Vlad keine 30 m vor mir war. Er rannte als ob der Leibhaftige hinter ihm her wäre. Wir waren nun schon sicher 2 Minuten am Rennen und am liebsten wäre ich stehengeblieben und hätte in die Büsche gekotzt. Aber daran war nicht zu denken. Der Suff trieb mich manisch weiter. Ich spuckte einen Klumpen Teer aus und verfeinerte meine Beinarbeit noch ein bisschen. Das Terrain wurde nun erneut etwas uneben und man musste aufpassen, dass man nicht auf die Schnauze fiel. Ich gab noch mehr Stoff, Vlad kam immer näher, es fehlten höchstens noch 10 m, er drehte sich nach mir um und als er mich sah, brach er in brüllendes Gelächter aus, welches ihn nochmals gut 5 Meter zurückwarf. Yes, Baby! Jetzt würde ich ihn einsacken, es fehlte nur noch ein kleines Stück, nur noch ein paar wenige Meter und - und ich fiel in voller Geschwindigkeit kopfüber auf die Fresse. Wie ein Verteidiger auf dem Fussballfeld der verzweifelt hinter dem schnelleren Stürmer hinterher rennt und schliesslich stolpernd das Gleichgewicht verliert weil er sich übernommen hat und zu schnell gerannt ist und mit rudernden Armen und hochfliegenden Schienbeinen in den Dreck stürzt. Wie ein Pinguin auf einer antarktischen Rutschbahn schlitterte ich auf dem Bauch einige Meter weit bis eine Kokospalme meiner Fahrt ein abruptes Ende bereitete. Ich krachte mit der rechten Schulter in sie hinein. Für einen Moment hielt ich den Atem an und legte meine Hände über den Kopf - für den Fall dass sich eine Kokosnuss gelöst hatte.
Aber es geschah nichts. Nichts ausser Vlads tierischem Gejohle. Er war stehengeblieben und krümmte sich vor Lachen. Ich musste selbst lachen, denn trotz allem tat mir so gut wie nichts weh. Wahrscheinlich würde ich es erst morgen beim Aufwachen so wirklich wissen. Zurzeit hätte man mir den kleinen Finger abhacken können und ich hätte dabei wahrscheinlich noch dumm gegrölt.
Also rappelte ich mich wieder auf, klopfte mich kurz ab und rannte dann los als ob ich Eidechsen im Arsch hätte. Vlad liess sich jedoch nicht täuschen und behielt seinen 10m Vorsprung wohlweislich bei. Wir rannten weiter für - sagen wir - 20 Sekunden. Dann wurde es wieder dunkler und zum ersten Mal hatte ich ernsthafte Zweifel ob wir unser Zimmer jemals finden würden. Ich dachte schon daran, nach Vlad zu schreien und ihn zum Anhalten zu bewegen. Doch dann erkannte ich eine Menge Lichter nicht allzu weit vor uns und ich legte nochmals einen Zahn zu. Und dann knallte es Vlad aufs Maul. Mitten in einem seichten Teich. Ich konnte es mir nur vorstellen, aber es musste ein Anblick zum Brüllen gewesen sein: Ich sah ihn vor mir, wie er in vollem Lauf in diesen Tümpel gerät und plötzlich realisiert, dass er nicht mehr festen Boden unter seinen fliegenden Füssen hat. Er muss dann wohl irgendwie versucht haben, die Geschwindigkeit zu drosseln, aber man weiss ja wie das ist, wenn man erst mal mit Höchstgeschwindigkeit am Rennen ist, kopflos und sich dann plötzlich inmitten von unerwarteten Problemen befindet, so als ob man völlig unerwartet einen Schuh verliert oder ein Reifen platzt auf der Autobahn...auf jeden Fall hatte er das Gleichgewicht verloren und war bäuchlings in den seichten Tümpel geklatscht und wie es das ungeschriebene Gesetz vorschrieb, hatte auch er sich in seiner Betrunkenheit nicht verletzt.
Dieses Mal würde ich also nicht anhalten und auf ihn warten, sondern geradewegs an ihm vorbeirauschen. Im Vorbeirennen warf ich einen Blick auf ihn: Wie ein Untoter erhob er sich aus den dunklen Fluten mit strähnigem Haar und Pflanzen auf den Schultern, die Kleider triefend und das schwarze Wasser bis hin zu den Knien. Ich lachte mir einen ab und fiel sogleich erneut auf die Fresse: Ein Hotelangestellter hatte seine Gärtner Ausrüstung vergessen einzupacken und ich verhedderte mich in vollem Fluge darin. Ich krachte kopfüber in die Dunkelheit, wurde jedoch von weichem Rasen empfangen. Ich war schnell wieder auf den Beinen und raste weiter. Die Lichter waren nun beinahe in Greifweite und ich rannte weiter ohne mich nach Vlad umzusehen. Ich erreichte ein Restaurant an welches ich mich zu erinnern glaubte und drehte nach dem grossen Buffet hart nach links ab, ich war mir ziemlich sicher, dass dort unser Bungalow lag. Es wurde wieder wieder dunkel und ich rannte weiter, in gutem Glauben, wie ein Knecht, der im Dienst seines ehrwürdigen Königs alle Mühen auf sich schultert. Nach einer Weile drehte ich mich nach Vlad um, doch es war nichts von ihm zu sehen. Zum zweiten Mal während dieser Jagd, dachte ich daran stehenzubleiben, doch dann hielt ich mir vor Augen, dass Vlad aus hartem Holz geschnitzt war und rannte grinsend weiter. Eigentlich rannte ich schon gar nicht mehr, es war eher ein Laufen. Aber ich kam gut vorwärts. Und nach einer weiteren falschen Abzweigung an der ich vorerst kurz stehengeblieben war um mich zu orientieren und zu welcher ich schon schnell wieder zurückkehrte, weil mir bewusst geworden war, dass ich den falschen Weg eingeschlagen hatte, begab ich mich schliesslich in die korrekte Richtung und stand kurz darauf vor unserem Bungalow. Ich schlug mir lachend auf die Schenkel. Dann schnappte ich nach Luft und erbrach mich in die Büsche, gleich vor die Türe unserer Nachbarn.

Und dann muss ich wohl nach oben gegangen sein, direkt ins Bett. Vielleicht hatte ich auch eine Weile auf Vlad gewartet. Vielleicht war ich ihn sogar suchen gegangen. Wie auch immer, es war auf jeden Fall klar, dass er den Weg zurück nie gefunden hatte und somit die Nacht irgendwo da draussen verbracht haben musste. Haha! Irgendwie tat er mir leid, aber andererseits musste ich auch lachen. Etwas Schlimmes konnte ihm ja nicht zugestossen sein, schliesslich waren wir hier in einer zivilisierten Oase, einer kapitalistischen Gummizelle, einem mit Plüschteppich gepanzerten Konsum-Paradies, kurz: in einem 5-Sterne Hotelkomplex. Die einzigen wilden Tiere waren Cucarachas und übergewichtige fettleibige Menschen auf der Suche nach konstantem Spass.
Ich raffte mich auf, setzte mir meine Kontaktlinsen ein und schlüpfte in frische Kleider. Die Sonne vor dem Zimmer traf mich mit voller Wucht, doch ich knackte eine Bierdose und machte mich auf den Weg. Als erstes richtete ich meinen Blick gen Himmel und suchte die vier Himmelsrichtungen nach kreisenden Geiern ab. Ich fand nichts als beruhigendes, freundliches Blau.
Keine Viertelstunde später traf ich auf Vlad, am Strand. Er lag im Schatten einer Kokospalme und nuckelte an einem Drink. Er schien einen äusserst zufriedenen Eindruck zu machen. Als ich mich neben ihn in den Schatten stellte, hob er kurz den Kopf und wies mich dann mit einer nonchalanten Handbewegung an, ihm Gesellschaft zu leisten, so als ob er mich jede Minute erwartet hätte.
Es stellte sich heraus, dass er sich tatsächlich verirrt und die Suche irgendwann aufgegeben hatte. Doch er war keineswegs verärgert deswegen, im Gegenteil. Er hatte eine der besten Nächte seines Lebens verbracht, in einem bequemen Liegestuhl unter einem wunderschönen Sternenhimmel, mit dem Gesang des Ozeans als Wiegenlied. Er strahlte vor Zufriedenheit und ich war froh darüber meinen Freund gesund und glücklich gefunden zu haben. Ich war dankbar für mein gesamtes Leben, wir genossen einzig und allein diesen gleissenden Augenblick, die Vergangenheit war unwichtig, ist immer unwichtig, das einzige was zählt ist die Gegenwart und zu jenem Zeitpunkt hätte ich meine Gegenwart für nichts in der Welt eingetauscht.
Über unseren Köpfen rauschten die Palmen unbeirrt weiter und die Wellen kamen und gingen und kamen und gingen und kamen und gingen bis wir selbst aufbrachen und gingen.

Um 16.00 Uhr ging ein Bus direkt vom Resort nach Higuey, von dort aus würden wir weiterziehen nach San Pedro de Macoris, wo wir erneut umsteigen würden um eine Nacht bei Papucho, meinem Voodoopriesterfreund, im Batey Jalonga, zwischen San Pedro und Hato Mayor verbringen würden. Doch wir verpassten den Bus nach Higuey, weil er ausnahmsweise pünktlich fuhr. Ich war mir solche Sachen in der Dominikanischen nicht mehr gewohnt. Um 16.10 Uhr standen wir wie zwei übergossene Pudel auf dem Ibero Parkplatz.
"Und was nun?"
Vlad kratzte sich am Bart. "Was fragst du mich? Auf einem Elchrücken werden wir hier wohl kaum rauskommen."
Wir beschlossen, uns noch ein letztes kostenloses Bier geben zu lassen und dann vor Hans auf die Knie zu fallen. Die Fahrt bis Higuey konnte nicht mehr als eine halbe Stunde dauern.
Er willigte widerstandslos ein. Dafür, dass er der Direktor einer Computerfirma war, war er verdammt relaxed. Die Karibik hatte ihn bereits eingesackt.
Kurz vor halb fünf bogen wir mit quietschenden Reifen auf die einwandfreie Einfahrt, welche uns schon bald auf die löchrige Landstrasse Richtung Higuey brachte. Einmal mehr was das Leben schlichtweg grossartig.

Eigentlich sollte diese Geschichte an dieser Stelle weitergehen, mit Sätzen wie: "Die dunkelgrüne Echsenschönheit der karibischen Hügel durchleuchtete unsere Kopfstützen während der Bus auf sattfeuchtem Asphalt seine Kokosrunden drehte und wir von Rum träumten, der auf eben diesen Feldern geernet wurde, von schwieligen Händen und schweisstropfenden Strohhüten mit dem Schwirren der Grillen im Hintergrund und - "
Aber so wird diese Geschichte nicht weitergehen.
Sie wird so enden.
Mit schwarz-grünen Spuren unter den Reifen, mit höllisch heisser Luft in den Tränendrüsen, mit nie endendem Verlangen nach mehr, mehr Hitze, mehr unsinnigen Meilensteilen, von Kaugummi und Spucke verklebt, eher ein Zeichen für Dinge die sich nicht messen lassen, als ein Merkmal für Erreichtes; für Fragen die mit Fragen beantwortet werden, für disharmonische Melodien, für Kriege die mit einem Grinsen gelöst werden und für Picknicks die mit blutigen Marmeladen bestrichen sind und für lang vergessene Photographien die dich dazu bewegen, dein Leben auf den Kopf zu stellen, um 3.30 Uhr in der Nacht.

Wer gedacht hat, dass das Leben in der Karibik anders ist - hat sich nicht getäuscht: Es ist anders. Aber nicht so, wie du es dir vorgestellt hast. Die Palmen gehören auf deinen Traum-Estrich, die Wirklichkeit nimmt alle deine restlichen Sinne in Anspruch.
Und während wir alle auf Neuigkeiten warten, hält unser Bus an einem Ort wo die einzigen Neuigkeiten darin bestehen, dass dann und wann ein Bus hält.

Weitere Storys von Steve:

auf der Suche nach Gaagaa